Rezension über:

Elizabeth Harding: Der Gelehrte im Haus. Ehe, Familie und Haushalt in der Standeskultur der frühneuzeitlichen Universität Helmstadt (= Wolfenbütteler Forschungen; Bd. 139), Wiesbaden: Harrassowitz 2014, 388 S., 17 Abb., ISBN 978-3-447-10286-5, EUR 74,00
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Rezension von:
Theresa Schmotz
Markkleeberg
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Theresa Schmotz: Rezension von: Elizabeth Harding: Der Gelehrte im Haus. Ehe, Familie und Haushalt in der Standeskultur der frühneuzeitlichen Universität Helmstadt, Wiesbaden: Harrassowitz 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/26629.html


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Elizabeth Harding: Der Gelehrte im Haus

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Die mediale Inszenierung des Gelehrten bei der Arbeit in seiner Studierstube war und ist als gängiges historisches Bildmotiv bekannt. Dieses Motiv, genauer "Der heilige Hieronymus im Gehäus" nach Albrecht Dürer, findet sich auch auf der Titelseite des hier besprochenen Werkes wieder. Der arbeitende Gelehrte am Schreibpult in der Abgeschiedenheit seiner Stube, umgeben von Büchern und anderen Utensilien wie beispielsweise Totenschädeln oder Kerzen, Schreibgeräten sowie Papierstapeln, versteht sich als ein prägendes Element der Gelehrtenkultur, von der bisher nur ein überschaubarer Teil erforscht und bekannt ist. So existieren mehr oder weniger ausführliche, oft chronikartige, Übersichten über die Geschichte einzelner Universitäten und ihrer Institute. Auch gibt es zu den Studentenschaften einzelner Bildungseinrichtungen mitunter ausführliche Darstellungen. Was den Stand der Gelehrten an den Universitäten betrifft, ist die Forschungsliteratur bezogen auf die Frühe Neuzeit jedoch relativ übersichtlich. So mangelt es noch an umfangreichen Untersuchungen zum Beispiel der häuslichen Verhältnisse der Gelehrten und den daraus zu ziehenden weitergreifenden Schlüssen, zum Beispiel für die Wechselwirkung zwischen Landesobrigkeit und Universität oder den Zusammenhängen zwischen häuslichem Leben und ständischem Selbstverständnis der Gelehrten. Ganz zu schweigen von vergleichenden Untersuchungen zwischen Gelehrten einzelner Universitäten oder beispielsweise dem Gelehrtenstand und dem Stand der Kaufleute in einzelnen Städten. Es ist daher ein großer Verdienst der Autorin, dass sie mit dem vorliegenden Band eine Lücke für die Helmstedter Gelehrten füllt.

Unabdingbar für diese Forschungsarbeit war die genaue Untersuchung der zahlreich vorliegenden und noch nicht genügend ausgewerteten Quellen, aus denen die Autorin die Lebensumstände und Bedingungen der Gelehrtenfamilien ableitet. Dazu gehören unter anderem die Einkommensverhältnisse, die Rolle der Professorenfrauen oder der Umgang mit Verstorbenen. Über allem steht dabei die Frage, ob es den Gelehrten in seinen privaten Verhältnissen und, davon separiert, in seinen akademischen Verhältnissen gegeben hat oder ob die geläufige Annahme einer solchen Trennung zu hinterfragen ist.

Im ersten Teil der Arbeit kann der Leser sehr aufschlussreich nachvollziehen, wie sich die Rahmenbedingungen bezogen auf die wirtschaftliche Lage der Gelehrten änderten und welchen Einfluss dies auf ihr Heiratsverhalten hatte. Die einsetzende Planbarkeit der Gehälter in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts brachte dem Gelehrtenstand in Helmstedt neue Sicherheit und forcierte einen zeitgenössischen Diskurs über die Gelehrtenehe, zu der die Akademiker ein ganz eigenes Verhältnis entwickelten.

Im nächsten Abschnitt führt die Autorin direkt in die Häuser der Professoren. Hier greift Elisabeth Harding auch den Diskurs über die Raumstrukturen in den Akademikerhaushalten auf (85ff.) und überprüft ihn am Helmstedter Beispiel. In den folgenden Kapiteln wird dargelegt, wie die Gelehrten als Haushaltsvorstände selbigen organisierten und dabei ihren ständischen Geltungsanspruch durchsetzten. Ein ausführliches Kapitel widmet die Autorin dankenswerter Weise den Professorenfrauen. Nach wie vor ist es erhellend zu sehen, ob und inwieweit die weiblichen Familienmitglieder in den Akademikerhaushalten am Wissenserwerb beteiligt wurden und ob sie vom Status ihres Haushaltsvorstandes in jeglicher Hinsicht profitieren konnten.

Dabei führt die Autorin aus, dass die Töchter und Ehefrauen der Helmstedter Professoren bis auf wenige Ausnahmen nur in geringem Maße oder im Verborgenen an der Produktion der Gelehrsamkeit Anteil hatten. Ein Grund dafür ist unter anderem der verbreitete Glaube, dass weibliche Unterstützung den Wert des wissenschaftlichen Produktes schmälere. Grundlegende schulische Fertigkeiten wurden jedoch von den Professorentöchtern in aller Regel erworben. Die Bildungsvermittlung fand in den Häusern statt und beinhaltete auch typisch weibliche Inhalte, die für die spätere Arbeit in einem eigenen Haushalt unentbehrlich waren. Diese Tätigkeit erfuhr auch von den Zeitgenossen eine öffentliche Würdigung, zum Beispiel in den Leichenpredigten (149). Die Rolle und Bedeutung der Hausfrau war in den erweiterten Professorenhaushalten, die mitsamt dem Gesinde, den Tischgenossen und den Kindern auf eine ziemliche Personenzahl anwachsen konnten, nicht zu unterschätzen. Die Ehefrauen sorgten im Idealfall dafür, dass sich die Hausherren ganz und gar ihren akademischen Verpflichtungen widmen konnten, während sie für ein reibungsloses Funktionieren, auch in ökonomischer Hinsicht, des Hauswesens sorgten. Diese Rollenverteilung stand im Einklang mit den zeitgenössischen, am lutherischen Vorbild, orientierten Vorstellungen von Ehe. Allerdings schränkte sich der Tätigkeitsbereich der Ehefrauen zunehmend ein, da eine Reihe von Handlungen, wie beispielsweise das Herstellen von Kleidung oder das Schlachten als unangemessen für ihren Stand empfunden wurden.

Bei der Untersuchung des Heiratsverhaltens der Helmstedter Professoren gelangt die Autorin zu dem Schluss, dass die Ehe als Garant der christlichen Ordnung unter den Angehörigen des akademischen Standes, sowohl Professoren als auch Dozenten und Studenten, gern gesehen war. Diese Überzeugung schwächte sich jedoch im 18. Jahrhundert ab und die Ehelosigkeit wurde unter den Gelehrten zunehmend akzeptiert. Die Eheschließungen erfolgten unabhängig vom Beginn einer akademischen Karriere recht früh. Diese ehefreundliche Politik wurde bisweilen nur durch die Haltung der Landesherrschaft beeinträchtigt, die eine Vernachlässigung des Amtes durch ihre Beamten fürchtete, sollten diese mit ihren hausväterlichen Pflichten über die Maßen beschäftigt sein.

Insgesamt gelingt es der Autorin, die großen Entwicklungslinien im Helmstedter Gelehrtenstand vom Reformationsjahrhundert bis zum Zeitalter der Aufklärung aufzuzeigen. Die Veränderungen im Kontext von Haushalt, Familie und Ehe, die hier untersucht wurden, waren von den Existenzbedingungen der Gelehrten abhängig. Besondere wirtschaftliche Privilegien der Universitätsangehörigen förderten die Erwerbswirtschaft bis mit dem Wandel zum Konsumentenhaushalt der Rückzug der Gelehrten in ihre häuslichen Studierstuben und Bibliotheken stattfand. Auch das Verständnis von Ehe und Familie war einer Entwicklung unterworfen, die sich vom protestantischen Ehe- und christlichen Hausväterideal zu einem Dasein in eheloser Weltabgewandtheit vollzog.

Die Darstellung wird durch einige tabellarische Übersichten abgerundet, die beispielsweise Auskunft über die Anzahl des Gesindes oder die Dauer der Witwenschaft der Helmstedter Professoren geben. In ihrem Fazit weist die Autorin auf weitere Anknüpfungspunkte für künftige Forschungen hin und zeigt dabei auch, welches Potenzial die Untersuchung der vermeintlich privaten Angelegenheiten der Gelehrten bietet.

Theresa Schmotz