Rezension über:

Ira Katznelson / Miri Rubin (eds.): Religious Conversion. History, Experience and Meaning, Aldershot: Ashgate 2014, IX + 266 S., ISBN 978-1-4724-2149-4, GBP 70,00
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Rezension von:
Benjamin Scheller
Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Benjamin Scheller: Rezension von: Ira Katznelson / Miri Rubin (eds.): Religious Conversion. History, Experience and Meaning, Aldershot: Ashgate 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/26273.html


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Ira Katznelson / Miri Rubin (eds.): Religious Conversion

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"Religious Change", dies wäre ein adäquater Titel für den Sammelband. Denn um religiöse Konversion als "shift of membership from one community of faith to another" (1) geht es lediglich in fünf von insgesamt zehn Beiträgen.

Yitzak Hen thematisiert Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Facetten von Männlichkeit und Konversion zum Christentum im frühmittelalterlichen Okzident ("Interaction between various notions of masculinity and conversion to christianity in the early medieval West", 152). Seine These, dass die Bischöfe Galliens sich einer spezifischen "maskulinen Konversionsrhetorik" (156) bedient hätten, überstrapaziert allerdings das Quellenbeispiel, mit dem er versucht sie zu belegen: den berühmten Brief des Remigius von Reims an Chlodwig.

Rotraud Ries untersucht jüdische Konvertitinnen zum Christentum im Braunschweig des 18. Jahrhunderts. Sie wertet hierbei 14 Taufgesuche aus den Jahren zwischen 1733 und 1799 aus und analysiert Aspekte wie soziale Situation, Alter und nicht zuletzt die Motive, mit denen die Antragstellerinnen ihre Gesuche begründen. Dabei fällt ins Auge, dass diese bis auf eine alleinstehende Frauen waren.

Yosi Yisraelis Beitrag fragt nach der jüdischen Identität von Conversos auf der Iberischen Halbinsel um 1400. Er untersucht hierzu Schriften zweier prominenter und vielfach untersuchter jüdischer Konvertiten: Yithak ben Moshe ha-Levi und Shlomo ha-Levi, alias Profiat Duran und Pablo de Santa Maria. Ihre Haltung zu Judentum und Christentum war denkbar gegensätzlich: "While Duran serves a symbol of converso anti-Christian defiance, Pablo is often turned into an emblem of enthusiastic converso assimilation to Christian society and even of anti-Jewish zeal." (186) Dennoch stimmten beide darin überein, dass sie weiterhin zum Volk Israel gehörten.

Sima Goldin befasst sich mit den schriftlichen Äußerungen zweier führender Autoritäten des aschkenasischen Judentums der Ottonenzeit, Rabbi Simon ben Yitzhak ben Abun (950-1020) und Rabbi Gershon ben Yehuda (Meor ha-Golah; 960-1028), zu jüdischen Konvertiten, nicht zuletzt reuigen Konvertiten, die zum Judentum zurückkehrten.

Michael Heyd schließlich betrachtet die Biographien dreier europäischer Intellektueller des 17. und 18. Jahrhunderts, die vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten und später wieder zum Protestantismus zurückkehrten: die des Engländers William Chillingworth (1602-1644), des französischen Hugenotten Pierre Bayle (1647-1704) und die Jean-Jacques Rousseaus (1712-1778.).

Diesen fünf Beiträgen sind fünf weitere Aufsätze vorangestellt, in denen es um verschiedene Formen von "religiösem Wandel" oder "religiöser Transformation" geht, um zwei in diesen Beiträgen immer wiederkehrende Formulierungen aufzugreifen.

Ora Limor und Bridget Heal behandeln beide die Transformation religiöser Räume. Dabei vollzieht Limor ein tour d'horizon des Wandels der Sakrallandschaft im Heiligen Land, vor allem in Jerusalem im Übergang von christlicher zu muslimischer und dann wieder christlicher Herrschaft zwischen der Spätantike und der Zeit der Kreuzzüge. Heal thematisiert den Umgang des Lutherischen Protestantismus mit vorreformatorischen Kirchenräumen und stellt die Kontinuitäten in der Ausstattung mit Bildern heraus.

Ronnie Ellenblum zeigt, dass die Islamisierung des Vorderen Orients im 11. Jahrhundert vor allem als Folge demographischen Wandels (Massenmigration, erhöhte Sterblichkeit in der christlichen Bevölkerung als Folge von Hungersnöten) und weniger als Folge individueller Konversionen von Christen zum Islam erklärt werden muss.

Steven Kaplan behandelt die Reform des christlichen Festkalenders im Äthiopien des 15. Jahrhunderts unter Kaiser Zar'a Ya'eqob (1434-1468) und hebt dabei vor allem auf die Durchsetzung des "doppelten Sabbats", von Samstag und Sonntag als wöchentlicher Fest- und Ruhetage ab. Joshua Levinson schließlich vergleicht eine jüdische und eine christliche Erzählung über die Umkehr einer Prostituierten, die viel behandelte Geschichte der Pelagia aus dem Syrien des 5. Jahrhunderts und eine frühe rabbinische Erzählung über eine Anonyma.

Wie die Beiträge, die sich mit religiösen Konversionen im eigentlichen Sinne befassen, so bieten auch die Aufsätze über religiösen Wandel bzw. religiöse Transformation interessantes Material, größtenteils gelungene Quelleninterpretationen und greifen in ihrer geographischen Spannbreite sogar noch über Westeuropa und den Vorderen Orient hinaus. Dennoch stellt sich bei ihrer Lektüre ein gewisses Unbehagen ein.

Wenn alles "Konversion" ist, jede Form der religiösen Neuinterpretation, der persönlichen Umkehr aus religiösen Motiven, der religiösen Reform, des Wandels der demographischen Gewichte zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen, dann verliert der Begriff jede Trennschärfe und damit jedes heuristische Potential. Bei den meisten Beiträgen entsteht nicht der Eindruck, dass die Rede von Konversion in irgendeiner Form eine neue Perspektive auf den jeweiligen Gegenstand eröffnet. Sie erscheint vielfach aufgesetzt und stellenweise regelrecht irreführend, etwa wenn Ora Limor postuliert, die spätantike christliche Reisende Egeria habe die Wüste des Sinai "zum Christentum konvertiert", indem sie dort in der Bibel las und die Landschaft unter dem Eindruck dieser Lektüre und von Gebeten als Schauplatz der Heilsgeschichte wahrnahm.(39)

Die Beliebigkeit, mit der in der Hälfte der Beiträge des Bandes der Begriff gebraucht wird, der ebenso im Titel des Bandes steht, ist zwar bemerkenswert, aber dennoch nicht untypisch für den Denkstil, der im Feld der Geschichtswissenschaften gegenwärtig verbreitet ist. Er ist eher kaleidoskopisch als brennglasartig, präsentiert lieber in bunter Folge ständig wechselnde Gesichtspunkte als diese zu bündeln, geht eher in die Breite denn in die Tiefe.

Ulrich Raulff hat den Beginn der "postmodernen Beliebigkeit" gegenüber Begriffen in den Geisteswissenschaften unlängst auf den Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts datiert. Wenn es auch in der Konjunktur von Denkstilen in den Geisteswissenschaften lange Wellen von ca. 40 Jahren gibt, wie sie seit Kondratjew im Wirtschaftsleben beobachtet werden, dann dürfte diese Konjunktur bereits im Abschwung, wenn nicht in der Talsohle, angekommen sein.

Benjamin Scheller