Rezension über:

Astrid Habenstein: Abwesenheit von Rom. Aristokratische Interaktion in der späten römischen Republik und in der frühen Kaiserzeit, Heidelberg: Heidelberg University Publishing 2015, 362 S., ISBN 978-3-946054-00-9, EUR 39,80
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Isabelle Künzer
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Isabelle Künzer: Rezension von: Astrid Habenstein: Abwesenheit von Rom. Aristokratische Interaktion in der späten römischen Republik und in der frühen Kaiserzeit, Heidelberg: Heidelberg University Publishing 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/27861.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Astrid Habenstein: Abwesenheit von Rom

Textgröße: A A A

In der Zeit der römischen Republik wie auch im frühen Prinzipat war die Stadt Rom für die Angehörigen der Aristokratie das gesellschaftliche wie politische Interaktionszentrum. An diesem Kristallisationspunkt entwickelten Formen von Präsenz und Absenz besondere Symbolik, vor allem da Anwesenheit als Ideal und Voraussetzung für aristokratische Interaktion überhaupt gelten konnte. Den konkreten Funktionen aristokratischer Abwesenheit von der Hauptstadt und deren zeichenhaftem Charakter gilt die Berner Dissertation Astrid Habensteins.

Habenstein gliedert ihre Untersuchung in vier Teile. In der Einleitung stehen, angelehnt an die Forschungen Aloys Winterlings, Fragen nach der politischen Partizipation und der senatorisch-kaiserlichen Interaktionskultur, [1] nach der Differenzierung von Öffentlichkeit und Privatheit, die Habenstein zu Recht als eine simplifizierende Übertragung moderner Kategorien auf komplexe antike Verhältnisse ablehnt, [2] sowie theoretisch-methodische Überlegungen zur Interaktion im Vordergrund. In Auseinandersetzung mit gängigen soziologischen Interaktionstheorien plädiert Habenstein hinsichtlich der Interaktion zwischen römischen Aristokraten wohlüberlegt für Formen von Präsenz, die nicht notwendig auf die direkte physische Anwesenheit angewiesen waren, sondern die beispielsweise auch literarisch vermittelt werden konnten und die eine außerordentliche Symbolkraft besaßen.

Den Formen aristokratischer Absenz widmet sich Habenstein anhand dreier Schwerpunkte: der römischen Villegiatur, des bewussten aristokratischen Rückzugs aus Rom sowie der Abwesenheit des Kaisers oder der Angehörigen der kaiserlichen Familie. Im Zusammenhang mit der aristokratischen Villenkultur bezieht Habenstein Distanz gegenüber Forschungspositionen, welche von einer kompensatorischen Funktion dieser Villen für die Senatoren ausgehen, die mit Hilfe einer aufwändigen Repräsentationskultur in ihren Villen seit der späten republikanischen Zeit ihren politischen Machtverlust hätten aufwiegen wollen. [3]

Die Villa entfalte in einem solchen Umfeld eine Funktion als Raum der geselligen aristokratischen Interaktion, in welchem zumindest zu republikanischer Zeit im otium "'informelle' Politikformen" (80) eine bedeutsame Rolle spielten. Mit der Kaiserzeit habe die aristokratische Villa die Funktion als Ort der dezidiert politischen Kommunikation zunehmend verloren, und lediglich für die kaiserliche Villa sei eine solche Bestimmung noch nachweisbar. Die aristokratische Villa sei im Prinzipat weiterhin Statusmerkmal, inneraristokratischer Interaktionsraum wie auch Ort des Kontaktes mit der Landbevölkerung geblieben. Ob allerdings die Villen in der Kaiserzeit ihre Bedeutung für die politische Kommunikation innerhalb der Aristokratie wirklich vollends einbüßten, wie Habenstein postuliert, sollte nicht zuletzt eine Frage des verwendeten Politikbegriffs sein.

Weitere Überlegungen Habensteins gelten der Instrumentalisierung von Villen für die kompetitive inneraristokratische Auseinandersetzung. Sofern die aristokratische Villa beispielsweise eine exklusive Ausstattung aufwies, wurde sie vielfach als Symbol moralischen Verfalls und Gegenstand der Kritik am wenig standesgemäßen Auftreten in Dekadenz- und luxuria-Diskurse integriert. Eine solche Tendenz sieht Habenstein sich besonders in politischen Krisenzeiten verstärken. Dabei betont sie, derartige Kritiker hätten sich in der Regel weder selbst von solchen Vorwürfen freisprechen können noch sich zwangsläufig einem anderen Habitus verpflichtet gefühlt. Auf diese Weise zeigt Habenstein auf, dass die Abwesenheit aus Rom und die Präsenz in der Villa, somit also die Anwesenheit in einem anderen aristokratischen Interaktionszentrum, als Argumentationschiffren vielfältige Funktionen im Zusammenhang mit Diskursen zur Integration in die aristokratische Elite sowie zur inneraristokratischen Differenzierung besaßen.

Das nächste Kapitel konzentriert sich auf die Symbolkraft des absichtsvollen Fernbleibens von der Hauptstadt durch Aristokraten. Überzeugend ordnet Habenstein die Problematik des willentlichen Rückzugs aus Rom in inneraristokratische Konfliktsituationen ein. In diesem Zusammenhang weist Habenstein darauf hin, es sei weder in der Zeit der Republik noch im Prinzipat zu einem aristokratischen Massenexodus aus Rom gekommen, sondern das Phänomen der bewussten aristokratischen Abwesenheit müsse jeweils in ganz konkreten Handlungszusammenhängen betrachtet werden. Zunächst behandelt sie die Rechtfertigungsstrategien, auf die Aristokraten in einem solchen Falle zurückgriffen, um sich in der Folge den Funktionen einer solchen mehr oder weniger freiwilligen Absenz als Form der Loyalitätsbekundung oder des gezielten Entzugs von Akzeptanz gegenüber politischen Entscheidungsträgern zuzuwenden. Gerade aufgrund solcher Implikationen entwickelte die demonstrative aristokratische Absenz in der Kaiserzeit gegenüber dem Herrscher eine besondere Brisanz.

Im abschließenden Teil widmet sich Habenstein der kaiserlichen Abwesenheit aus der Hauptstadt. Rückzugsgesten der principes schreibt sie im frühen Prinzipat einen experimentellen Charakter zu. Vornehmlich am Beispiel des Augustus demonstriert Habenstein, dass dieser mittels Rückzugsangeboten gegenüber der Senatorenschaft seine herausgehobene Stellung habe legitimieren wollen. Derartige Gesten hätten sich im Verlaufe der Regierungszeit des Augustus zu einem "symbolischen Akt gegenseitiger Selbstvergewisserung" (218) verstetigt. Impliziert war dabei, dass eine solche Offerte keinesfalls angenommen wurde. In diesem Zusammenhang grenzt Habenstein die kaiserlichen Rückzugsgesten überlegt vom Phänomen der recusatio [4] ab, versteht es dabei aber, zugleich Schnittmengen zwischen beiden Erscheinungen gezielt herauszustellen. Auch die Experimente mit Rückzugsgesten durch die folgenden Kaiser bis ins Vierkaiserjahr 68/69 n. Chr. verortet sie schlüssig im Problemfeld der Institutionalisierung des Prinzipats.

Sodann behandelt Habenstein die Absenz vormaliger oder aussichtsreicher Nachfolgekandidaten des Kaisers, mit denen aufgrund ihrer Einbindung in die kaiserliche Familie die Möglichkeit zur Wahrnehmung herrschaftlicher Aufgaben assoziiert werden konnte. Durch ihre Abwesenheit hätten solche Persönlichkeiten zum einen ihren Verzicht auf Herrschaftsansprüche und zum anderen die Anerkennung des präsumtiven Nachfolgers dokumentiert. Gerade das Beispiel des Tiberius veranschauliche dabei nachdrücklich, dass ein vermeintlich freiwilliges Fernbleiben von der Urbs auch der gezielten Demonstration eines Konsenses innerhalb der kaiserlichen Familie dienen sollte. Die tatsächliche Absenz des Kaisers aus der Hauptstadt sowie die damit verbundenen Gefahren für die Interaktionskultur innerhalb der Oberschicht stellen eine weitere Variante von Abwesenheit dar, der sich Habenstein in diesem Kapitel annimmt.

Überzeugend behandelt Habenstein die vielfältige politische Symbolsprache, die mit aristokratischer Abwesenheit aus Rom verbunden war. Dabei versteht sie es, immer wieder Vergleiche zwischen republikanischen und kaiserzeitlichen Praktiken an- und Entwicklungen herauszustellen, überdies aber potentiellen Widersprüchen zwischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Sinne einer stringenten Argumentation dialektisch zu begegnen. Auf diese Weise liefert Habensteins gut lesbare Untersuchung wichtige Einsichten in die Institutionalisierungsprozesse des Prinzipats insgesamt.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Aloys Winterling: 'Staat', 'Gesellschaft' und politische Integration in der römischen Kaiserzeit, in: Klio 83 (2001), 93-112; Aloys Winterling: Caligula. Eine Biographie, München 2003, 26-28, 118-120, 131, 155; Aloys Winterling: Politics and Society in Imperial Rome, Malden u. a. 2009, 111-113.

[2] Vgl. dazu Aloys Winterling: "Öffentlich" und "privat" im kaiserzeitlichen Rom, in: Tassilo Schmitt u. a. (Hgg.): Gegenwärtige Antike - antike Gegenwarten. Kolloquium zum 60. Geburtstag von Rolf Rilinger, München 2005, 223-244.

[3] Vgl. beispielsweise Katja Schneider: Villa und Natur. Eine Studie zur römischen Oberschichtkultur im letzten vor- und ersten nachchristlichen Jahrhundert, München 1995.

[4] Vgl. Ulrich Huttner: Recusatio imperii. Ein politisches Ritual zwischen Ethik und Taktik, Hildesheim u. a. 2004.

Isabelle Künzer