Rezension über:

Ute Frietsch: Häresie und Wissenschaft. Eine Genealogie der paracelsischen Alchemie, München: Wilhelm Fink 2013, 474 S., 15 Farbtafeln, ISBN 978-3-7705-5433-1, EUR 49,90
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Rezension von:
Claus Priesner
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Claus Priesner: Rezension von: Ute Frietsch: Häresie und Wissenschaft. Eine Genealogie der paracelsischen Alchemie, München: Wilhelm Fink 2013, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 5 [15.05.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/05/24157.html


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Ute Frietsch: Häresie und Wissenschaft

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Der Titel dieser umfangreichen und gründlichen Studie verbindet zwei Begriffe, die in der Geschichtsforschung selten kombiniert werden, nämlich den der religiösen Dogmatik jeglicher Couleur entlehnten Ausdruck "Häresie" und das Wort "Wissenschaft", das nach wie vor mit Vorstellungen von Objektivität und Seriosität verbunden wird. Allein diese Verbindung erregt schon eine gewisse Neugier; präzisiert wird das Assoziationsfeld durch den Untertitel, der auf die "Genealogie" der paracelsischen Alchemie verweist. Mit "Genealogie" wird hier die Rekonstruktion einer historischen Denkfigur beschrieben, nämlich der alchemisch-religiösen Theorien von Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493/94-1541) der sich selbst "Paracelsus" nannte und seiner Anhänger.

Nun ist zu Paracelsus als historische Gestalt und zu seinem alchemisch-medizinischen Werk schon eine Menge an gelehrten und (meist) weniger gelehrten Publikationen erschienen. Dennoch ist es der Autorin gelungen, einen bisher weitgehend vernachlässigten Aspekt der Paracelsus-Forschung zu beleuchten, nämlich die Genese seiner als "Chemiatrie" oder "Iatrochemie" bezeichneten medizinisch ausgerichteten Alchemie vor dem Hintergrund seines aus kirchlicher Perspektive häretischen christlichen Glaubensbegriffs. Der bemerkenswert enge Zusammenhang von Religion und Naturmagie wird von Frietsch an vielen Einzelbeispielen veranschaulicht. Problematisch erscheint dem Rezensenten allerdings der Begriff "Wissenschaft" insofern, als es eine Wissenschaft im modernen Sinne von "Scientia" bzw. "Science" im 16. Jahrhundert nicht gab.

In der Einleitung beschreibt Frietsch "Das paracelsische Dispositiv" und bezieht sich hier wie auch im Folgenden immer wieder auf Michel Foucaults philosophischen Ansatz, damit "ein Ensemble von Theoremen, Techniken, Praktiken, Instrumenten, kurz: den ganzen Apparat, der bereits in der Frühen Neuzeit zur sozialen Durchsetzung einer bestimmten Methode erforderlich war" zu beschreiben. Foucault ist für Frietschs Verfahren der Herstellung einer "Genealogie" entscheidend und bestimmt auch den Aufbau und v.a. die Betitelung der einzelnen Kapitel. Nach einem "Zugänge" überschriebenen Eingangskapitel folgt "Kapitel Zwei: Un/Sichtbarkeit (Das Geschlecht und die Bilder)", danach "Un/Sterblichkeit (Die Schrift und der Mensch)". Das vierte Kapitel beschreibt "Die Schöpfung im Glas (Instrumente und Figuren)", Kapitel fünf und sechs behandeln "Un/Empfindlichkeit (Räume und Stoffe)" bzw. "Genealogien". Die umfangreichen Kapitel sind jeweils in mehrere Unterabschnitte geteilt. Zum Schluss wird auf wenigen Seiten "Das Ringen um Wissenschaftlichkeit" erörtert, ehe der umfangreiche bibliografische Anhang sowie zwei Register den Band abschließen. 15 Farbtafeln befinden sich am Ende des Buchs, 40 kleinere Abbildungen in Schwarz-Weiß sind über den Text verteilt.

Die etwas kryptisch erscheinenden Überschriften der Kapitel beziehen sich auf Gegensatzpaare, die in den paracelsistischen Werken (worunter sowohl von Paracelsus stammenden Texte wie ihm unterschobene Werke zu verstehen sind) eine wichtige Rolle spielen. Der sprachliche Duktus des Werkes ist generell mehr wissenschaftstheoretisch als wissenschaftshistorisch und erfordert manchmal ein mehrmaliges Lesen einer Passage; gleichzeitig ist er aber auch sehr verdichtet und kommt ohne Sprachgirlanden aus.

Generell wirkt die Zuordnung bestimmter Abschnitte der sechs Hauptkapitel zu deren Überschriften nicht selten verwirrend. Die thematische Breite und methodische Tiefe des Buches sind beeindruckend, seine Einteilung aber nicht immer gut nachvollziehbar. Kapitel fünf ist überschrieben "Un/Empfindlichkeit (Räume und Stoffe)", der Abschnitt zwei nennt sich "Raummetaphysik" und enthält einen Teil "Fiat lux", der sich wiederum mit dem Begriff "fiat" auseinandersetzt. "Probieren" ist ein weiterer Begriff, den Frietsch hier untersucht; probieren konnte z.B. die Ermittlung des Feingehalts einer Münzen heißen, aber auch Gottesurteile in Form von "Proben" waren im Mittelalter bekannt. Ein religiöser Sinnbezug existierte, nach Frietsch, auch bei den Paracelsisten.

Im ersten Kapitel wird Paracelsus treffend als der "paradoxe Philosoph" vorgestellt. Diese Formulierung erscheint erstmals anno 1605 in einem chirurgischen Ergänzungsband zur Huserschen Paracelsus-Ausgabe und trifft aus zwei Gründen zu. Erstens, weil sich Paracelsus selbst nie als "Wissenschaftler" bezeichnet hätte, sondern als "Naturkündiger" oder "Philosoph" und zweitens, weil er "neben der orthodoxen oder gängigen Doxa eine weitere abweichende Lehre vertrat". (34) Dies kommt schon in den Titeln seiner Werke "Paramirum" und "Paragranum" zum Ausdruck und verweist zurück auf den eigentlichen Sinngehalt des Wortes "paradox" als "neben der herrschenden Lehre stehend". Bezogen auf den Titel ihres Buches bringt Frietsch damit zum Ausdruck, dass Paracelsus zwar nicht "orthodox" dachte, aber auch nicht heterodox oder häretisch war, wie es der Einschätzung der katholischen Index-Kongregation entsprach. Die Häretisierung der Alchemie durch die katholische Kirche war neu und durch Paracelsus und seine Anhänger bewirkt, da diese unter dem Eindruck der hermetischen Schriften und der von Marcilio Ficino und Pico della Mirandola entwickelten neuplatonischen Naturmagie den Anspruch erhoben, auch in theologischen Fragen kompetent zu sein (95). Im Großen und Ganzen entwickelten Paracelsus und seine Schule eine eigene, auf gnostisch-neuplatonischer bzw. christlich-kabbalistischer Denkweise basierende Interpretation des Christentums, was sich insbesondere in seinem Konzept vom "Licht der Natur" ausdrückte. Paracelsus lehnte einerseits Aristoteles mit der Begründung ab, dieser sei ein "Heide" gewesen, hatte aber andererseits kein Problem damit, der Alchemie und der Naturmagie insgesamt göttliche Schöpferkräfte einzuräumen.

Das dritte Kapitel - Un/Sterblichkeit - "spezifiziert das paracelsische Verständnis von Schöpfung, indem es die paracelsische Unterscheidung des Sterblichen vom Nicht-Sterblichen [...] expliziert." (181) Das vierte Kapitel nimmt die Laborgeräte der Alchemisten / Paracelsisten ins Visier. Das "Glas" als typisches Behältnis steht dabei einerseits für die Abschließung eines Vorgangs vom Rest der Welt und andererseits für die Erzeugung von so in der Natur nicht Vorhandenem. Aus Sicht des Rezensenten besonders interessant sind die beiden Abschnitte "Pandora oder die Gabe Gottes" und "Donum Dei". Nach der griechischen Mythologie ließ der Göttervater Zeus durch Hephaistos die Pandora schaffen, um sich für den Diebstahl des Feuers durch Prometheus zu rächen. Die Büchse der Pandora enthält alle Übel der Welt, aber, als letzte Gabe, die Hoffnung. Die Pandora-Mythe entspricht in Inhalt und Aufbau der Rolle der biblischen Eva, mit der ebenfalls das Böse in die Welt kam. Soweit bekannt, war der Paracelsist Hieronymus Reusner der Erste, der die Pandora-Mythe mit der Alchemie in Verbindung brachte. Er veröffentlichte 1582 zusammen mit dem Basler Arzt und Paracelsisten Theodor Zwinger ein Werk mit der Titel "Pandora: Das ist / Die edelst Gab Gottes / oder der werde und heilsame Stein der Weysen / mit welchem die alten Philosophi / auch THEOPHRASTUS PARACELSUS die unvollkommene Metallen durch gewalt des Fewrs verbessert etc." Das Buch war eine alchemische Kompilation, persiflierte aber zugleich die hochgeschätzte Schrift "Donum Dei", die den Anfang der Kompilation bildet. Die Kombination des Stein der Weisen als der ultimativen Gabe Gottes mit der Unglücksbringerin Pandora ist in jedem Fall originell und zeugt von einem gewissen Humor.

Im sechsten Kapitel, überschrieben mit "Genealogien", wendet sich Frietsch der Wirkungsgeschichte des Paracelsismus zu. Eines seiner Merkmale ist sicherlich die Signaturenlehre, die die Autorin aber nur am Rande behandelt. Sie geht vielmehr auf das Denken in Analogien ein, das nach Foucault als typisch für das abendländische Denken des 15. bis 17. Jahrhunderts gilt. Weshalb diese Einschränkung vorgenommen wird, ist dem Rezensenten unklar, denn diese Art zu denken existiert schon seit der Zeit der Babylonier und ist heute lebendig wie eh und je. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt auf der modernen Paracelsus-Rezeption, die unter dem Titel "Paracelsus und die moderne Krise der Medizin" untersucht wird. Die Paracelsus-Auffassung Karl Sudhoffs und die Verbindungen zur sich formierenden Naturheilkunde werden vor dem Hintergrund einer "Krise der Medizin" im 20. Jahrhundert erörtert. Die Vereinnahmung des Paracelsismus erfolgte bekanntlich auch durch die Nationalsozialisten, deren Kritik an der rationalistischen Moderne sie in die Nähe der neoromantischen Naturverehrung und der Lebensreformbewegung brachte und bis heute nachwirkt. Abschließend wird auch die Tiefenpsychologie C. G. Jungs knapp behandelt und Jung hierbei als durchaus aufgeschlossen für den NS-Germanenkult geschildert. Am Ende wird auf wenigen Seiten noch das "Ringen um Wissenschaftlichkeit" thematisiert, indem die Bedeutung des Ausdrucks "pseudo" in diesem Kontext sowohl etymologisch wie historisch diskutiert wird.

Es ist das Verdienst von Ute Frietsch mit ihrer fundierten Studie einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zu einem umfassenderen Paracelsus-Bild gegangen zu sein.

Claus Priesner