Rezension über:

Jonas Teichgreeber: Das hāšimitische Herrschaftssystem unter König ʿAbdallāh II. (= Bonner Islamstudien; Bd. 31), Schenefeld: EB-Verlag 2013, 409 S., ISBN 978-3-86893-141-9, EUR 29,80
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Rezension von:
Gül Sen
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Tilmann Kulke
Empfohlene Zitierweise:
Gül Sen: Rezension von: Jonas Teichgreeber: Das hāšimitische Herrschaftssystem unter König ʿAbdallāh II., Schenefeld: EB-Verlag 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 [15.10.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/10/27889.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 15 (2015), Nr. 10

Jonas Teichgreeber: Das hāšimitische Herrschaftssystem unter König ʿAbdallāh II.

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Jordanien zeichnet sich in einer immer unsicherer und instabiler werdenden Region durch seine Stabilität aus. Dabei kann dieses Land als Nationalstaat auf eine relativ kurze Geschichte zurückblicken (1922: Emirat Transjordanien, 1946: Haschemitisches Königreich Jordanien). Ein Zeichen für diese Stabilität ist nicht zuletzt der Umstand, dass das Land nach dem Libanon das größte Aufnahmeland für Asylsuchende in der Region ist. Auch gegenwärtig gehört es zu den Erstasylländern für Flüchtlinge, wobei sich, vergleicht man die Flüchtlingszahlen mit denen in europäischen Ländern, zwangsläufig die Frage stellt, wie eine solche hohe Zahl überhaupt zu bewältigen ist.[1]

Nicht zuletzt wird die Rolle Jordaniens als verlässlicher Partner des Westens zunehmen, je mehr die regionalen Konflikte eskalieren. So ist die Monarchie ähnlich den Golfstaaten von den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen infolge des "Arabischen Frühlings" bisher verschont geblieben[2], wobei in der Forschung die Frage nach den Ursachen dieser Beständigkeit in Einzelaspekten gestellt wurde: Die auf dem Friedensschluss basierenden Beziehungen zu Israel [3] ebenso wie das Demokratiepotenzial [4] sind in jüngerer Zeit Gegenstand von Untersuchungen gewesen. Die vorliegende Studie behandelt einen weiteren Aspekt der jordanischen Politik: Die Gründe für die Stabilität des Herrschaftssystems unter der Regentschaft König ʿAbdallāh II. seit 1999 und die Frage, wie dieses System gerade unter Belastungsproben zu funktionieren vermag.

In seiner Monographie ist es Jonas Teichgreeber als Politik- und Islamwissenschaftler gelungen, einen Beitrag zur politischen Geschichte und zum politischen System Jordaniens zu leisten. Anhand seiner Fragestellung behandelt seine Studie zwei große Themenfelder: Als erstes werden neben den theoretischen Grundlagen der Arbeit die Grundzüge des haschemitischen Herrschaftssystems umrissen und nachvollziehbar dargestellt. Diesen überaus interessanten Ausführungen folgt die Analyse von drei großen "Krisen", die das Königshaus in jüngster Vergangenheit zu bewältigen hatte: Der Irakkrieg 2003, der islamistische Terrorismus und die irakische Flüchtlingskrise, wobei die letzten beiden Phänomene jeweils Folgen der ersten sind.

Als Quellen dienen in erster Linie Artikel aus der englischsprachigen jordanischen Presse, ergänzt durch u.a. Meldungen internationaler Presseagenturen und Dokumente von internationalen Organisationen in Jordanien. Das Material umfasst den Zeitraum von 2002 bis 2008. Des Weiteren bezieht sich der Verfasser auf eine Reihe von Interviews, die er während seiner Feldforschung im Jahre 2008 durchführte.

Teichgreeber geht in seiner an der Universität Bonn vorgelegten Dissertation systematisch vor und beginnt mit erfreulich detaillierten, aber dennoch anschaulichen theoretischen Ausführungen. Dabei begegnet der Leser einer der bekanntesten Theorien, nämlich dem Herrschaftskonzept Max Webers, das hier allerdings auf einen weniger geläufigen Kontext angewendet wird. Das eher für einen europäischen Zusammenhang entwickelte Webersche Konzept von Herrschaft und Legitimation soll in dieser Studie ein nichteuropäisches politisches System transparent machen. Die Legitimationsgrundlagen des haschemitischen Herrscherhauses zu erklären, scheint das Konzept Webers für den Verfasser eine conditio sine qua non zu sein. Nach der Auseinandersetzung mit der Weberschen Terminologie kommt der Verfasser zu der Feststellung, dass das haschemitische Herrschaftssystem weder eine rein traditionelle noch eine neopatrimoniale Herrschaft darstelle. Auch Ibn Ḫaldūns ʿaṣabīya-Konzept sei für eine Erklärung nicht ausreichend. Dieses Herrschaftssystem beinhalte Elemente aus beiden genannten Konzepten, weshalb der Verfasser die Bezeichnung "traditionell legitimiertes, neopatrimoniales Herrschaftssystem" vorschlägt (58f.). Mit Hilfe dieser theoretischen Ausführungen erläutert er die haschemitische Legitimation in drei Säulen: Familienchronik, tribal-traditionelle Wurzeln und islamisch-charismatische Legitimation. Zur letzteren zählt er auch die arabische Revolte von 1916 als Gründungsakt des jordanischen Staates. Dabei legt der Verfasser einleuchtend dar, dass das Königshaus auf eine Reihe von Legitimationsstrategien beruht, die zum Teil tief im Bewusstsein der jordanischen Gesellschaft verwurzelt sind und zum Teil durch bewusstes Aufrufen vergegenwärtigt werden. Als Spitze dieses "institutionellen, neopatrimonialen Herrschaftssystems" kann sich der König bei jedem Anlass auf diese in der Gesellschaft fest verankerten Strukturen der Legitimation berufen. Ein weitgehend akzeptiertes Patronage-System wird dabei durch regelmäßig stattfindende Wahlen und Regierungswechsel ausbalanciert. Aufschlussreich in weiterer Hinsicht ist der Vergleich der englischen und arabischen Version der Selbstdarstellung des Könighauses auf seiner Webseite (83, 71).

Dieser sehr anschaulichen Einbettung der haschemitischen Herrschaft in die Webersche Herrschaftskonzeption im zweiten Teil lässt der Verfasser in den drei folgenden, etwa gleich langen Abschnitten drei konkrete Fallbeispiele königlicher Herrschaftspolitik folgen. So behandelt das dritte Kapitel die Besetzung des Irak 2003 und deren Folgen für Jordanien. Die Stabilität des Landes wurde zu Beginn der Besatzung auf die Probe gestellt, als sich der König an die Seite der US-Regierung stellte. Als langjähriger Wirtschaftspartner Jordaniens genoss Saddam Hussein unter den Jordaniern große Sympathie, was zu ablehnender Haltung zur amerikanischen Politik führte. Auf diesen Umstand reagierte das Königshaus mit einer geschickten Strategie: Der König unterstützte zwar offen das US-Militär, hielt aber viele Unterstützungsmaßnahmen geheim, wie die Genehmigung für amerikanische Truppen, von jordanischen Territorium aus zu operieren. Gleichzeitig bekundete der König stets seine Solidarität mit der irakischen Zivilbevölkerung und warnte die US-Regierung vor den Folgen einer Besatzung. Letztlich ist dem König gelungen, sowohl die US-Regierung als auch die eigene Bevölkerung zufrieden zu stellen und auf diese Weise die Standfestigkeit seines Landes zu gewährleisten (133-214).

Die zweite "Krise", die Bedrohung des haschemitischen Herrschaftssystems durch Islamismus und islamistischen Terrorismus, wird in Kapitel 4 behandelt. Im Vergleich zu den Ausführungen im zweiten Teil ist hier die knappe Definition dieser beiden Phänomene ohne Literaturverweise etwas enttäuschend (215f.). Bei der Darstellung der Geschichte der salafiya-Bewegung in Jordanien verliert sich der Verfasser in belanglosen Details (216-238). Anschließend demonstriert er aber recht überzeugend, wie das Königshaus die genannte Krise, die sich nicht zuletzt in einer Reihe brutaler Anschläge in Amman manifestierte, erfolgreich zu bewältigen und zur Stärkung seines Herrschaftssystems zu nutzen vermochte: Im Inland wurde die staatliche Kontrolle der religiösen Einrichtungen ausgeweitet, die sich bis auf Ausbildung von Predigern ausdehnte. (244-47). Zudem wuchs in der jordanischen Gesellschaft das Bewusstsein über die terroristische Bedrohung, was wiederum zu Loyalitätsbekundungen zum Herrscherhaus führte. Sein Ansehen im Ausland erhöhte ʿAbdallāh II. durch eine zielgerichtete Aktion mit der sogenannten "Botschaft aus Amman". Diese 2005 in Zusammenarbeit mit 200 muslimischen Gelehrten aus 50 Ländern erarbeitete und veröffentlichte Deklaration unterstrich Friedfertigkeit und Toleranz als Grundwerte des Islam. Gleichzeitig betonte diese Botschaft den Anspruch, den "wahren Islam" zu repräsentieren, der in der Person des Königs und dem haschemitischen Königshaus verkörpert sei. (238-243).

Das fünfte und letzte Kapitel behandelt die jordanische Flüchtlingspolitik mit dem Fokus auf den Bemühungen des Staates, internationale Finanzhilfen einzutreiben. Die Annahme, dass die Flüchtlinge eine Belastung für das Land seien, stellt der Verfasser in Frage und erläutert anhand von Dokumenten und Statistiken, dass die Realität sich durchaus anders gestaltete. Während Jordanien für viele Iraker einen Zufluchtsort mit offen gehaltenen Grenzen darstellte, wurde in offiziellen Erklärungen immer lauter beklagt, dass die irakischen Flüchtlinge eine Belastung seien. Dabei war von staatlicher Seite von etwa einer halben Million Flüchtlinge die Rede. Eine Untersuchung des unabhängigen norwegischen Forschungsinstituts Fafo, das bei seiner Erhebung auf eine weit geringere Anzahl von irakischen Flüchtlingen kam, wurde von der Regierung manipuliert. Diese meldete weiterhin eine überhöhte Zahl von Flüchtlingen, um internationale Hilfsgelder einzuwerben. Der Verfasser kann zeigen, dass dies sowohl von der Presse als auch von internationalen Hilfsorganisationen unterstützt wurde. Tatsächlich stellten die Iraker keine Belastung dar, sondern haben als wohlhabende Exilanten im Gegenteil viel Geld ins Land gebracht. Die staatliche Unterstützung bestand lediglich darin, den Schulbesuch und eine medizinische Grundversorgung sicherzustellen (329-366). Kurz: "Die `Belastungen´ für den jordanischen Staat durch die Iraker waren eine Erfindung." (367).

Als Resümee lässt sich Folgendes festhalten: Am geschickten Führungsstil wie auch an der pro-westlichen politischen Linie König BF;Abdallehs II. kann kein Zweifel bestehen. Jordanien ist und bleibt ein verlässlicher Partner des Westens. Auch in der Innenpolitik wird mit Hilfe wohl durchdachter Strategien das Aufkommen starker oppositioneller Strömungen ausgebremst. Der König versteht es, die Forderungen seiner westlichen Verbündeten mit der Traditionsgebundenheit der eigenen Gesellschaft geschickt auszubalancieren.

Der Verfasser hat eine im großen und ganzen überzeugende Studie vorgelegt. Besonders die Ausführungen zu den theoretischen Grundlagen und die Grundzüge der haschemitischen Herrschaft sind gelungen; allerdings hätte der Bezug zum zweiten Themenblock deutlicher konturiert werden können.

Kritisch anzumerken bleiben lediglich Formalien: Ein sorgfältiges Lektorat (Orthographie, Kommaregel eingeschlossen) hätte der Arbeit gut getan. Dazu gehört auch die fehlende Trennung von Primär- und Sekundärliteratur, was die Bibliographie etwas unübersichtlich gestaltet.

Trotz dieser vermeidbaren Mängel leistet die Studie einen gelungenen, auf der sorgfältigen Erschließung des Quellenmaterials beruhenden Beitrag zur Erforschung des politischen Systems des Haschemitischen Königsreichs Jordanien.


Anmerkungen:

[1] Siehe für einen Vergleich die Grafik von Monika Gemmer "Die größten Aufnahmeländer und Europa" auf der Webseite der Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/flucht-und-zuwanderung/24931854,24931854.html (letzter Zugriff am 07.09.2015)

[2] z.B. Michael Schmidmayr: Politische Opposition in Bahrain. Stabilität und Wandel in einem autoritären Regime, Baden-Baden 2011.

[3] Melanie Carina Schmoll: Die Kooperation zwischen Israel und Jordanien. Ein Sicherheitsregime als Weg zur Lösung eines Sicherheitskonflikts? Berlin 2008.

[4] Ines Braune: Die Journalistenverbände in Jordanien und im Libanon - ein Teil der Zivilgesellschaft? Hamburg 2005.

Gül Sen