Rezension über:

Volker Zimmermann / Michal Pullmann (Hgg.): Ordnung und Sicherheit, Devianz und Kriminalität im Staatssozialismus. Tschechoslowakei und DDR 1948/49-1989 (= Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum; Bd. 34), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, VI + 486 S., ISBN 978-3-525-37308-8, EUR 69,99
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Rezension von:
Franziska Kuschel
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Franziska Kuschel: Rezension von: Volker Zimmermann / Michal Pullmann (Hgg.): Ordnung und Sicherheit, Devianz und Kriminalität im Staatssozialismus. Tschechoslowakei und DDR 1948/49-1989, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 6 [15.06.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/06/26912.html


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Volker Zimmermann / Michal Pullmann (Hgg.): Ordnung und Sicherheit, Devianz und Kriminalität im Staatssozialismus

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Kriminalität und Devianz galten gemäß marxistisch-leninistischer Ideologie als Relikte "bürgerlicher" Gesellschaften und als Störfaktoren, die der versprochenen Ordnung und Sicherheit sozialistisch verfasster Gesellschaften entgegenstanden. Die Analyse dessen, was als Abweichung und Fehlentwicklung vonseiten der staatssozialistischen Diktaturen angesehen wurde und wie sich die Wahrnehmungen und das Vorgehen gegen Kriminalität und nonkonformes Verhalten veränderten, erlauben es, Aussagen über das Selbstverständnis der sozialistischen Regime und Gesellschaften zu treffen.

An diesem Punkt setzt ein von Volker Zimmermann und Michal Pullmann herausgegebener Sammelband an, der sich in 18 Beiträgen dem Verhältnis von Ordnung und Sicherheit sowie Devianz und Kriminalität widmet. Ausgehend von der Feststellung, dass Kriminalität und Devianz auch in den staatssozialistischen Regimen einen "einflussreichen Faktor der sozialen und politischen Ordnung" (2) darstellten, ist es der Anspruch von Zimmermann und Pullmann, einen Beitrag zur Erforschung der Gesellschaftsgeschichte des Staatssozialismus zu leisten. Entsprechend stellt die Publikation nicht die Arbeit der Staatssicherheitsapparate, die politische Verfolgung und die Opposition in den Mittelpunkt, sondern das Interesse gilt im Besonderen der Kriminalpolitik sowie den Alltagsdimensionen von Devianz und Kriminalität. Die Autoren untersuchen Formen staatlicher Intervention gegenüber kriminellem und abweichendem Handeln sowie die Normierung und Sicherung staatlich erwünschten, "normalen" Verhaltens am Beispiel der DDR und der Tschechoslowakei im Zeitraum 1948/49 bis 1989.

Während sich die DDR-Forschung seit Längerem Themenfeldern der Alltagskriminalität und Devianz, wie etwa der Jugenddelinquenz und dem Umgang mit Randgruppen widmet, sind vergleichbare Studien für die Tschechoslowakei bislang selten. Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt folglich auf dem Beispiel der Tschechoslowakei; einige Beiträge nehmen darüber hinaus eine vergleichende Perspektive ein.

In fünf Kapiteln bietet der Band ein großes Panorama an Einzelstudien: So wird erstens nach den Traditionen des Polizeiverständnisses und dem Beitrag von Sicherheit und Ordnung für die Legitimität bzw. den Legitimitätsverlust staatssozialistischer Herrschaft gefragt. Anschließend richtet sich - zweitens - der Fokus auf die Polizeiorgane in beiden Staaten. Neben der Frage des Verhältnisses von Volkspolizei und Staatssicherheitsdienst wird die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern bei der politischen und sozialen Kontrolle ebenso untersucht wie die mediale Darstellung "sozialistischer Ordnungshüter" und Verbrechen in tschechischen Kino- und Fernsehfilmen. Drittens analysieren mehrere Studien Fragen der Erziehung zum "sozialistischen Menschen" am Beispiel der Jugendkriminalität. Ein viertes Kapitel widmet sich speziellen Deliktarten wie etwa Korruption, Bestechung oder Drogenabhängigkeit. Schließlich fragen Autoren im abschließenden fünften Teil nach den Grenzen der Toleranz gegenüber als "abweichend" wahrgenommenen Subkulturen.

Grundlegende Fragen des Verständnisses von Ordnung und Sicherheit behandeln eingangs die Beiträge von Thomas Lindenberger, Michal Pullmann und Volker Zimmermann. Während es bis zum frühen 20. Jahrhundert zu einem Rückzug des Staates auf den Bereich der negativen Gefahrenabwehr gekommen war, zeigt Lindenberger, dass in der DDR historische Traditionslinien der "guten Polizey" fortwirkten und der Sicherheits- und Ordnungsbegriff in der DDR auch den Anspruch von Wohlfahrt und öffentlicher Ordnung beinhaltete. Nicht zuletzt durch die Utopie, Ökonomie und Sicherheit zu verschmelzen, kam es in der DDR zu einer Ausweitung polizeilicher Zuständigkeiten, etwa im Bereich des Betriebsschutzes. Die Sicherung des öffentlichen Lebens vor Störungen und die Schaffung vorhersehbarer Abläufe stellten eine zentrale Legitimationsgrundlage der SED-Herrschaft dar.

Das Normalitätsversprechen gedieh auch für den Fall der Tschechoslowakei zur Legitimationsgrundlage, wie Michal Pullmann in seinem Beitrag konstatiert. Die kommunistische Führung versuchte mit der Restaurierung ihrer Herrschaft nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings", den Schein des konfliktfreien Zusammenlebens der Bürger zu wahren. Gewaltpraktiken gegen als "asozial" wahrgenommene und andere ausgegrenzte Gruppen verschwanden dabei nicht, sondern fanden lediglich im Geheimen, versteckt vor der Mehrheitsgesellschaft statt.

Volker Zimmermanns Beitrag widmet sich der "sozialistischen Kriminologie" im Staatssozialismus und nimmt die Kriminalstatistiken in den Blick. Mithilfe der Forschungsergebnisse der Kriminologen, so Zimmermanns These, hätten die kommunistischen Führungen über die krisenhaften Entwicklungen der 1970er und 1980er Jahre im Bilde sein können. Jedoch nutzten sie deren Potential zur Bekämpfung der Kriminalität nicht, da eine effektive Prävention umfassende wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen erfordert hätte. Diese Diskrepanz zwischen Empirie und Praxis trug letztlich zur Systemstabilisierung bei.

Die These der das System zunächst stabilisierenden Effekte betont auch Tomáš Vilímek, der den Diebstahl von sozialistischem Eigentum und den Kampf gegen Wirtschaftskriminalität am Beispiel eines tschechischen Automobilwerks untersucht. Er zeigt überzeugend, wie einerseits alltäglich, weit verbreitet und gesellschaftlich weitgehend toleriert dieses Phänomen war, und wie sich andererseits die Konsequenzen eines aufgedeckten Diebstahls je nach gesellschaftlicher Stellung unterschieden. Vilímek konstatiert vor diesem Hintergrund negative Auswirkungen auf das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen und einen Verfall der "sozialistischen Moral".

Wie eng die Grenzen der Toleranz im Umgang mit abweichenden Verhalten bisweilen aber auch sein konnten, macht der Beitrag von Eva Pluhařová-Grigiené deutlich. Sie widmet sich den Grenzen der Darstellbarkeit von Abweichung in der tschechoslowakischen Fotografie am Beispiel Jindřich Štreits. Dessen fotografisches Schaffen versuchte die soziale Wirklichkeit auf dem Land darzustellen, was die Staatsmacht schließlich strafrechtlich ahndete. Was nicht in die sozialistische Bildwelt passte, durfte auch nicht gezeigt werden und das Fotografieren des nicht Erwünschten wurde selbst zum devianten Verhalten.

Einen Schwerpunkt des Bandes bilden - dem Trend der aktuellen Forschung folgend - Beiträge über Fragen der Jugendkriminalität und als deviant angesehene Jugendliche. Besonders spannende und neue Erkenntnisse finden sich vor allem in vergleichend angelegten Beiträgen. Hervorzuheben ist beispielsweise der Aufsatz von Matěj Kotalík über "Rowdytum" in der DDR und Tschechoslowakei, der nach den Vorbildern bei der polizeilichen Bekämpfung fragt. Er arbeitet den Einfluss des sowjetischen Konzepts des "chuliganstvo" heraus, das in der Tschechoslowakei und in modifizierter Form auch in der DDR übernommen wurde. Es ermöglichte, die Ursachen des Phänomens "Rowdytum" in doppelter Hinsicht zu externalisieren: als Relikt der Vergangenheit und als ideologischer Einfluss des Westens. In den 1960er Jahren, so kann Kotalík zeigen, differenzierte sich die Wahrnehmung dieses Phänomens parallel mit der Rezeption westlicher Forschungsansätze, die es auch ermöglichte, die innergesellschaftlichen Ursachen zu analysieren. Dies korrespondiert mit den Ergebnissen von Esther Wahlen, die anhand der Diskurse über Punk in der Tschechoslowakei ebenfalls einen partiellen Wandel konstatiert. In den 1980er Jahren wurde das Thema zunehmend differenzierter diskutiert und es konnte nach den innerhalb der sozialistischen Gesellschaft liegenden Ursachen des Punk gefragt werden. Andere Autoren zeigen in ihren Studien, dass im Bereich der Jugendkriminalität die Forderungen nach einer vorrangigen Erziehung Jugendlicher zu "sozialistischen Menschen" nicht umgesetzt wurden, sondern in der Praxis die repressiven Maßnahmen dominierten, die letztlich dem Erfolg entgegenstanden. Schließlich brachte der Staatssozialismus erst bestimmte kriminelle Abweichungen hervor oder trug durch die Politisierung von jugendlichen Subkulturen und verstärkten Repressionsmaßnahmen zu einem Wandel im Selbstverständnis bei - von sich ursprünglich weitgehend als unpolitisch verstehenden Jugendlichen hin zu Gruppen mit oppositionellen Haltungen.

Die oftmals detailreichen, empirisch dichten Studien bieten dem Leser insgesamt einen guten Einblick in aktuelle Forschungsprojekte. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn die Beiträge stärker Bezüge innerhalb des Bandes hergestellt hätten oder ein Resümee die Einzelstudien in vergleichender Hinsicht gebündelt hätte. Ebenso hätten die Aufsätze stärker bereits abgeschlossene Forschungsarbeiten berücksichtigen können. Nicht zuletzt ließen sich Arbeiten zur medialen Darstellung "sozialistischer Ordnung" in der DDR [1] gewinnbringend für vergleichbare Arbeiten zur Tschechoslowakei einbeziehen. Diese Wünsche sind allerdings weniger als Vorwurf gegenüber den Autoren zu verstehen. Vielmehr kann resümiert werden, dass es das Verdienst des Sammelbandes ist, eine große Bandbreite an tschechischen und deutschen Forschungen zu präsentieren. Die Publikation trägt dazu bei, Perspektiven für weitergehende vergleichende Arbeiten zu öffnen, die jenseits der Themen politische Verfolgung und Opposition angesiedelt sind, und regt an, Fragen nach der Legitimierung von Herrschaft sowie nach den Grundlagen gesellschaftlicher Stabilität im Staatssozialismus zu vertiefen. Schließlich schaffen die Beiträge auch die Grundlagen dafür, künftig verstärkt Fragen nach den systemübergreifenden Gemeinsamkeiten und Unterschieden polizeilicher und gesellschaftlicher Praktiken in den Blick zu nehmen und Antworten darauf zu finden, inwiefern die Kriminalisierung bestimmten abweichenden Verhaltens insgesamt ein Phänomen moderner Gesellschaften darstellte.


Anmerkung:

[1] Andrea Guder: Genosse Hauptmann auf Verbrecherjagd. Der Krimi in Film und Fernsehen der DDR, Bonn 2003; Nora Hilgert: Unterhaltung, aber sicher! Populäre Repräsentationen von Recht und Ordnung in den Fernsehkrimis "Stahlnetz" und "Blaulicht", 1958/59-1968, Bielefeld 2013.

Franziska Kuschel