Rezension über:

Frank Schleicher: Cosmographia Christiana. Kosmologie und Geographie im frühen Christentum, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014, 420 S., ISBN 978-3-506-77908-3, EUR 54,00
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Rezension von:
Horst Schneider
München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Horst Schneider: Rezension von: Frank Schleicher: Cosmographia Christiana. Kosmologie und Geographie im frühen Christentum, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/26102.html


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Frank Schleicher: Cosmographia Christiana

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Seit einigen Jahrzehnten entdecken Historiker und Philologen die Spätantike als lohnendes Arbeitsgebiet, was nicht verwunderlich ist, da fast zu jedem Thema der griechischen und römischen Klassik umfangreiche und zahlreiche Arbeiten existieren. Dementsprechend beschäftigt sich die vorliegende Arbeit, eine historische Dissertation an der Universität Jena, mit den kosmologischen bzw. geographischen Ansichten, die bei den christlichen Autoren der Spätantike vorherrschten und vereint damit gleich zwei verschiedene wissenschaftliche Ansätze, nämlich Historische Geographie bzw. Kosmologie und biblische Schriftexegese. Der Verfasser geht systematisch vor und widmet jedem einzelnen Autor ein eigenes Kapitel, wobei übergreifend ganze Schulen zusammengefasst werden (im Osten vor allem Alexandria und Antiochia, 39-386). Um den Verstehenshorizont deutlich zu machen, vor dem die christlichen Autoren ihre Lehren entfalten, beginnt er bei Homer und stellt auch die grundlegenden paganen Theorien vor, die der christlichen Spätantike vorausgehen (Einführung 11-34). Außerdem gibt er eine kurze Einführung in die biblischen Grundlagen (35-38). Insgesamt wird durch diese Vorgehensweise eine Art Handbuch produziert, in dem man zu den wichtigsten christlichen Autoren der Spätantike (und dem frühen Mittelalter) Zusammenfassungen ihrer grundlegenden Vorstellungen über den Kosmos und die geographischen Gegebenheiten der Erde finden kann [1], im Westen bis Isidor von Sevilla und dem Kartographen von Ravenna, im Osten bis Johannes von Damaskus; zudem werden diese geographischen und kosmologischen Konzepte durch insgesamt 25 Abbildungen visualisiert, so dass sich der Leser ein anschauliches Bild davon machen kann. Das Buch erfüllt im Rahmen dieses Konzepts einen nützlichen Zweck, denn eine solche Zusammenschau scheint es so bisher noch nicht zu geben. [2]

Nicht behandelt werden die Vertreter der Schule von Gaza, da deren Quellen zum Teil erst noch erschlossen werden müssen, Pilgerberichte, Itinerarien sowie Mosaikkarten, nur ausgewählt syrische und armenische Autoren (389). Auch diese Felder zu berücksichtigen hätte den Rahmen der Arbeit gesprengt. [3]

Die Darstellung des Verfassers wird an manchen Stellen durch Ungenauigkeiten und Versehen gestört. Dafür einige Beispiele: Ungenau ist gleich die erste Fußnote zu Homer (11): Hier wird zunächst allgemein über Homer gesprochen: Über die geographischen Vorstellungen keines anderen antiken Autors sei so viel Tinte geflossen. Bereits Johann Heinrich Voss habe darüber drei Traktate verfasst. Dann wird ergänzend auf ein Buch der Gebrüder Wolf (Armin und Hans Helmut) aus dem Jahre 1990 rekurriert. Diese könnten über 80 verschiedene geographische Theorien auflisten. Tatsächlich handelt es sich dabei um Rekonstruktionsversuche der Irrfahrten des Odysseus. [4] Die benutzten Übersetzungstexte sind meist vorhandenen Publikationen entnommen, vereinzelt sind Übersetzungen griechischer oder lateinischer Zitate, die auf den Verfasser selbst zurückgehen, allerdings unzuverlässig. [5] Der von Eusebius hochgerühmte Lehrer war nicht Pamphilius, sondern hieß Pamphilus/-os (2mal auf S. 60). Auf S. 63 mit Anm. 103 werden die Vita Constantini des Eusebius und die Rede Konstantins an die Versammlung der Heiligen verwechselt. Außerdem ist das Subjekt des zitierten Satzes nicht Konstantin, sondern Gott. Bei der Frage nach dem Verhältnis von Johannes Philoponos und Kosmas Indikopleustes wird leichthin - und unzureichend mit Argumenten belegt - behauptet, deren Werke (De opificio mundi / Topographia Christiana) seien nicht aufeinander bezogen (123 Fußnote 293); dass Philoponos seinen Gegner nicht namentlich nennt, ist kein hinreichendes Argument dafür, dass er die Christliche Topographie nicht kannte. Deshalb sind weitergehende Schlüsse des Verfassers zum Verhältnis der beiden Autoren und auch zu ihrer historischen Wirkung nur mit Vorsicht zu betrachten. Außerdem fehlt bei wichtigen Autoren und Themen manchmal die neueste oder einschlägige Literatur, obwohl der Verfasser verspricht, diese jeweils bieten zu wollen. [6] Der Begriff "Indien" und die damit verbundene Problematik bei Kosmas Indikopleustes wird zu ungenau behandelt. So heißt es S. 247: (In der Topographie) "wird nur auf die Flora und Fauna Indiens und Sri Lankas näher eingegangen"; in der zugehörigen Fußnote 134 heißt es dazu: "Er behandelt diese in den Büchern 11 und 12, vermischt hier afrikanische Fakten mit indischen". Tatsächlich ist nur der 11. Logos als "Indienbuch" bekannt und ist der Terminus "Indien" in der Topographie bisweilen ein verschwommener Begriff neben dem realen Indien für "Äthiopien" bzw. Sri Lanka. Ob er überhaupt in "Indien" gewesen ist, ist in der Forschung hochumstritten, was der Autor durchaus weiß (246 mit Fußnote 129). Gleichwohl schreibt er im Zusammenhang mit der Identifizierung der Paradiesesflüsse (259): "Er selbst ist wohl bis zum Ganges gereist, kannte den Fluss und hat ihn anstatt der Donau in seine Topographie eingearbeitet." Hier wird deutlich, dass der Verfasser den Originaltext nicht kennt oder nicht richtig wiedergibt, denn in Logos 2,81 ist vom Indus die Rede als Identifikation des Paradiesesflusses Phison ebenso wie im 11. Logos (Frgm. XIIa). Dass hier auch der Name Ganges überliefert ist, scheint tatsächlich auf eine Glosse zurückzugehen, die versehentlich in den Text eindrang. [7] Das 12. Buch hat außerdem eine ganze andere (apologetische) Stoßrichtung. Spezialisten für einzelne Autoren könnten darüber hinaus fündig werden.

Diese Einführung in die zentralen kosmologischen und geographischen Anschauungen der christlichen Autoren wird dem interessierten Leser vor allem aufgrund der Fülle des gesammelten Materials nützlich sein können.


Anmerkungen:

[1] Die zentralen Stellen, an denen diese Anschauungen festgemacht werden können, werden in der Regel in Übersetzungen verschiedener Provenienz präsentiert.

[2] Ein ähnliches Werk hat R. Krüger verfasst, der das Erdkugelmodell in der Antike systematisch untersucht hat: Das Überleben des Erdkugelmodells in der Spätantike (ca. 60 v.u.Z. - ca. 550) (= Eine Welt ohne Amerika II, Berlin 2000; Das lateinische Mittelalter und die Tradition des antiken Erdkugelmodells (ca. 550 - ca.1080) (= Eine Welt ohne Amerika III), Berlin 2000.

[3] Der Rezensent fragt sich angesichts des Materialumfangs allerdings, ob dieses "Promotionsthema" glücklich gestellt oder gewählt worden ist, wäre doch für diese Thematik ein Lexikonprojekt mit verschiedenen Spezialisten durchaus auch denkbar gewesen.

[4] Titel des Werks: "Die wirkliche Reise des Odysseus". Der Verfasser hätte hier deutlich machen müssen, dass es sich um Lokalisierungsversuche der Odyssee handelt.

[5] Beispiele: Im Eusebius-Kapitel S. 60 in der Übersetzung einer Textstelle der Lobrede Eusebs auf Konstantin (Kap. 6,6 S. 60) ist von "Geschöpfe(n), die aus der Luft geboren sind" die Rede; gemeint sind Geschöpfe, "die sich in der Luft bewegen oder von der Luft fortgetragen werden" (griechisch: φέρεσθαι). Hier liegt wohl ein Mißverständnis des LSJ-Eintrags s.v. B. I. (S. 1924) vor: "to be borne or carried involuntarily, to be borne along by waves or winds, to be swept away". Weitere Missverständnisse: "dei ... arbitrio"; wiedergegeben mit: "durch Gottes Gewalt" statt "nach Gottes Willen/Gutdünken"; "instar regis sedet": "so sitzt sein Reich" statt "sitzt nach Art eines Königs" (S. 317); "Was erhebt sich über Erde und Asche?" - richtig: "Wozu überhebt sich Erde und Asche/Staub?" - "Quid superbit terra et cinis?" (S. 318 = Sirach 10,9); "Was verwundern wir uns, wenn die Körper der Menschen klein erscheinen wie Heuschrecken, und winzig die denkenden Seelen?"- Richtig: "Was wundern wir uns, wenn die Körper der Menschen für klein wie Heuschrecken und winzige Lebewesen gehalten werden?" - "Quid miremur, si parua hominum corpora quasi locustae, et minuta reputentur animantia?" (S. 318); "Andererseits steht auch an diesem Ort, dass sich der halbkugelförmige Himmel über den Erden neige und der Himmel Sphären ähnlich ausgespannt sei. Sie missbrauchen den Namen der Feste, dass natürlich der mittlere Teil der Sphäre die Erden bedecke." (318) - Tatsächlich ist gemeint: Andererseits missbrauchen diejenigen, die behaupten, dass der halbkreisförmige Himmel ..., auch an dieser Stelle den Namen ..: "- "rursum et in hoc loco qui ἡμικύκΛιoν terris imminere caelum, et in similitudinem sphaerae caelum esse contendunt, abutuntur nomine fornicis, quod scilicet media pars sphaerae terras operiat." Ich breche hier ab. Gleichwohl ist dem Verfasser positiv anzurechnen, dass er dem Leser die Möglichkeit der direkten Überprüfung an die Hand gibt, weil er die Originaltexte in der Regel in den zugehörigen Anmerkungen ausschreibt.

[6] Bei Kosmas Indikopleustes, dessen Modell des Universums das Frontcover in bunter Abbildung ziert, fehlt: H. Schneider, Kosmas Indikopleustes, Christliche Topographie. Textkritische Analysen, Kommentar, Übersetzung (= Indicopleustoi 7), Turnhout 2010. Teilweise werden veraltete Übersetzungen angegeben wie z.B. bei der Vita Constantini des Eusebius die alte BKV-Übersetzung, obwohl längst moderne Übersetzungen vorliegen.

[7] Logos 2,81 (67 Schneider): "Wir aber legen wiederum folgerichtig in unseren Aussagen vier Flüsse zugrunde, die - wie die heilige Schrift sagt -, dem Paradies entspringen, den Okeanos durchqueren und auf diese Erde zurückfließen. Der Pheison in Indien, den man Indus [oder Ganges] nennt, kommt von der Mitte des Landes herab und hat viele Mündungsarme im Indischen Meer. Dieser Fluß hat die Pflanze Nymphaea, die sogenannte 'Güte des Nils', Pflanzen, Lotus, Krokodile und anderes, was der Nil hat. Der Geon (sc. der Nil) kommt aus der Gegend von Äthiopien, durchfließt ganz Äthiopien und Ägypten und mündet in den bei uns befindlichen Golf. Tigris und Euphrat aber fließen von der Gegend Persarmeniens bis zum Persischen Golf. Und soviel dazu von uns." Logos 11, Frgm. XIIa (239.247 Schneider): "Denn der Fluß Indus, das heißt der Pheison, der seine Mündungen in den Persischen Golf hat, trennt Persien und Indien."

Horst Schneider