Rezension über:

Christine Gadrat-Ouerfelli: Lire Marco Polo au Moyen Âge. Traduction, diffusion et réception du Devisement du monde, Turnhout: Brepols Publishers NV 2015, 531 S., 13 Farbabb., ISBN 978-2-503-55280-4, EUR 110,00
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Rezension von:
Albrecht Classen
German Studies, University of Arizona, Tucson, AZ
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Albrecht Classen: Rezension von: Christine Gadrat-Ouerfelli: Lire Marco Polo au Moyen Âge. Traduction, diffusion et réception du Devisement du monde, Turnhout: Brepols Publishers NV 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/28053.html


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Christine Gadrat-Ouerfelli: Lire Marco Polo au Moyen Âge

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In dieser großartigen, 2010 an der Université de Paris, Sorbonne, eingereichten, 2011 mit einem Preis ausgezeichneten Dissertation und nun endlich im Druck vorliegenden Arbeit hat sich Christine Gadrat-Ouerfelli einem komplexen Thema gewidmet, das pan-europäische Relevanz besitzt und vielfache Querverbindungen zu unterschiedlichen Lesergruppen aufweist, insoweit als hier die europäische Verbreitung und Rezeption des berühmten Reiseberichts Marco Polos im Mittelalter und in der frühen Neuzeit verfolgt wird. Die Autorin interessiert sich insbesondere dafür, von wem diese bahnbrechenden Aufzeichnungen des Venezianers Polo gelesen wurden, woran sich wahrnehmen lässt, welch einen weitreichenden Einfluss dieser Reisende mit seinen Beschreibungen in den verschiedensten Zirkeln Europas erzielen konnte.

Um ihre Ziele zu erreichen, musste sich Gadrat-Ouerfelli darum bemühen, soweit wie nur möglich die Masse an individuellen Manuskripten, dann sogar Inkunabeln und schließlich Frühdrucken zu autopsieren und kritisch zu sichten. Ihre Arbeit besteht also primär darin, die Verbreitung des Milione bzw. des Devisement du monde quer durch Europa zu verfolgen und die jeweiligen Überlieferungsgruppen genauer zu analysieren, um daraus Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wer wann Interesse an diesem Text zu erkennen gab, indem er entweder eine Kopie selbst erstellte oder durch Kauf erwarb, wozu noch zahlreiche Übersetzungen in die verschiedenen Sprachen Europas kommen. Hier wird aber primär 'nur' die handschriftliche Tradition verfolgt.

Das Buch gliedert sich somit in Großkapitel, die den individuellen Textsträngen gewidmet sind. Zunächst verfolgt die Autorin global die Textüberlieferung in den Volkssprachen: frankophone Tradition, Avignon, Toskana und Venedig, um dann die lateinische Tradition in den Blick zu nehmen, d.h. vor allem die Leistung Francesco Pipinos, dann Übersetzungen auf der Grundlage der Arbeit des letzteren ins Französische, Gälische, Tschechische, Venetianische, Portugiesische, und dann auch ins Deutsche. Die Autorin studiert einige der Versionen, scheint sie aber nicht immer selbst in Augenschein genommen zu haben. Dafür listet sie aber im Anhang alle ihr bekannten Handschriften auf, unter denen sich erheblich mehr deutsche finden, als dies im berühmten online Handschriftencensus von Marburg ( http://www.handschriftencensus.de/werke/1799) verzeichnet ist. Dort fehlen z.B. die Berliner Handschriften, zwei in Bern, eine in Erfurt etc., aber es wird aus dieser Liste nicht klar ersichtlich, ob es sich dabei um deutschsprachige oder französische etc. Textversionen handelt. Außerdem ist, wie die Autorin selbst hervorhebt, diese Liste nicht vollständig, sondern enthält nur diejenigen Manuskripte, die von ihr behandelt werden. Damit ist leider eine wichtige Chance vertan worden, ein wirklich dringendes Forschungsdesiderat zu füllen.

Konkret widmet sich Gadrat-Ouerfelli daraufhin der Frage, welche Lesergruppen sich ausmachen lassen, wobei sie auf Mitglieder monastischer Institutionen (insbesondere die Dominikaner), die Aristokratie, die italienischen Prinzen, Kaufleute und Ärzte hinweist. Zudem behandelt sie die Rezeption des Werks von Polo seitens Historiker bzw. Chronisten, wobei es dann allerdings zu einigen Wiederholungen kommt, vor allem was die Rolle Venedigs in diesem Verarbeitungs- und Vermittlungsprozess angeht.

Der dritte Teil ist der Rezeption des Devisement du monde im Spätmittelalter gewidmet, als zunehmend die weite Welt erkundet wurde und geographische Kenntnisse immer größere Bedeutung gewannen, die auf praktischer Erfahrung beruhten. Ganz konsequent endet dieser Abschnitt mit Reflexionen über das große Interesse von Kolumbus an Polos Werk, das ihm vermeintlich dazu verhalf, den Weg nach Asien zu finden, auch wenn er 'bloß' bis in die Karibik gelangte. Gadrat-Ouerfelli situiert das Werk Polos vor allem im humanistischen Kontext, wo intensiv über die geographischen Ausmaße der Welt diskutiert wurde. Sie beobachtet speziell im deutschsprachigen und osteuropäischen Raum eine intensive Rezeption von Polos Devisement in lateinischer Sprache, wozu noch Übersetzungen in die Volkssprachen treten.

Bemerkenswerterweise scheinen die Bearbeiter von Polos Text nördlich der Alpen umfassend einen geradezu 'wissenschaftlichen Apparat' erstellt zu haben durch vielfache marginale Glossen und Anmerkungen, worauf dann andere Lesekreise positiv reagierten. Im Grunde lässt sich konstatieren, dass Polos Arbeit zum Grundbestand praktisch aller wichtigen Bibliotheken geworden war und jeder Gebildete diesen Text kennen musste, wie die ungemein weite Verbreitung eindeutig belegt. Selbst der berühmte Erdglobus von Martin Behaim, zwischen 1490 und 1493 in Nürnberg geschaffen, spiegelt Erkenntnisse über den asiatischen Kontinent wider, die Polo vermittelt hatte. All dies besagt freilich nicht, wie die Autorin selbst deutlich hervorhebt, dass dessen Devisement als einzige Quelle benutzt wurde oder dieses Werk die empirischen Forschungen in den Schatten gestellt hätte - eher umgekehrt. Dennoch darf selbst bei Kolumbus eine gute Kenntnis dieses Textes nicht unbeachtet bleiben, der freilich häufig von den verschiedensten Entdeckern erst "après coup" (347) konsultiert wurde und selbst unter den Kritikern Kolumbus' als autoritative Quelle Ansehen genoss.

Diese große Arbeit von Gadrat-Ouerfelli im weiteren Detail zu rezensieren würde erheblich mehr Raum verlangen, als hier zur Verfügung steht, was an und für sich genommen bereits ein hohes Lob darstellt. Sie hat uns die Möglichkeit vermittelt, anhand der konkreten Betrachtung der Rezeptionsgeschichte Einblick zu gewinnen in den gelehrten Diskurs des Spätmittelalters bezogen auf Geographie, Anthropologie und dergleichen mehr. Dazu besitzt schließlich das genaue Verzeichnis aller konsultierten Handschriften im Anhang höchsten Wert, das nun 141 Einträge umfasst, leider ohne damit wirklich vollständig zu sein. Eine Liste der Inkunabeln und Frühdrücke wäre außerdem sehr wünschenswert gewesen. Weiterhin bietet die Autorin am Ende noch umfassende Überlegungen zur Stemmatologie der einzelnen Fassungen, gefolgt von einigen Textauszügen wichtiger Handschriften. Diese sehr gewichtige Studie (sowohl wörtlich als auch übertragen) schließt mit 13 meist farbigen Tafeln mit Abbildungen relevanter Texte. Nicht zu vergessen wären auch die Indices aller Handschriften, Namen und Orte.

Man kommt kaum aus dem Staunen über diese wirklich beeindruckende Arbeit hinaus, wenngleich man sich trotzdem noch eine Reihe von Ergänzungen gewünscht hätte. Es wird nicht deutlich, wie viele und welche Übersetzungen existierten und wie umfangreich die Druckgeschichte gewesen ist. Dem ungeachtet darf man dieser großen Studie höchste Anerkennung aussprechen, die als Meilenstein in der Forschung zu Marco Polo angesehen werden kann.

Albrecht Classen