Rezension über:

Agnès Cousson: L'Écriture de soi. Lettres et récits autobiographiques des religieuses de Port-Royal (= Lumière Classique; No. 94), Paris: Editions Honoré Champion 2012, 636 S., ISBN 978-2-7453-2404-7, EUR 138,38
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Rezension von:
Juliette Guilbaud
Centre national de la recherche scientifique, Centre Georg Simmel, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Juliette Guilbaud: Rezension von: Agnès Cousson: L'Écriture de soi. Lettres et récits autobiographiques des religieuses de Port-Royal, Paris: Editions Honoré Champion 2012, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/23204.html


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Agnès Cousson: L'Écriture de soi

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Im vorliegenden Band bietet Agnès Cousson - derzeit Dozentin an der Universität Brest - die überbearbeitete Fassung ihrer 2008 abgeschlossenen Dissertation, mit der sie in französischer Literaturwissenschaft promovierte. Ausgangspunkt dieser Studie ist der ambivalente Stellenwert von Wort und Sprache in Klöstern. Dieser wird am Beispiel der Abtei Port-Royal, einem Zentrum des französischen Jansenismus, untersucht, und zwar anhand unterschiedlicher Schriften einiger berühmter Schwestern, die dort in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebten.

Aufgrund des "sündhaften" Wesens der Sprache durfte im Kloster nur zu bestimmten, nämlich seelischen oder geistlichen Zwecken kommuniziert werden. Noch strengere Verordnungen galten für Frauen, denen das Predigen, die Seelsorge sowie das Studium der Theologie untersagt waren. In der Abtei von Port-Royal galt es, im Sinne Augustins jede Spur des "Ich" als Ausdruck einer verwerflichen Selbstachtung zu tilgen. Höchstens zur Beichte, zur persönlichen Erniedrigung und zur Erbauung war das "Ich" zugelassen. Angesichts dieser strengen Regelung stellt die Verfasserin folgende Hauptfragen: Wie konnten unter diesen Umständen Briefe und Berichte im Kloster überhaupt entstehen und welche Funktion erfüllten diese schriftlichen Zeugnisse für die Schwestern und ihre Leserschaft? Welches Ziel verfolgten die Schwestern für sich selbst? Und wie wirkten sich diese Schriften im Kloster und vor allem "draußen" in der Welt aus?

Coussons Studie stützt sich vorrangig auf drei verschiedene Quellengattungen. Zunächst einmal wurden mehr als dreitausend Briefe ausgewertet, die von Angélique und Agnès Arnauld, Angélique de Saint-Jean Arnauld d'Andilly und Jacqueline Pascal verfasst wurden. Eingesehen wurden darüber hinaus die sogenannten Gefangenschaftsberichte, die dieselben und andere Schwestern aus Port-Royal in den 1660er-Jahren schrieben, nachdem ihnen die Sakramente verweigert worden waren. [1] Schließlich wurden Lebensgeschichten und weitere Erbauungsliteratur aus Port-Royal in die Untersuchung miteinbezogen. Die meisten dieser Quellen sind bereits ediert, was die Qualität der daraus entstandenen Studie nicht mindert. Allerdings hätte man sich ein Verzeichnis gewünscht, das die gedruckten Quellen von der Sekundärliteratur getrennt aufführt.

Cousson betätigt sich auf drei aktuellen Feldern der geisteswissenschaftlichen Forschung: der Brief-, der Frauen- und der Gefangenenliteratur-Forschung. Dabei stützt sie sich lediglich auf französischsprachige Literatur und blendet die internationale und interdisziplinäre Forschung zu Selbstzeugnissen und Egodokumenten weitgehend aus [2], die entscheidende Ansätze und Instrumentarien für eine solche Analyse bietet. Ein Vergleich der untersuchten Korrespondenz mit Briefen anderer verfolgter Ordensschwestern fehlt ebenfalls. Dabei überlebte der Widerstandsgeist der Schwestern von Port-Royal die von Ludwig XIV. befohlene Zerstörung der Abtei im Jahr 1710: In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sprachen sich mehrere, wenngleich weniger bekannte Schwestern aus unterschiedlichen Orden gegen die höchst kontroverse, antijansenistische Bulle Clemens' XI. "Unigenitus" (1713) aus und wurden infolge dessen von ihren Bischöfen verfolgt. Leider scheint Agnès Cousson den Briefwechsel zwischen jenen Schwestern und zwei Bischöfen, die zu den entschiedensten Feinden dieser Bulle zählten, übersehen zu haben, obwohl dieser in Auszügen veröffentlicht vorliegt. [3]

Dass unter den Abbildungen niederländische Archivbestände mit englischen Bildunterschriften und ohne Quellenangaben aufgenommen werden, legt die Vermutung nahe, dass die Verfasserin die abgebildeten Handschriften nicht eingesehen hat. Dies mag vom wissenschaftlichen Standpunkt aus als nachlässig gelten. Für den Leser ist es umso ärgerlicher, als ihm dadurch der Zugang zur Quelle versperrt ist.

In literaturwissenschaftlicher Hinsicht werden alle ausgewählten Texte einer gründlichen Diskursanalyse unterworfen, die sich auf die in Frankreich klassische Unterscheidung zwischen "énoncé" (Aussage) und "énonciation" (Äußerung) stützt [4]: Die Teile 1 und 2 untersuchen die Widersprüche des menschlichen Wesens ("Les ambiguïtés de la personne humaine") und die Beibehaltung menschlicher Gefühle ("Le maintien des sentiments humains") bei den Ordensschwestern; die Teile 3 und 4 hingegen widmen sich knapp der Beziehung zwischen dem Schreibakt und dem inneren Kampf ("Écriture et lutte intime"), dann länger dem individuellen Schreiben im Dienste der gefährdeten Klostergemeinde ("L'écriture au service de la lutte communautaire"). Für die Schwestern, so die Verfasserin, habe das Schreiben nicht nur auf die Empfänger gezielt, sondern auch als Mittel gegolten, dem Aufkommen eigener menschlicher Regungen vorzubeugen; darüber hinaus habe es den Schwestern einen Ausweg aus den Verfolgungen geboten, die sie erleiden mussten. Diesem Schluss kann man nur zustimmen.

Die unausgewogene Gliederung der Arbeit schadet der Kraft der Beweisführung. Außerdem werden die verschiedenen Quellengattungen (Briefe, Berichte, Lebensgeschichte, erbauliche Schriften) voneinander getrennt untersucht, obwohl die Verfasserin die Kohärenz aller von den Ordensschwestern verfassten Texte betont. Man darf sich zudem fragen, inwiefern die hohe Stellung der im Mittelpunkt der Arbeit stehenden Schwestern - drei unter ihnen waren Äbtissinnen - ihr Schreiben beeinflusste.

Schließlich gilt festzuhalten, dass die hier vorgebrachte Analyse aus einer rein literaturwissenschaftlichen Perspektive gründlich und umfangreich wirkt. Allerdings hätte die Arbeit von Agnès Cousson an Überzeugungskraft gewonnen, wenn sie aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft und der Kirchengeschichte berücksichtigt hätte. Von einer engeren Zusammenarbeit zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaftlern sowie Kirchenhistorikern kann die Forschung über Port-Royal im 17. Jahrhundert nur profitieren.


Anmerkungen:

[1] Nachdem sie sich geweigert hatten, dem päpstlichen Urteil Alexanders VII. über fünf Propositionen, welche angeblich bei Jansenius in seinem "Augustinus" betitelten Werk zu finden wären, zuzustimmen.

[2] Um nur zwei Verlagsreihen zu nennen: Egodocuments and History Series, hgg. von Arianne Baggerman / Rudolf Dekker / Michael Mascuch, Leiden 2009ff.; Selbstzeugnisse der Neuzeit, hgg. von Alf Lüdtke / Hans Medick / Claudia Ulbrich / Kaspar von Greyerz / Dorothee Wierling, Wien / Köln / Weimar 1993ff.

[3] Françoise de Noirfontaine: Croire, souffrir et résister: lettres de religieuses opposantes à la bulle Unigenitus adressées aux évêques Charles-Joachim Colbert de Croissy et Jean Soanen (1720-1740) (= Univers Port-Royal; Bd. 12), Paris 2009.

[4] Zur französischen Debatte über "énoncé" und "énonciation", siehe Johannes Angermüller: Nach dem Strukturalismus: Theoriediskurs und intellektuelles Feld in Frankreich, Bielefeld 2007, 125-139.

Juliette Guilbaud