Rezension über:

Lars Förster: Bruno Apitz. Eine politische Biographie (= Biographische Studien zum 20. Jahrhundert; Bd. 5), Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2015, 250 S., ISBN 978-3-95410-054-5, EUR 36,00
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Rezension von:
Matthias Braun
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Braun: Rezension von: Lars Förster: Bruno Apitz. Eine politische Biographie, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/27047.html


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Lars Förster: Bruno Apitz

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Über den einzigen Weltbestseller der DDR-Literatur, den bis heute über drei Millionen Mal verkauften Roman "Nackt unter Wölfen", gibt es zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen. Über seinen Autor, Bruno Apitz, liegt bisher keine Biographie vor. Lars Förster unternimmt nun den Versuch, diese Leerstelle zu füllen. Die Biographie beruht auf seiner Dissertation, deren Ziel es war, Bruno Apitz "als literarischen und politischen Akteur eingebettet in die Geschichte der DDR und des DDR-Antifaschismus wissenschaftlich zu bearbeiten" (13).

Mit dem vorliegenden Buch lernen wir einen von den historischen Brüchen des 20. Jahrhunderts und von persönlichen Katastrophen geprägten Mann kennen, der Zeit seines Lebens Kommunist und zugleich ein mit vielseitigen künstlerischen Talenten gesegneter Mensch war. Sein Leben und Werk werden in sieben vorwiegend chronologisch aufgebauten Kapiteln beschrieben. Dementsprechend werden in den ersten beiden Kapiteln Kindheit, Jugend, erste Berufsjahre und Hafterfahrungen des im April 1900 in Leipzig geboren Bruno Apitz abgehandelt. Die Beschreibung dieser frühen Lebensabschnitte liest sich wie eine Zusammenfassung aller bisher verstreut bzw. für die Dissertation recherchierten biographischen Fakten und Erkenntnisse zum späteren Buchenwald-Häftling und Erfolgsautor von "Nackt unter Wölfen". Der gesellschaftspolitische und ästhetische Rahmen, in dem sich Bruno Apitz Entwicklungsweg vollzog, wird dabei häufig durch die Erwähnung von Ereignissen oder die Nennung von Sachverhalten nur angedeutet. Zum Beispiel wird der Kapp-Putsch von 1920 zwar erwähnt; auch ist die Rede davon, dass Apitz Mitte der 1920er-Jahre mit "harten politischen Auseinandersetzungen innerhalb der KPD konfrontiert" wurde (55). Doch weder wird der Kapp-Putsch erklärt noch werden die Auseinandersetzungen innerhalb der KPD ausführlicher thematisiert.

Eingebettet in die Beschreibung der besonderen Bedingungen des Lageralltags im KZ Buchenwald, die wiederum in erheblichen Maße von der Existenz der roten Kapos beeinflusst wurden, wird Apitz achtjährige Gefangenschaft im Anschluss daran behandelt. Hierbei nimmt die Schilderung der geradezu paradoxen künstlerischen Betätigungsmöglichkeiten von Apitz (vornehmlich in der Bildhauerwerkstatt und im Lagerkabarett) großen Raum ein, sie wird auch durch Bildmaterial veranschaulicht. Von der Möglichkeit, durch zusätzliche Erläuterungen den behandelten historischen Ereignissen und ihren Akteuren mehr Kontur zu geben, in diesem Falle zum Thema der roten Kapos und ihrem späteren Schicksal in der Ulbricht-Ära, wird durchgängig kein Gebrauch gemacht.

Dafür wird die Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte des Romans "Nackt unter Wölfen" einschließlich seines einzigartigen Erfolges gleich in mehreren Kapiteln thematisiert. Dabei wird die Verzahnung von Kunst und Politik, wie sie in der DDR an der Tagesordnung war, vornehmlich im letzten Drittel des Buchenwald-Kapitels herausgearbeitet und in dem Kapitel Erfolgsschriftsteller und "kalter Krieger" fortgesetzt. So erfahren wir unter der geradezu programmatischen Überschrift "Probleme und Einflüsse beim Schreiben" (116) einiges über die massive Zensur durch den Verlag und das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer. Letztendlich habe Apitz in dem Roman "seine Erinnerungen dem allgemeinen antifaschistischen Kanon in der DDR" angepasst (120).

Wie im Verlauf der Jahre der sensationelle Erfolg des Romans von der SED als "Waffe im Klassenkampf" und dessen Verfasser als Vorzeigeautor in Sachen Antifaschismus eingesetzt wurde, wird vornehmlich im Kapitel Erfolgsschriftsteller und "kalter Krieger" erörtert. Darüber hinaus wird hier noch einmal der Frage nachgegangen, wie es sich bei dem Roman, der laut SED-Kulturpolitik zu "den Grundwerken der Erziehung des Volkes der DDR" (157) gehörte, mit dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit verhielt. Wir lesen hierzu: Apitz "habe sich von der Partei- und Staatsführung und deren Propaganda missbrauchen lassen, indem er dem allzu freien Umgang mit der Realität im KZ [im Roman und Film] nicht widersprach" (166).

Literaturwissenschaftliche Aspekte des Romans kommen nur am Rande zur Sprache. Sie lassen sich etwa unter der geheimnisvollen Kapitelüberschrift "Bruno Apitz und die Staatssicherheit" finden. Dort erfahren wir aus einem Artikel von Martin Gregor Dellin, dem damaligen Lektor von Apitz, interessante Details über die Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor. "Der eigentlich schwierige Teil der Arbeit am Manuskript setzte jeweils ein, wenn [ ... ] es ans Sprachliche ging, an die Streichung von Adjektiven, an die Beseitigung stilistischer Unmöglichkeiten. Manchmal mussten ganze Sätze fallen. Die Gefahr, dass hier der Lektor entweder versagte oder Opernhaftes stehen blieb, [...] lag immer nahe." (144) Vordergründig geht es in diesem Kapitel um die längst bekannte 27-monatige Zusammenarbeit von Apitz mit der Stasi. Einerseits habe diese das vermeintliche "Image des moralisch-integren Helden" (150) angekratzt. Andererseits wird zu Recht darauf hingewiesen, "dass es im Fall von Bruno Apitz vor allem notwendig [ist], Dauer und Intensität seiner Mitarbeit genauer zu betrachten" (150).

Anderen Lebensabschnitten, etwa der Nachkriegszeit in der SBZ bzw. frühen DDR, liegt Apitz Selbstverständnis zugrunde, "durch propagandistische und publizistische Aktivitäten einen Bewusstseinswandel in der deutschen Bevölkerung herbeizuführen" (123). Wir lernen Apitz als "Aktivist[en] der ersten Stunde" kennen, der zunächst mit zahlreichen Funktionärsposten betraut wurde und bei seinen Genossen zwar als "ein der Partei treu ergebener Genosse" galt, der sich aber auch durch "einen stark betonten Individualismus" (132) auszeichnete. Dieser "gefährliche" Individualismus führte dazu, dass Apitz bereits in den frühen 1950er Jahren von sich aus den Entschluss fasste, seine Funktionärskarriere zu beenden und fortan als freischaffender Schriftsteller tätig zu sein, der als "Ein-Buch-Autor" (7) in die deutsche Literaturgeschichte einging.

Abschließend geht es um "Bruno Apitz' Verhältnis zu Staat, Macht und Partei" in der DDR. Er wird als ein "ideologischer Hardliner" beschrieben, der seine wichtigste Aufgabe darin gesehen habe, die DDR als "seinen Staat" zu schützen und zu verteidigen (177). Schlussendlich sei sein Lebensweg, "der eines deutschen Kommunisten [gewesen], wie er im 20. Jahrhundert möglich, aber nicht unausweichlich war." Sein Schweigen zur Politik der SED sei nie total gewesen. "Das gequälte Herz" habe sich aber nur "im engsten privaten Kreis" geöffnet (177). Über dieses gequälte Herz, den "Herzmenschen" Bruno Apitz (9) erfahren wir in der knapp 200 Seiten umfassenden Publikation nur wenig.

Insgesamt hat Förster eine Biografie vorgelegt, in der er eher auf die meist schon bekannten Fakten aus dem unmittelbaren Lebensumfeld von Apitz setzt, als dass er dessen Leben und Werk aus den großen Katastrophen und Konflikten des 20. Jahrhunderts heraus erzählt.

Matthias Braun