Rezension über:

Anna Bischof / Zuzana Jürgens (eds.): Voices of Freedom - Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; Bd. 130), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015, 294 S., 7 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-37310-1, EUR 49,99
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Rezension von:
Thomas Birkner
Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Agnes Bresselau von Bressensdorf im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Birkner: Rezension von: Anna Bischof / Zuzana Jürgens (eds.): Voices of Freedom - Western Interference? 60 Years of Radio Free Europe, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/26679.html


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Anna Bischof / Zuzana Jürgens (eds.): Voices of Freedom - Western Interference?

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Welche Stimme würden sich wohl heute die verzweifelnden Griechen für ein freies Europa wünschen, die bankrotten Iren oder die wütenden Spanier? Als Radio Free Europe (RFE) 1951 auf Sendung ging, wollte es "the Voice of Free Czechs and Slovaks" (XI) sein. 60 Jahre später fand an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München eine Konferenz statt, die das Ziel hatte, sich umfassend und kritisch mit der Geschichte von RFE zu befassen. Der vorliegende Band, herausgegeben von Anna Bischof und Zuzana Jürgens, dokumentiert die Ergebnisse der damaligen Tagung. Das ehemalige Gebäude von RFE in München, direkt am Englischen Garten gelegen, beherbergt heute Teile der LMU, unter anderem das Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, wo der Rezensent ein Semester lang eine Professur vertreten hat. Der Mobilfunkempfang ist aufgrund der abhörsicheren Bauweise des Gebäudes lausig und immer noch erzählen sich die Kolleginnen und Kollegen die Agentengeschichten, die sich dort abgespielt haben sollen. Anna Bischof und Zuzana Jürgens aber wollen mit ihrem Sammelband dazu beitragen, den Kalten Krieg zu historisieren, wie dies etwa von den Kollegen Akira Iriye, Artemy M. Kalinovsky und Craig Daigle und Frederico Romero eingefordert und auch eingelöst wird (1). Sie nehmen sich dabei eines wichtigen, in der Geschichtswissenschaft zunehmend boomenden Gegenstandes an: der Medien. Die hier versammelte Forschung trifft sich an der Schnittstelle von Medien-, Kommunikations- und Geschichtswissenschaft und arbeitet historisch und mit Mitteln der Journalismusforschung verschiedenste und ineinandergreifende Aspekte der Kommunikations-, Medien und Kulturgeschichte des Kalten Krieges auf.

Radio Free Europe erscheint dabei ein geeignetes Objekt, das hier sowohl als politisches Instrument des Westens als auch als alternativer Zugang zu Nachrichten im Osten in den Blick genommen wird. Eine prominente Rolle in der Forschung zu RFE und Radio Liberty (RL) nimmt A. Ross Johnson ein, der von 1988 bis 2002 "senior RFE/RL executive" war (285) und heute in der Funktion des "RFE/RL advisor for archives" (8) auch Tagungen organisiert und bedeutende Publikationen in dem Bereich vorgelegt hat. Dabei hat er sich auch mit der Rolle der CIA bei RFE beschäftigt, was unter anderem Simo Mikkonen, research fellow der Academy of Finnland und Adjunct Professor für russische Geschichte an der Universität von Jyväskylä, betont (16). Mit der Rolle der CIA beschäftigt sich im vorliegenden Band Richard H. Cummings, einst Sicherheitsdirektor von RFE/RL in München. Der transnationale Ansatz der Tagung wird auch im Buch sichtbar, wobei im Folgenden nur einige, ausgewählte Beiträge besprochen werden (können).

Susan D. Haas, Lecturer an der Annenberg School for Communication und der University of Pennsylvania etwa hat für ihre Dissertation über einhundert aufwändige Tiefeninterviews in Deutschland, Ungarn, der Tschechischen Republik, Rumänien, Großbritannien und den USA geführt. In ihrem Beitrag beleuchtet sie vor allem das Selbstverständnis der Journalisten im Central Newsroom von RFE, die es aushalten mussten, für die Regierung zu arbeiten und somit dem Selbstbild des amerikanischen Journalisten so gar nicht zu entsprechen. Sie waren "professionally stateless, residents of an inland in jounalistically uncharted territory" (175). Hinzu kommt, dass sie zunächst in der jungen Bundesrepublik nicht gerade willkommen waren. A. Ross Johnson beschäftigt sich in seinem Beitrag mit "RFE in the Federal Republic of Germany" als "The Uninvited Guest". RFE sei, so Konrad Adenauer im April 1952 gegenüber der Alliierten Hohen Kommission, "very unwelcome" (78). Dass Johnson dabei Herbert Wehner zum "leader" der SPD macht (78) und diese als vom CIA-Offiziellen Fred Valentin mit aufgebaut bezeichnet (84), irritiert allerdings. Während sich das Bild von RFE in Deutschland insgesamt nur langsam wandelte, betonten ehemalige Dissidenten wie Lech Waleca, Václav Havel und andere die Bedeutung von RFE, so Johnson. Als tschechischer Präsident holte Havel den Sender gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten Václav Klaus schließlich sogar nach Prag, als dieser unter der Clinton-Administration von drastischen Budgetkürzungen bedroht war (90f.).

Eine ernsthafte Gefahr für den Sender stellten während des Kalten Krieges unter anderem Terroristen dar. Das Ceausescu-Regime soll 1981 den internationalen Terroristen Carlos beauftragt haben, einen Sprengstoffanschlag auf das RFE auszuführen (195). So erzählt es Petru Werner, der in seinem sehr kurzen Beitrag den rumänischen und ungarischen Dienst von RFE daraufhin untersucht, inwieweit damit Aufmerksamkeit für den Umgang des Ceausescu-Regimes mit ethnischen Minderheiten geschaffen wurde. Annamaria Neag und Helena Sandberg beschäftigt schließlich die Frage, wie über das Ende des Ceausescu-Regimes im dramatischen Dezember 1989 von München aus von RFE berichtet wurde. Basierend auf Erving Goffmans Arbeiten nutzen sie hierzu die "dramaturgical analysis method" (179). Ihre qualitative Fallstudie verwendet zum einen 22 Radiosendungen von RFEs rumänischem Service und zum anderen semistrukturierte Interviews mit zwei Journalisten vom rumänischem Service von RFE sowie zwei amerikanischen Offiziellen, die damals in Entscheiderpositionen waren, darunter der schon erwähnte A. Ross Johnson. Die Autorinnen setzen die unterschiedlichen Akteure dramaturgisch wie in einem Theaterstück zueinander in Beziehung und kommen so zu dem Ergebnis, "that RFE made use of journalistic tools at its disposal to help bring it about that the revolutionary 'play' was to end with the downfall of Communism" (193).

Mit dem Ende des Kalten Krieges siedelte RFE nach Prag über, um von dort aus in Richtung Balkan, Iran, Irak, Afghanistan und Pakistan zu wirken (6). Es war immer dazu da, aus der Freiheit heraus in die Unfreiheit zu senden. Der Band wird abgerundet durch Interviews mit Zeitzeugen und Experten, unter anderem mit dem viel zu früh verstorbenen Hans J. Kleinsteuber. Der Hamburger Kollege hat viel zu den (Un)Möglichkeiten einer Europäischen Öffentlichkeit geforscht. Er blieb bis zuletzt eher pessimistisch, denn "the presence of the European Union (EU) in international broadcasting is negligible" (282). Der von Bischof und Jürgens herausgegebene Band ist ein bedeutender Beitrag zur Historisierung des Kalten Krieges. Er belegt eindeutig, welch einflussreiche Rolle die Medien in dieser Epoche spielten und wie wichtig es ist, diese Rolle zu erforschen. Man kann nur wünschen, dass dabei medien-, kommunikations- und geschichtswissenschaftliche Kompetenzen stets so konstruktiv verzahnt werden, wie dies hier gelungen ist.

Thomas Birkner