Rezension über:

Stéphane Benoist / Anne Daguet-Gagey / Christine Hoët-van Cauwenberghe: Une mémoire en actes. Espaces, figures et discours dans le monde romain, Villeneuve d'Ascq: Presses Universitaires du Septentrion 2016, 319 S., ISBN 978-2-7574-1271-8, EUR 28,00
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Rezension von:
Muriel Moser-Gerber
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Muriel Moser-Gerber: Rezension von: Stéphane Benoist / Anne Daguet-Gagey / Christine Hoët-van Cauwenberghe: Une mémoire en actes. Espaces, figures et discours dans le monde romain, Villeneuve d'Ascq: Presses Universitaires du Septentrion 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/28665.html


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Stéphane Benoist / Anne Daguet-Gagey / Christine Hoët-van Cauwenberghe: Une mémoire en actes

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Althistorische Studien nehmen in jüngerer Zeit vermehrt Memorialkulturen in den Blick. Aufbauend auf Noras einflussreichem Konzept der lieux de mémoire sind viele Erinnerungsorte der griechischen und römischen Geschichte betrachtet worden; untersucht wurde auch die identitätsstiftende Rolle von Erinnerung, die Tilgung von Erinnerung oder das Verhältnis von Erinnerung und Macht. [1] Im vorliegenden Band werden die Entstehung, Veränderung und Aktualisierungen von Vergangenheitsbildern und Erinnerungsnarrativen in römischer Zeit näher betrachtet. Er ist in drei Teile gegliedert, deren drei Beiträgen je eine kurze Einführung vorangestellt ist. Nach den Monumenten und Räumen werden historische Gestalten und schließlich historische Narrative untersucht.

Den Beobachtungen vorangestellt sind zwei längere Einleitungen, die den Ansatz und Kontext der Untersuchungen umreißen. Thomas Späths Einleitung skizziert den theoretischen Ausgangspunkt und Anspruch der Beiträge. Sie bietet zunächst eine prägnante Synthese von Maurice Halbwachs Vorstellung der kollektiven Erinnerung und deren Kritik und Erweiterung durch Patrick Hutton sowie Jan und Aleida Assmann.

Alle drei sprächen sich für eine Unterscheidung einer eher statischen, formalistischen Erinnerung von einer lebendigeren, alltäglichen Erinnerung aus. Tradition, Rememoration oder kultureller Erinnerung wird die repetitive oder kollektive Erinnerung entgegengestellt. Allerdings, so Späth, zeige z.B. der Umgang mit exempla im öffentlichen und privaten Raum in Rom, dass sich diese Trennung in der römischen Antike so nicht beobachten lasse. Er ruft daher dazu auf, die künstliche Trennung von kultureller Erinnerung als System und kommunikativer Erinnerung als ungeregeltes Alltagsphänomen zu überwinden und stattdessen die Dynamiken der sozialen Praktiken der römischen Erinnerung zu betrachten.

Hier macht er drei Ausgangspunkte aus: Die Untersuchung der beteiligten Akteure erlaube es nachzuzeichnen, wie Elemente der kulturellen Erinnerung in die Aktualität einer sozialen Gruppe eingeführt werden; Kontext und Materialität ließen dann auch Rückschlüsse auf ihre jeweilige Funktion zu. Wichtig sei zweitens eine diachrone Betrachtung. Denn nur sie erlaube es herauszustellen, welche Signifikanz der Aktualisierung von Bildern in der kulturellen Erinnerung der betrachteten Personen zukomme. Zusammen ermögliche dieses Herangehen, Erinnerung als Prozess innerhalb sozialer Gruppen herauszuarbeiten. Auch könnten so die Abläufe dieser Prozesse als Praktiken, als Erinnerung in Handlungen, skizziert werden.

Das zweite Einleitungskapitel von Onno van Nijf betont die Wechselseitigkeit von Erinnerungshandlungen (hier öffentliche Ehrenmonumente in griechischen Städten) und deren politischer Bedeutung. Van Nijf unterstreicht auch die zentrale Rolle von Visibilität und Nachahmung in Erinnerungshandlungen, die besonders im öffentlichen Raum Relevanz hatten.

Es folgt der erste Teil, der monumenta und Räume im römischen Reich in diachroner Perspektive betrachtet. Besonders hervorzuheben ist die Beiträge von Jean-Pierre Guilhembet zur Rolle der memorialen Funktion von römischen Stadthäusern in den Machtkämpfen Roms. Erhellend ist auch Joëlle Prims Aufsatz zum Aventin als Spiegelfläche verschiedener republikanischer und augusteischer Narrative über die politische Rolle der römischen Plebs. Aber auch Cédric Brelaz' Überlegungen zur römischen Kolonie in Philippi zeigen, wie kulturelle Erinnerung im Alltäglichen der ständigen Erneuerung bzw. Auswahl unterlag, um Identität und Rückhalt stiften zu können.

Teil 2 wendet sich dem Umgang mit historischen Gestalten zu. Neben Christine Hoët-Van Cauwenberghes konzisem Überblick zur Genese von Erinnerungsbildern durch Einzelpersonen oder Gruppen im Allgemeinen liefert Clément Chillet einen anregenden Beitrag zu den Veränderungen in der Wahrnehmung und Ausgestaltung der Figur des Maecenas. Chillet zeigt auf, wie von Maecenas' Lebzeiten bis in die Neuzeit hinein bestimmte Facetten der historischen Figur in der Erinnerung je nach politischem Kontext akzentuiert oder unterschlagen wurden. In ähnlicher Weise untersucht Ida Gilda Mastrorosa im 3. Teil des Bandes, der sich stärker den Erinnerungsnarrativen zuwendet, das Bild des römischen Politikers Lucullus in der Literatur der Kaiserzeit. Dies oszilliert kontinuierlich und je nach Autor und Intention zwischen dem Bild des Generals und dem des Luxusliebhabers. Im Kontext der Beschäftigung mit exempla im römischen Reich ist Gabriel de Bruyns Aufsatz interessant, der der Entstehung einer regionalen exempla-Tradition in kaiserlichen Statuengruppen in den Städten Nordafrikas nachgeht.

Kaisermonumente sind auch bei Maria Kantiréa Ausgangspunkt für die Untersuchung der kreativen Darstellung der Beziehung der iulisch-claudischen Familie zu Ilion-Troia, dem Geburtsort ihres imaginären Stammvaters Aeneas. Münzen wiederum sind Ausgangspunkt für Anne Daguet-Gageys Untersuchungen zur Rolle des Rombildes während der Herrschaft des Priscus Attalus im Kontext der Gotenangriffe im 5. Jh. Jean-Christophe Jolivets Beitrag schließlich geht der Entstehung eines monumentum in Tacitus' Beschreibung des Schlachtfeldbesuches von Germanicus im Teutoburger Wald nach.

Martin Galiniers Schlusswort fasst die Ergebnisse kurz zusammen und fügt Plinius' Überlegungen zur Rolle von Bildern, imagines, in der römischen Erinnerungskultur hinzu. Wie Galinier hervorhebt, zeigen die Beiträge die Komplexität und die Fluidität der Herangehensweisen im Umgang mit Vergangenheit in der römischen Kultur. An einzelnen Orten entstanden sowohl in sehr kleinen aber auch über große Zeiträume hinweg Erinnerungskonflikte. Einzelne Orte, Persönlichkeiten und Geschehnisse werden in variierenden Facetten und multiplen Bildern transportiert, die in Konkurrenz zu einander standen, umstritten waren und ausgelöscht werden konnten. In den Beiträgen von Guilhembet, Prim, Brélaz, Chillet, Mastrorosa und de Bruyn wird der Filter der Erinnerung besonders deutlich.

Memoire en actes ist damit ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatten zum Umgang mit Vergangenheit im römischen Reich. Er stellt die sozialen Praktiken des Erinnerns in den Mittelpunkt der Untersuchung und vermag daher, Späths Appell folgend, das Ineinandergreifen von kultureller und kommunikativer Erinnerung in römischer Zeit herauszustreichen. So wird deutlich, dass einzelne Erinnerungshandlungen nur eine Momentaufnahme in einem kontinuierlichen Prozess der Erinnerung darstellen, der von Fluktuation, Selektion und Konkurrenz geprägt war und auch in den relativ stabilen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen des römischen Reiches ständigem Wandel unterlag.


Anmerkung:

[1] Zu römischer Republik und Prinzipat z.B. Catherine Baroin: Se souvenir à Rome, Paris 2010; Stéphane Benoist (éd.): Mémoire et histoire: les procédures de condamnation dans l'antiquité romaine, Metz 2007; Harriet Flower: The art of forgetting. Disgrace and oblivion in Roman political culture, Chapel Hill 2006; Elke Stein-Hölkeskamp / Karl-Joachim Hölkeskamp (Hgg.): Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt, München 2006; Uwe Walter: Memoria und res publica. Zur Gesellschaftskultur im republikanischen Rom. Frankfurt am Main 2004.

Muriel Moser-Gerber