Rezension über:

Sophie Gerber: Küche, Kühlschrank, Kilowatt. Zur Geschichte des privaten Energiekonsums in Deutschland, 1945-1990 (= Bd. 72), Bielefeld: transcript 2014, 353 S., 37 s/w-Abb., ISBN 978-3-8376-2867-8, EUR 34,99
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Rezension von:
Manuel Schramm
Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität, Chemnitz
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Manuel Schramm: Rezension von: Sophie Gerber: Küche, Kühlschrank, Kilowatt. Zur Geschichte des privaten Energiekonsums in Deutschland, 1945-1990, Bielefeld: transcript 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/26487.html


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Sophie Gerber: Küche, Kühlschrank, Kilowatt

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Die Konsumgeschichte hat weiter Konjunktur. Nachdem eine Zeit lang die großen Entwürfe dominierten [1], wenden sich jüngere Forscherinnen und Forscher nun zunehmend speziellen Fragen zu. Das ist nur zu begrüßen, verspricht eine solche Herangehensweise doch ein differenzierteres Verständnis von Konsumkultur und -gesellschaft(en). Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine an der Technischen Universität München entstandene Dissertation über Energiekonsum im westlichen Teil Deutschlands (der Untertitel ist hier etwas unpräzise) zwischen 1945 und 1990. Sie kann neben der Konsumgeschichte an mehrere Forschungskontexte anknüpfen, wie die Geschichte der Haushaltstechnisierung [2] oder die Geschichte der Energiesysteme [3], und vermag eine wichtige Forschungslücke zu füllen.

Die Arbeit gliedert sich, abgesehen von der Einleitung, in sechs große Abschnitte, die im Wesentlichen einer chronologischen Grobgliederung folgen. Die Sprache ist angenehm unprätentiös und daher im Allgemeinen gut verständlich. Das Lesevergnügen wird aber bisweilen durch komplizierte Schachtelsätze gestört. Der methodische Ansatz ist akteurszentriert, das heißt es geht bei der Studie um die Aushandlung des Übergangs in die "Hochenergiegesellschaft" zwischen verschiedenen Akteursgruppen (Produzenten, Staat, Verbraucherverbände, Konsumenten) am Beispiel der Haushaltstechnisierung und insbesondere der elektrischen Küchengeräte. Methodisch innovativ ist die Studie durch die Verknüpfung der Analyse von schriftlichen Quellen mit insgesamt fünf kleineren Objektstudien, die jeweils ein für den betrachteten Zeitabschnitt typisches Küchengerät näher beleuchten.

Das erste Kapitel widmet sich dem Energiesparen vor 1945 und demonstriert, dass Energiesparen historisch eher die Regel als die Ausnahme war. Das zweite Kapitel widmet sich den Statistiken über Energiekonsum, insbesondere dem Stromverbrauch der Haushalte und der Elektrogeräteausstattung. Der Energieverbrauch der Haushalte nahm zwischen 1950 und 1990 stark zu und überholte den der anderen Großverbraucher (Verkehr und Industrie) bereits in den 1960er Jahren. Die folgenden Kapitel behandeln den Energiekonsum der privaten Haushalte für jeweils ungefähr ein Jahrzehnt. Die Grundlagen für den Übergang in die "Hochenergiegesellschaft" wurden demnach in den 1950er Jahren gelegt. Allerdings hielten sich viele Konsumenten bis Ende der 1950er Jahre noch zurück, vorwiegend aus materiellen Gründen. Den eigentlichen Durchbruch schaffte die "Verschwendungskoalition" (197) aus Energieversorgern, Elektroindustrie, Politik und Konsumenten in den "langen" 1960er Jahren (1957-72). Einen gewissen Einschnitt brachte der erste Ölpreisschock von 1973. Zumindest im öffentlichen Raum wurde Energiesparen wieder positiv bewertet, während faktisch jedoch die Energieverschwendung und das sie begünstigende Tarifsystem erhalten blieben. Auch in den 1980er Jahren stieg das Umweltbewusstsein weiter an, aber nur die wenigsten Konsumenten waren bereit, persönliche Einschnitte zu akzeptieren. Daher sank zwar der spezifische Stromverbrauch von Elektrogeräten, durch die Anschaffung größerer und die Diffusion neuer Geräte stieg aber der Stromverbrauch weiter. Das Fazit unterstreicht noch einmal die Beharrungskraft der in den 1960er Jahren entstandenen "Hochenergiegesellschaft".

Insgesamt hat die Autorin eine materialreiche, gut durchdachte und überzeugende Studie vorgelegt. Es gibt allerdings einige kleinere Einschränkungen. So verspricht der Untertitel vielleicht etwas zu viel: Es geht nicht um den gesamten privaten Energiekonsum, sondern in erster Linie um den Konsum elektrischer Energie und insbesondere um Haushaltsgeräte wie Kühlschränke, Waschmaschinen und Elektroherde. Ausgeklammert bleiben die Heizung, die Unterhaltungselektronik (Fernsehen, Radio) oder Werkzeuge (Bohrmaschinen). Der Konsum elektrischer Energie sollte aber nicht überbewertet werden, machte er doch nie mehr als 16 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der Haushalte aus. Einige zugegebenermaßen spezifische Fragen bleiben unbeantwortet: Stimmt es, dass für die Durchsetzung des Kühlschranks in Deutschland der Tischkühlschrank besonders wichtig war? [4] Warum setzte sich der Geschirrspüler so zögerlich durch? Führte der Mikrowellenherd tatsächlich zu einer Veränderung der Essgewohnheiten?

Diese Fragen verweisen auf kleinere Schwächen des Buches. Zwar bemüht sich die Autorin, die Sicht und die Praktiken der Konsumenten zu rekonstruieren. Mangels Quellen gelingt ihr das aber nur für die 50er Jahre. Die Auswertung von demoskopischen Umfragen bildet leider keinen ausreichenden Ersatz. Diese Hinweise sollten aber nicht als Kritik missverstanden werden, sondern als Anregung für die weitere Forschung. Insgesamt handelt es sich um eine lesenswerte (und gut lesbare) Studie, die eine wichtige Forschungslücke schließt.


Anmerkungen:

[1] Z.B. Wolfgang König: Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2000.

[2] Ruth Schwartz Cowan: More Work for Mother. The Ironies of Household Technology from the Open Hearth to the Microwave, New York 1983; Martina Heßler: "Mrs. Modern Woman". Zur Sozial- und Kulturgeschichte der Haushaltstechnisierung, Frankfurt am Main 2001.

[3] Rolf-Peter Sieferle: Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution, München 1982; Vaclav Smil: Energy in World History. Boulder 1994.

[4] Vgl. Ullrich Hellmann: Künstliche Kälte. Die Geschichte der Kühlung im Haushalt, Gießen 1990, 245.

Manuel Schramm