Rezension über:

Mark Landsman: Dictatorship and Demand. The Politics of Consumerism in East Germany, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2005, xii + 296 S., ISBN 978-0-674-01698-9, GBP 29,95
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Rezension von:
Manuel Schramm
Fachgebiet Geschichte, Technische Universität, Chemnitz
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Manuel Schramm: Rezension von: Mark Landsman: Dictatorship and Demand. The Politics of Consumerism in East Germany, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/10258.html


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Mark Landsman: Dictatorship and Demand

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DDR-Konsumgeschichte ist nunmehr schon seit einigen Jahren ein beliebtes Forschungsfeld. Obwohl bereits zwei Gesamtdarstellungen vorliegen [1], erfreut sie sich ungebrochener Popularität. Mark Landsman konzentriert sich auf die Konsumpolitik der Staats- und Parteiführung in den 1950er-Jahren und füllt damit eine Lücke. Sein Erkenntnisinteresse gilt insbesondere dem Einfluss des Kalten Krieges und der Systemkonkurrenz auf die Absichten, Ziele und Maßnahmen der Berliner Entscheidungszentrale. Sein wesentliches Argument ist, dass die SED zu keinem Zeitpunkt über eine konsistente Strategie im Bereich des Konsums verfügte, sondern zwischen den Polen Produktivismus und Konsumverzicht einerseits und relativer Großzügigkeit andererseits hin und her schwankte. Die Quellengrundlage bilden dementsprechend verschiedene Bestände des Bundesarchivs in Berlin. Die Konsumenten geraten nur indirekt in den Blick.

Der Autor gliedert seine sechs Kapitel im wesentlichen chronologisch und behandelt dabei den Zeitraum vom Ende des Krieges bis zum Mauerbau. Das erste Kapitel schildert die Planung der Versorgung in der unmittelbaren Nachkriegszeit, das zweite die Berlin-Blockade und die Einführung der staatlichen Handelsorganisation (HO). Im dritten Kapitel widmet sich der Autor der Konsumplanung in den frühen 1950er-Jahren und schildert das Entstehen einer "Konsumentenlobby" innerhalb des Staats- und Parteiapparats, die sich zu dieser Zeit jedoch nicht durchsetzen konnte. Das vierte Kapitel geht auf den 17. Juni 1953 und den "Neuen Kurs" ein. Der Autor kommt in der Frage, ob der 17. Juni für die DDR-Konsumgeschichte eine Zäsur bedeutete, zu einer differenzierten Einschätzung: Zwar wurde der "Neue Kurs" nicht durchgehalten, aber zu dem Zustand vor dem 17. Juni zurückzukehren, war der SED ebenfalls nicht möglich. Das fünfte Kapitel behandelt die Entstehung der Marktforschung und die spannungsreichen Beziehungen zwischen Handel und Industrie, in denen der Handel bekanntlich meist den Kürzeren zog. Das sechste Kapitel beleuchtet die "ökonomische Hauptaufgabe" des Siebenjahrplans von 1958 und den Bau der Berliner Mauer. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Ulbrichts berühmte Ankündigung von 1958, die DDR werde die Bundesrepublik im Pro-Kopf-Verbrauch wichtiger Konsumgüter bis 1961 überholen, ein reiner Propagandatrick war und selbst in der SED-Führungsspitze dies niemand ernstlich geglaubt haben kann. Der Epilog gibt einen Ausblick auf die Geschichte der DDR bis zu deren Ende.

Einige kleinere Kritikpunkte seien zu einigen Punkten angeführt: So überschätzt der Autor das Ausmaß der sowjetischen Demontagen in Ostdeutschland, wenn er deren Folgen als "katastrophal" beschreibt (23). [2] Ob wirklich zu Beginn der 1950er-Jahre die meisten Menschen in der DDR die Vision einer klassenlosen Gesellschaft teilten (86), darf gleichfalls bezweifelt werden. Bei der Darstellung des Programms der Produktion von "Massenbedarfsgütern" (1953) wundert sich der Autor, wie eine 25%ige Produktionssteigerung ohne zusätzliche Investitionen in die Konsumgüterindustrie erreicht werden sollte (127). Er übersieht dabei, dass dieses Programm die Produktion von Konsumgütern durch die Investitionsgüterindustrie vorsah und verkennt damit einen der zentralen Punkte des Programms. Der Rezensent ist auch nicht von der These überzeugt, dass innerhalb der DDR-Wirtschaftsverwaltung eine "Konsumentenlobby" entstand. Zum einen passt der Begriff "Lobby" wohl besser für westliche Demokratien als für sozialistische Diktaturen. Zum anderen vertraten diese angeblichen Lobbyisten eher die Interessen des Handels, die mit denen der Konsumenten nur partiell identisch waren.

Ungeachtet dieser Einwände liegt hier ein insgesamt solide recherchiertes, lesenswertes Buch vor, das auf einige interessante Fragen neues Licht zu werfen vermag.


Anmerkungen:

[1] Ina Merkel: Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln 1999; Anette Kaminsky: Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR, München 2001.

[2] Vgl. dazu Rainer Karlsch/Jochen Laufer (Hg.): Sowjetische Demontagen in Deutschland 1944-1949. Hintergründe, Ziele und Wirkungen, Berlin 2002.

Manuel Schramm