Rezension über:

Christofer Zwanzig: Gründungsmythen fränkischer Klöster im Früh- und Hochmittelalter (= Beiträge zur Hagiographie; Bd. 9), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010, 539 S., 10 s/w-Abb., ISBN 978-3-515-09731-4, EUR 74,00
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Rezension von:
Markus Schürer
Università degli studi della Basilicata / Deutsches Historisches Institut, Rom
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Markus Schürer: Rezension von: Christofer Zwanzig: Gründungsmythen fränkischer Klöster im Früh- und Hochmittelalter, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/19163.html


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Christofer Zwanzig: Gründungsmythen fränkischer Klöster im Früh- und Hochmittelalter

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Spätestens seit Jan Assmanns grundlegender Untersuchung zum 'kulturellen Gedächtnis' bildet die Erinnerungskultur ein eigenes Forschungsfeld, das den Geschichts- und Kulturwissenschaften gleichermaßen zugehört. Auch die historische Forschung zum europäischen Religiosentum hat sich dieses Gegenstands angenommen und mittlerweile eine lange Reihe von Studien hervorgebracht, die sich mit dem Phänomen der kollektiven Erinnerung von klösterlichen Gemeinschaften oder religiösen Orden beschäftigen. In diese Reihe gehört auch die 2008 eingereichte Erlanger Dissertation von Christofer Zwanzig.

Zwanzigs Untersuchungsobjekt bilden die Gründungsgeschichten der fränkischen Klöster Heidenheim, Solnhofen, Ansbach und Kitzingen im frühen und hohen Mittelalter mit ihren je eigenen Entwicklungen und Ausformungen, Kontinuitäten und Brüchen. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts als benediktinisch geprägte Gemeinschaften gegründet, standen die Klöster während des Untersuchungszeitraums in komplexen Beziehungsgeflechten, in denen Königsmacht, lokale weltliche Herrschaftsträger oder Bischöfe auf verschiedene Weise dominant sein konnten. Alle vier Klöster weisen eine vielfältige Gründungsüberlieferung auf - ein Umstand, der sie für die Analyse prädestiniert -, die hinsichtlich der gattungsmäßigen Zugehörigkeit allerdings heterogen ist und sowohl diplomatische als auch hagiographische Quellen umfasst.

Die dem Buch zugrundeliegende Gliederung ist chronologisch gestaffelt. Auf die Einleitung folgt die eigentliche Untersuchung mit drei Hauptabschnitten, die der Gründungserinnerung im 8. und 9., 10. und 11. sowie 12. Jahrhundert gewidmet sind. Diese Strukturierung ist durchaus schlüssig und dem Gegenstand angemessen. Eine erste Zäsur an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert zu setzen, erscheint insofern plausibel, als zu dieser Zeit grundlegende Veränderungen in der fränkischen Klosterlandschaft eintraten. Die zweite Zäsur am Beginn des 12. Jahrhunderts ist mit der Tatsache zu begründen, dass zu dieser Zeit weitreichende Prozesse der Ausdifferenzierung im Bereich der abendländischen vita religiosa einsetzten.

Christofer Zwanzig arbeitet mit einem methodischen Konzept, das elaboriert und theoretisch anspruchsvoll ist. Es orientiert sich an demjenigen Beschreibungsmodell, das für die analytische Durchdringung des Untersuchungsgegenstands die erste Wahl (und in der historischen Forschung zur mittelalterlichen vita religiosa bereits erprobt) ist, nämlich an Jan Assmanns eingangs bereits erwähnter Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Hin und wieder begegnen außerdem, okkasionell und kommentierend in die Ausführungen eingefügt, religionswissenschaftliche Betrachtungen Mircea Eliades und wissenssoziologische Überlegungen zum Konstruktionscharakter sozialer Phänomene, wie sie klassischerweise von Peter L. Berger und Thomas Luckmann entwickelt wurden. Theoriepuristen mag so etwas eklektizistisch erscheinen, Historikern jedoch sollte es jederzeit gestattet sein, sich derart verschiedener Theoreme zu bedienen. Insgesamt erscheinen Zwanzigs Ansatz und Methode gut ausgearbeitet, seine Anwendung des Assmannschen Beschreibungsmodells auf das historische Material überzeugt.

Im Ergebnis können wir mit Christofer Zwanzigs Studie die Etablierung und teils mehrmalige Transformation der Gründungserinnerung der vier Klostergemeinschaften verfolgen. Dabei wird unter anderem klar, wie bei der hagiographischen Ausformung von Gründungsmythen auf gängige Topoi rekurriert wird. So kann etwa eine Klostergründung als Gang in den eremus inszeniert werden, oder ein Gründer wird als Idealtypus des Missionars dargestellt. Als methodisch vorteilhaft erweist sich, dass die Klostergemeinschaften nicht als hermetische Gruppen betrachtet werden, sondern ihr lebensweltliches Umfeld in die Betrachtung einbezogen wird. Mit Hilfe einer derart erweiterten Perspektive wird klar, dass Aktualisierungen oder Neukonzipierungen historischer Selbstbilder von klösterlichen Gemeinschaften immer auch Antworten auf bestimmte Herausforderungen der jeweiligen Gegenwart sind. Mit anderen Worten: Die réécriture eines Gründungsmythos ist nicht selten symptomatisch für den Versuch der institutionellen Stabilisierung angesichts problematischer Veränderungen im sozialen oder herrschaftlichen Umfeld. Bemerkenswert ist schließlich auch das von Christofer Zwanzig beobachtete Phänomen, dass Texte, die die Gründungserinnerung von Klöstern aufbewahren, nicht nur der normativen Beschreibung der eigenen - monastischen - Lebenswelt, sondern auch anderer Bereiche dienen und so etwa "durch die Idealisierung bischöflichen und königlichen Handelns [...] Teil der sozialen Konstruktion sakraler Vorstellungen von Bischofs- und Königsherrschaft oder [...] eines christlichen Rittertums" (422) werden können.

Abgesehen von seiner kulturwissenschaftlich akzentuierten Fragestellung ist die Monographie von Christofer Zwanzig zugleich ein ganz grundlegender Beitrag zur landeshistorischen Erforschung der fränkischen Klosterlandschaft, der insgesamt überzeugt. Zwei Defizite sollten allerdings nicht verschwiegen werden: Erstens hätten das Buch (und auch seine Leserschaft) eine übersichtlicher strukturierte Einleitung verdient, und zweitens hätte ein kompakterer Zuschnitt - das heißt Straffung der Darstellung und Vermeidung von Redundanzen - insgesamt gut getan.

Markus Schürer