Rezension über:

Michael Riekenberg: Staatsferne Gewalt. Eine Geschichte Lateinamerikas (1500-1930) (= Mikropolitik der Gewalt; Bd. 11), Frankfurt/M.: Campus 2014, 247 S., ISBN 978-3-593-50181-9, EUR 24,90
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Rezension von:
Stefan Rinke
Lateinamerika Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Rinke: Rezension von: Michael Riekenberg: Staatsferne Gewalt. Eine Geschichte Lateinamerikas (1500-1930), Frankfurt/M.: Campus 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/26205.html


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Michael Riekenberg: Staatsferne Gewalt

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"Dieses Buch ist voller Theorie" (7) warnt Michael Riekenberg die Leser seines neuen Buches bereits im Vorwort und in der Tat hatte man auch nichts anderes erwartet, ist der Autor doch durch eine Vielzahl theoretisch anspruchsvoller Analysen von Gewalt in der Geschichte Lateinamerikas hervorgetreten. Zweifellos ist Riekenberg der führende Gewaltforscher im deutschen Sprachraum, der sich mit Lateinamerika, dem für manche sprichwörtlichen Kontinent der Gewalt, beschäftigt. Auf den 230 Seiten seines Textes, der die Geschichte von 430 Jahren umspannt und seine früheren Schriften teils synthetisiert, finden sich viele neue und wichtige Einsichten in die Strukturen kollektiver Gewalt in Lateinamerika.

Was meint Riekenberg, wenn er von "staatsferner Gewalt" spricht? Grundsätzlich bedeutet dies, dass dem Staat das Gewaltmonopol abgeht und dass die Organisation der Gewalt sich nicht auf das Recht begründet, sondern dass stattdessen "symmetrisch gelagerte Beziehungen zwischen verschiedenen Gewaltakteuren" (11) vorherrschen. Staatsferne ist für Riekenberg jedoch nicht ohne "den Staat" zu haben, einen Begriff, den er nicht aufgeben will, obwohl dieser Staat in der Region offensichtlich schwach ist und obwohl die dort lebenden Menschen keine Erwartungen an ihn hegen. Staatsferne ist für den Autor ferner eine Form der Ordnung, in der Menschen im lokalen Raum Herrschaft und Gewalt für sich verstanden und auslegten, also sozusagen ein Staat auf der Mikroebene, die sich ethnografisch beschreiben lässt.

In methodischer Hinsicht lässt Riekenberg keinen Zweifel daran aufkommen, dass erst das Sprechen über Gewalt bzw. deren Erzählung in Texten und Bildern den Kontext schafft, der sich sinnvoll wissenschaftlich analysieren lässt. Dabei fokussiert er angelehnt an Marcel Mauss die reziproke Organisation, das "Geben und Nehmen" von Gewalt. Er tut dies, indem er Gewaltgeschichten beschreibt und darin nach übergreifenden Regelmäßigkeiten und Strukturen sucht.

Wie Riekenberg im "Bilderbogen" des zweiten Kapitels darstellt, entwickelte sich der Staat vom 16. zum 19. Jahrhundert "zu einem Gewaltakteur unter vielen". Erst mit der Moderne, die nach Riekenberg in einigen Ländern Lateinamerikas um 1880, in anderen viel später begann, wandelte sich die "klassische Staatsferne" und es kam zu einer neuen Unübersichtlichkeit der Gewalt, die sich zunehmend in die Städte verlagerte. Letzteren Komplex, die Gewalt seit 1930, grenzt der Autor von seinem Untersuchungsgegenstand ab.

Im Einzelnen wendet sich Riekenberg zunächst den Wissenshorten Mythos und Archiv sowie Schrift und Körper. Anhand eindrucksvoller Beispiele zeigt er deren Bedeutung anschaulich. Wenn etwa analphabetische Milizionäre in der Kolonialzeit vor der Rebellion das Verlesen eines schriftlichen Befehls verlangten, ehe sie den Aufstand probten, so war dies, wie Riekenberg argumentiert, eine Maßnahme, um sich mit dem Staat auf eine Stufe zu stellen, dessen Instrument, die Schrift, man sich aneignete. Hier entsteht eine Imitation des Staates durch andere Gewaltakteure, die sich auf unterschiedlichen Ebenen erkennen lässt. Wichtig sind in Lateinamerika jedoch bis heute auch nichtschriftliche Tradierungen der Gewalt im menschlichen Körper durch Bemalungen, Tattoos, Narben und Verstümmelungen.

Einen Umschwung erkennt Riekenberg in der Phase der Unabhängigkeitsbewegungen, als die Gewalt sich ruralisierte und durch das Aufkommen lokaler Gewaltakteure, der bekannten Caudillos, segmentäre Gewaltbeziehungen entstanden. Mit Thompson sieht Riekenberg hier moralische Ökonomien am Werk, die sich ihr Recht schufen und Solidarität auf lokaler Ebene banden. Deshalb kam es auch so oft zu Blutrache und gewaltsamer Vergeltung gegen persönlich bekannte Gegner. Zu Recht verweist Riekenberg hier auf die Mexikanische Revolution, in der diese Strukturen noch Anfang des 20. Jahrhunderts zu erkennen sind. Er zeigt die Ambivalenz, die segmentäre Gewaltbeziehungen im Kontext der Staatsferne prägen. Einerseits sind sie durch den Bezug auf den lokalen Rahmen dissoziierend, andererseits sind sie auch immer wieder staatsbildend bzw. binden den Staat in ihre Gewaltpraktiken mit ein. Unterschiede ergeben sich gemäß den Arten der Gewalt, ihren Topografien und Akteuren, wobei insbesondere den Milizen eine zentrale Rolle zukam.

Den mit problematischen Wertungen aufgeladenen Begriff "Moderne" verwendet Riekenberg nur in Anführungszeichen als Periodisierungshilfe. In diesem Zeitraum seit Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die Gewalterzählung in Lateinamerika durch neue Techniken wie vor allem die Fotografie und durch die Wissenschaften wie vor allem die Medizin. So kam es zu einer Individualisierung der Gewalterzählung und zur stärkeren Berücksichtigung der Gefühle des Einzelnen in der Gewalt, wobei Wissenschaft und Staat sich verbanden, um die Kontrolle zu erobern. Mit der Betrachtung des Staatsterrors geht der Autor dann sogar über den selbst gesteckten Untersuchungszeitraum hinaus und zeigt, dass dieser in Lateinamerika auch "nicht annähernd" den gleichen Vernichtungswillen aufbrachte wie in Europa.

Riekenbergs Buch ist komplex und anregend nicht zuletzt durch die implizit vergleichende Dimension zu Europa, die der Autor immer wieder einzieht. Das Werk wirft manche Fragen auf. Funktionieren seine theoretischen Überlegungen auch für die Sklavengesellschaften mit ihrer inhärenten Gewalt, die der Autor nur kurz streift, um sie als Ausnahmen auszuklammern? Nahm die "ausschweifende Gewalt" am Ende der Kolonialzeit tatsächlich so stark zu, dass Staat und Kirche sich zu stärkerer Reglementierung genötigt sahen oder war es nicht eher umgekehrt den stärkeren Kontroll- und Disziplinierungsansprüchen des aufgeklärten Absolutismus geschuldet, dass es dazu kam? Was ist "der Staat" in der Phase vor der Moderne, wenn die Ferne von ihm eher die Regel denn die Ausnahme ist? Muss man dann nicht eher von Formen von Staatlichkeit sprechen? Riekenberg ist mit seiner Studie zweifellos ein Standardwerk zur Geschichte und Gegenwart der Gewalt in Lateinamerika gelungen.

Stefan Rinke