Rezension über:

Dionysius von Halikarnass: Römische Frühgeschichte. Bücher 1-3. Eingeleitet, ins Deutsche übersetzt und kommentiert von Nicolas Wiater (= Bibliothek der griechischen Literatur; Bd. 75), Stuttgart: Hiersemann 2014, VIII + 366 S., ISBN 978-3-7772-1404-7, EUR 194,00
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Rezension von:
Felix K. Maier
Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Felix K. Maier: Rezension von: Dionysius von Halikarnass: Römische Frühgeschichte. Bücher 1-3. Eingeleitet, ins Deutsche übersetzt und kommentiert von Nicolas Wiater, Stuttgart: Hiersemann 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/26215.html


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Dionysius von Halikarnass: Römische Frühgeschichte. Bücher 1-3

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Eine neue Übersetzung der Römischen Frühgeschichte des Dionysios von Halikarnass stellte schon seit Längerem ein Desiderat in den Altertumswissenschaften dar. Die einzige deutsche Übertragung von Gottfried Jakob Schaller und Adolph Heinrich Christian stammt noch aus dem 19. Jahrhundert und ist zudem vergriffen. Die Loeb-Ausgabe von Ernest Cary auf der Grundlage der Übersetzung von Edward Spelman stellt zwar eine solide Arbeitsgrundlage dar, ist aber ebenfalls nicht mehr auf dem neuesten Stand. So war man bisher vor allem auf die französische Neuedition der Budé-Collection von Valérie Fromentin aus dem Jahr 1998 angewiesen, von der jedoch bisher nur der erste und dritte Band erschienen sind. Die neue Übersetzung der ersten drei Bücher der Antiquitates Romanae von Nicolas Wiater aus der Reihe "Bibliothek der griechischen Literatur" beginnt nun, eine wesentliche Lücke zu schließen. Zwar bietet diese Reihe keine zweisprachige Ausgabe, aber eine ausführliche Einleitung sowie zahlreiche kommentierende Anmerkungen.

Die längere Einführung soll laut Autor die Römische Frühgeschichte in "ihren größeren historischen und sozio-kulturellen Kontext" einordnen. Kapitel 1 beleuchtet zunächst die griechisch-römischen Kulturinteraktionen im 1. Jahrhundert v.Chr., um dann in einem zweiten Schritt die Etablierung des Dionysios als kritischen Intellektuellen nach seiner Ankunft in Rom im Jahr 29 v.Chr. zu skizzieren. Ein zweites Kapitel führt fundiert in Überlieferungslage, Inhalt und Struktur der Römischen Frühgeschichte ein. Wiater greift dabei einige Kernthemen wie die Bedeutung von Verwandtschaftsverhältnissen, die Ambiguität des Verhältnisses Römer-Griechen oder das griechische Selbstverständnis heraus, um fundamentale Fragen und thematische Hintergründe in der Darstellung des Dionysios zu erklären. Trotz der notwendigerweise selektiv vorgehenden Auswahl gelingt es Wiater dabei trefflich, den Leser auf sehr informative Art und Weise mit wesentlichen Aspekten des Werkes vertraut zu machen und ihm einen Leitfaden für die Lektüre an die Hand zu geben. Zugleich enthält sich Wiater aber auch einer Meinungsäußerung hinsichtlich der Problematik, ob die Römische Frühgeschichte pro- oder antiaugusteisch zu lesen sei (31) und folgt somit Kennedy, der als erster diese Frage als unlösbar, aber auch als irrelevant bezeichnete und dem mehrere andere Autoren gefolgt sind. [1]

Zuletzt geht Wiater noch auf den Quellenwert der Römischen Frühgeschichte ein und thematisiert dabei auch kurz die Unterschiede moderner und antiker Konzepte bei der Historiografie. Er konzediert Dionysios zwar ein Interesse an der römischen Vergangenheit und wendet sich damit gegen jene Forscher, die wie Ando [2] ein solches völlig abstreiten; dennoch sei Dionysios' Werk als argumentative Unterstützung der Hauptthese von der ethnischen Gleichheit der Griechen und Römer zu verstehen. Im Hinblick auf die Historizität sollte man sich "von der Römischen Frühgeschichte [...] nicht allzu viel erwarten" (41). Mit dieser seiner Deutung distanziert sich Wiater von der Meinung, dass die archäologischen Forschungen die Befunde aus den literarischen Texten zu bestätigen scheinen, und verweist auf die kategorial differente Eigenart dieser beiden Quellengattungen, da die archäologischen Quellen eher allgemeine Ergebnisse lieferten und nicht mit der Fülle an Details aus Dionysios' Bericht in Einklang gebracht werden könnten. Wiater schließt sich damit der Ansicht von Christopher Smith an, der für die römische Frühgeschichte dasselbe Phänomen konstatierte. [3] In einem dritten Kapitel befasst sich Wiater noch kurz mit dem Stil des Dionysios und charakterisiert diesen als "akademisch", was explizit kein Lob - weder für Dionysios noch für die wissenschaftliche Prosa des 19. Jahrhunderts (Wiater grenzt diese wohl von der heutigen ab) - darstellen sollte. Schon Zeitgenossen hätten Dionysios aufgrund seiner "geschraubten Ausdrücke" (46) manchmal zweimal lesen müssen, um "den Sinn zu verstehen".

Die Übersetzung offenbart eine genaue und sorgfältige Übertragung des griechischen Textes ins Deutsche. Überaus benutzerfreundlich sind die kurzen Kapiteleinteilungen zu Beginn eines jeden Buches sowie die stichwortartigen Überschriften zu jeder Doppelseite in der Kopfzeile, die eine schnelle Orientierung beim Querlesen ermöglichen. Häufige Verweise auf textkritische Probleme sowie zahlreiche sprachliche Anmerkungen (wie zum Beispiel zum heiklen Sachverhalt der indirekten Rede und der schwierigen Zuordnung der Autorschaft bei einer Übernahme eines Berichtes von Fabius Pictor, 154) zeugen von der detailgetreuen Sorgfalt des Übersetzers und sprechen somit auch einen Leser an, der den griechischen Text neben sich liegen hat. Viele Stichproben meinerseits ergaben keine Übersetzungsfehler.

Gleichwohl muss sich der Leser auf eine besondere Entscheidung des Übersetzers gefasst machen: Wiater möchte unter allen Umständen zahlreiche Eigenheiten des Textes im Deutschen abbilden. So wird der Stil des Dionysius im Deutschen mit langen, periodischen Sätzen imitiert, um den Leser mit einem ähnlichen Leseeindruck zu konfrontieren, wie ihn das Original hervorruft (48). Dieser Umstand ermöglicht somit ein besonderes Lektüreerlebnis, erfordert aber auch die Bereitschaft, sich auf komplexe Satzstrukturen einzulassen. Darüber hinaus entschied sich Wiater für die interessante Variante, die griechische Schreibweise aller Namen, vor allem der römischen, beizubehalten. Er rechtfertigt dies damit, dass man mit der römischen Form Dionysios' Absicht der 'Hellenisierung' Roms zunichtemache und zudem mit der griechischen Variante der Vorgehensweise des Dionysios treu bleibe, der damit einen gewissen Verfremdungseffekt ausgelöst haben wollte (50). Daran muss sich der Leser also gewöhnen, da Wiater gleichzeitig in allen "Paratexten" wie in Zwischenüberschriften, Einleitungen oder Anmerkungen auf die römische Schreibweise (auch von griechischen Namen wie Thucydides, Nicolaus von Damascus) zurückgreift. Zudem könnten Studierende, die nicht unbedingt mit den alten Sprachen grundlegend vertraut sind, Probleme haben mit bekannten Namen wie Teberis (101), Laouïnion (131), Silouios (140), Koïntos Phabios (152) oder Porkios Katon (66), wenn sie nicht in Klammern transkribiert sind.

Lässt man sich jedoch auf diese Besonderheiten in der Übersetzung ein, wird man die treffende Wortwahl Wiaters, die Lebendigkeit seiner Sprache sowie die Kraft und Ausdrucksstärke seiner Übersetzung genießen.


Anmerkungen:

[1] Duncan Kennedy: 'Augustan' and 'Anti-Augustan'. Reflections on Terms of Reference, in: Anton Powell (ed.): Roman Poetry and Propaganda in the Age of Augustus, London 1992, 26-58; jüngst auch Karl Galinsky: Introduction, in: ders. (ed.): The Cambridge Companion to the Age of Augustus, Cambridge 2005, 1-9.

[2] Clifford Ando: "Was Rome a Polis?", in: ClAnt 18 (1999), 5-34.

[3] Christopher Smith: Early Rome and Latium. Economy and Society c. 1000 to 500 BC, Oxford 1996.

Felix K. Maier