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Georg Kreis (Hg.): Die Geschichte der Schweiz, Basel: Schwabe 2014, 645 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-7965-2772-2, EUR 107,00
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Rezension von:
Markus Furrer
Luzern
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Empfohlene Zitierweise:
Markus Furrer: Rezension von: Georg Kreis (Hg.): Die Geschichte der Schweiz, Basel: Schwabe 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/26897.html


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Georg Kreis (Hg.): Die Geschichte der Schweiz

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Seit Jahren ist ein intensiviertes Interesse an Schweizer Geschichte festzustellen. Zurückführen lässt sich dies auf das gestiegene Bedürfnis nach Orientierung in der Post-Phase des Kalten Krieges. Nationalkonservative Kräfte betreiben seit den 1990er Jahren eine neue Form von Identitätspolitik und stellen Mythen als Geschichten vor, die angeblich einen Kern von Wahrheit in sich tragen. Moniert wird, dass die wissenschaftliche Geschichtsschreibung neben der "überlieferten" Schweizer Geschichte auch nur eine Teilantwort liefere und alles andere als exakt sei. [1] Die 2014 von Georg Kreis herausgegebene "Geschichte der Schweiz" dürfte diese Mythen kaum aus den Köpfen vertreiben, sie kann aber dennoch den Blick für den Prozess einer Staatswerdung schärfen und so die geschichtswissenschaftlichen Erklärungsweisen einem breiteren Publikum näher bringen.

Nationale Gesamtgeschichten haben in der Schweiz eine über zweihundertjährige Tradition. Zu den jüngsten Publikationen zählen das 1972 erschienene "Handbuch der Schweizer Geschichte", das sich an eine engere Fachwelt richtete, und das für ein breiteres Publikum gedachte, 1983 auf den Markt gebrachte dreibändige Werk zur "Geschichte der Schweiz und der Schweizer" mit einer deutlichen Ausrichtung hin zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Die hier zu besprechende "Geschichte der Schweiz" orientiert sich stärker an der neuen Politikgeschichte und wird als Ergänzung zu diesen Handbüchern gesehen.

Raum und Geschichte stellen wichtige Bezugspunkte für ein derartiges Buchkonzept dar. In der Schweiz ist der Faktor Raum besonders wichtig, verstehen sich doch deren Bewohnerinnen und Bewohner als gewachsene Nation. Ihre sinnstiftende Geschichte spielt sich in einem gemeinsamen Raum ab. [2] Diesem Anspruch folgt auch die neue Schweizer Geschichte. Zu unterscheiden ist grundsätzlich zwischen einem mythologisierten und geografischen Raum, um sich vom nationalen Meisternarrativ des 19. Jahrhunderts absetzen zu können. Eine weitere Herausforderung stellt der Umgang mit der Zeitverlaufsstruktur dar, deren teleologische Ausrichtung zu brechen ist. Beides wird vorzüglich umgesetzt, wobei gezeigt wird, dass Schweizer Geschichte als Geschichte eines sich formierenden sozialen Raumes gelesen werden kann, diese aber nicht teleologisch verläuft, auch wenn der Prozess strukturellen Faktoren unterliegt, ohne deren Berücksichtigung dieser nicht adäquat zu deuten wäre.

Die Gliederung folgt geläufigen Strukturen und epochalen Zuteilungen. Urs Leuzinger beleuchtet die "Ur- und Frühgeschichte", welche von der Altsteinzeit bis zu den Römern reicht. Daran fügt sich die "römische Epoche" mit der "Integration in die Mittelmeerwelt" an, die Regula Frei-Stolba und Daniel Paunier untersuchen. Mit Blick auf den Raum der heutigen Schweiz in diesen frühen Epochen wird gleichzeitig die Einbettung in das europäische Umfeld sichtbar. Metabetrachtungen, so zum Nationalmythos der "Pfahlbauer", verweisen auf den erinnerungskulturellen Umgang mit Geschichte. Nicht immer einfach, aber in der Regel gut gelöst, ist der begriffliche Umgang mit Termini wie "Schweiz" oder "Schweizer" für diese frühen geschichtlichen Phasen, und es stellt sich auch die Frage, ob und wie Konturen der heutigen Schweizer Grenze auf Kartenmaterial, das damalige Begebenheiten darstellt, gezogen werden sollen.

Rund achthundert Jahre (vom 5. bis zum 13. Jahrhundert) beleuchten Jean-Daniel Morerod und Justin Favrod unter dem Titel "Entstehung eines sozialen Raumes". Dabei arbeiten sie eine Geschichte der Vernetzungen heraus, die sich einerseits in Räumen der heutigen Schweiz und darüber hinaus vollzogen haben. Im Anschluss daran folgen die Beiträge "Vom offenen Bündnissystem zur selbstbewussten Eidgenossenschaft" (14. und 15. Jahrhundert) von Susanna Burghartz sowie "Unerwartete Veränderungen und die Herausbildung einer nationalen Identität" (16. Jahrhundert) von Randolph Head. Die Ansätze orientieren sich an zwei Narrativen: den Veränderungen in den Lebenswelten und der Herausbildung eines eidgenössischen Selbstbewusstseins vor dem Hintergrund struktureller Veränderungen und Entwicklungen. Große Aufmerksamkeit erhalten auch die Außenverhältnisse, etwa die Beziehungen der Eidgenossen zum Reich, die so komplex waren, wie es das Reich selber war. Von grosser Wirkung auf das eidgenössische Bündnissystem war auch die konfessionelle Spaltung. Danièle Tosato-Rigo schreibt über "Abwehr, Aufbruch und frühe Aufklärung" (1618-1712) und zeigt, dass die Antagonismen, wie lange Zeit in der Schweizer Historiographie angenommen oder gar beklagt, nicht zu einer Erstarrung führten, sondern auf der Ebene des politischen Handelns und des Alltags grundlegende Neuerungen bewirkten.

André Holenstein schlägt im Beitrag zu "Beschleunigung und Stillstand. Spätes Ancien Régime und Helvetik" (1712-1802/03) in die gleiche Kerbe und macht die Innovationsdynamik sichtbar. So lässt sich die Helvetik nicht als radikaler Neuanfang bewerten, sondern es werden Kontinuitäten hergeleitet.

Die Zeit zwischen 1798 und 1848 ordnet Irène Herrmann "zwischen Angst und Hoffnung" ein, und sie veranschaulicht die dialektische Dynamik, die den Nationalisierungsprozess prägte, während Regina Wecker die anschliessende Phase von 1848 bis 1914 dem "neuen Staat" und der "neuen Gesellschaft" widmet mit den Schwerpunkten "Bundesstaat und Industrialisierung". Auch hier wird sichtbar, dass es sich um einen lange anhaltenden und umkämpften Prozess auf verschiedenen Ebenen wie der Rechtsgleichheit oder der staatlichen Sozialpolitik handelt. Für das kurze 20. Jahrhundert zeichnen Sacha Zala mit "Krisen, Konfrontation, Konsens" (1914-1949) und Georg Kreis zur Thematik "Viel Zukunft - erodierende Gemeinsamkeit" verantwortlich. In der Entwicklung nach 1914 werden deutliche innenpolitische Akzente gesetzt, dies jedoch stets mit erhellenden transnationalen Bezügen. Die zeitgeschichtlichen Ausführungen für die Phase nach 1943 wirken noch assoziativ und vermögen erst ansatzweise eine Orientierung im Zeitgeschehen zu vermitteln.

Die neue, an der modernen Politikgeschichte ausgerichtete "Geschichte der Schweiz" erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Das ansprechend gestaltete und gehaltvolle Buch ermöglicht es einem breiteren interessierten Publikum, sich mit Schweizer Geschichte zu befassen, die nicht als Mythos geglaubt werden muss. Es bietet Orientierung aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive. Zudem tritt hier die Geschichtswissenschaft als kritische Instanz hervor, die einerseits den erinnerungskulturellen Kontext analysiert und so auf Wirkungsgeschichte eingeht, und andererseits in grösseren Zeiträumen die Geschichte eines Kollektivs in seinen Entstehungszusammenhängen ergründet.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Roger Köppel: "Editorial", in: Die Weltwoche, Nr. 14, 2. April 2015, 5; Thomas Maissen: "Streit suchen. Statt den Geschichtsbildern der Nationalkonservativen auszuweichen, muss man ihre Erinnerungsdaten besetzen", in: Die Zeit, Nr. 42, 9. Oktober 2014, 12.

[2] Vgl. Markus Furrer: Die Nation im Schulbuch - zwischen Überhöhung und Verdrängung. Leitbilder der Schweizer Nationalgeschichte in Schweizer Geschichtslehrmitteln der Nachkriegszeit und Gegenwart, Hannover 2004, 47.

Markus Furrer