Rezension über:

John P. Bequette: Rhetoric in the Monastic Tradition. A Textual Study, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2012, VIII + 153 S., ISBN 978-1-4331-1797-8, EUR 61,10
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Rezension von:
Markus Schürer
Institut für Geschichte, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Markus Schürer: Rezension von: John P. Bequette: Rhetoric in the Monastic Tradition. A Textual Study, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2012, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/24993.html


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John P. Bequette: Rhetoric in the Monastic Tradition

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Die Studie geht den Funktionen nach, die Rhetorik in verschiedenen monastischen Milieus des Mittelalters haben kann. John P. Bequette eröffnet das Themenfeld und macht die Fragestellung plausibel, indem er in der Einleitung zunächst die Geschichte der antiken Redekunst skizziert. Er setzt ein bei den einschlägigen griechischen (Isocrates, Aristoteles) und lateinischen (Quintilian, Cicero, Rhetorica ad Herennium) Texten und Autoren, um im Anschluss die Adaption der paganen Rhetorik im Christentum zu erläutern. Dabei verweist er auf die ambivalente Haltung christlicher Theologen (Basilius von Cäsarea, Cyprian von Karthago) zur Rhetorik: Zum einen wurde diese recht früh als poetisches und hermeneutisches Werkzeug übernommen, das sowohl die Schaffung als auch das Verstehen und Deuten von Texten ermöglichte, zum anderen aber hatte die Idee des sermo humilis eine hohe Geltung, die für ein grundsätzliches Misstrauen bezüglich der Ästhetisierung jeglicher Rede und vor allem der Rede von den göttlichen Dingen stand. Gleichwohl sorgten Theologen wie Augustinus (der bekanntlich selbst Rhetorik studiert hatte) und Cassiodor für die feste Verankerung der Rhetorik - und mit ihr der übrigen artes liberales - in der Kultur des Christentums. Nicht zuletzt liegt, darauf weist Bequette ebenfalls hin, der Grund für die starke Bindung zwischen Rhetorik und christlicher Theologie in der Wortzentrierung der letzteren. Gemäß christlicher Lehre 'wurde das Wort Fleisch' (Joh. 1, 14), und von Beginn an stellte sich die Aufgabe, das inkarnierte und hernach in den vielen Sprachbildern der Evangelien 'verkörperte' Gotteswort zu deuten.

Diese Überlegungen führen zum eigentlichen Thema des Buches, das anhand von fünf Einzelstudien behandelt wird. Im Zentrum dieser Studien stehen jeweils ein monastischer Autor und sein Text, im einzelnen sind dies: die Benediktsregel (näherhin ihr Prolog und jene Passagen, die den Abt sowie monastische Tugenden wie Demut und Gehorsam betreffen), eine Adventshomilie des Beda Venerabilis, Anselms von Bec Brief an den Novizen Lanzo, Petrus Damianis Brief 28, adressiert an den Eremiten Leo von Sitria, sowie die Hoheliedpredigten 35, 36, 37 und 38 aus der Feder Bernhards von Clairvaux. Alles in allem hat man es also mit monastischen Texten des frühen und hohen Mittelalters zu tun, die in die Gattungsbereiche von Regel, Predigt, Brief oder theologischem Traktat gehören. Vor allem mit Petrus Damiani und Bernhard finden sich Autoren, die eine hohe Affinität zu rhetorischer Durcharbeitung und amplificatio aufweisen. Die Benediktsregel hingegen ist ein Text, dessen Eigenart eher in juridischer Präzision als im übermäßigen Gebrauch rhetorischer Mittel besteht. Vor allem aufgrund des letzteren Punktes wirkt die Textauswahl etwas willkürlich, ein Umstand, den Bequette selbst einräumt. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Frage nach Struktur, Stil und sprachästhetischer Gestaltung der Texte, nach dem Verhältnis von rhetorischer Strategie und theologischem bzw. spirituellem Gehalt, auch nach dem Verhältnis von Bezeichnetem und Bezeichnendem, von res und verbum. Zudem werden die Gebrauchskontexte und die Absichten des jeweiligen Autors sowie sein Verhältnis zu den intendierten Rezipienten thematisiert.

Als Ertrag seiner Studien liefert Bequette zum einen die Erkenntnis, dass rhetorische Strategien im monastischen Bereich mit der Absicht der exhortatio, der moralisch-religiösen Ermahnung und Anleitung gebraucht werden. Es ist dies ein Aspekt, der allgemein anerkannt ist und in der Forschung als communis opinio gilt. Zum anderen aber kann Bequette auch detailliert zeigen, dass rhetorische Formen als Mittel zur Verbildlichung, Konkretisierung und Plausibilisierung von Abstrakta, vor allem von Theologemen und Ideen aus dem Bereich der monastischen Ethik eingesetzt werden. Wo immer dieser Aspekt herausgearbeitet wird, sind die fünf Einzelstudien besonders interessant und lesenswert. Illustriert sei dies am Beispiel der Studie zu Petrus Damianis Schreiben an Leo von Sitria, das nichts anderes ist als ein monastisch-theologischer Traktat in Briefform: Petrus Damiani behandelt hier ein für das Eremitentum heikles Problem, nämlich das spannungsvolle Verhältnis der Vereinzelung des Anachoreten in eremo einerseits und der Teilhabe an der Universalität der Kirche andererseits, die ihren Ausdruck nicht zuletzt in der Feier des divinum officium findet. Die Frage, die sich für Petrus (wie auch für seinen Briefpartner) dabei konkret stellt, besteht darin, ob ein Mönch, der allein in der Zelle lebt, imstande ist, das divinum officium - das ja eigentlich die Interaktion von Priester und Gemeinde erfordert - angemessen zu feiern. Petrus Damiani, ein großer Fürsprecher und Theologe der Anachorese, beantwortet diese Frage erwartungsgemäß positiv und bedient sich dabei, dies zeigt Bequette mit großer Akribie, zahlreicher Stilmittel und Tropen. Unter anderem arbeitet er mit der Denkfigur des Mönchs als minor ecclesia, die er in Analogie des Menschen als minor mundus entwirft. Und gewissermaßen nebenher kann Bequette zudem herausarbeiten, das Petrus' Traktat, der in ein emphatisches Lob der Anachorese mündet, ein originelles Stück christlich-theologischer Sprachkritik ist, das, vorgetragen mit großem rhetorischem Können, menschliches Wissen und menschliche Redekonventionen zugunsten göttlicher Weisheit zurückweist.

John Bequettes Buch ist also zu empfehlen. Den guten Eindruck schmälern allerdings zwei Dinge: Die Benutzung von Forschungsliteratur ausschließlich aus dem englischen Sprachraum und das weitgehende Fehlen von umfangreicheren Zitaten aus den Quellen im lateinischen Original.

Markus Schürer