Rezension über:

Michael Busch / Stefan Kroll / Rembrandt D. Scholz (Hgg.): Geschichte - Kartographie - Demographie. Historisch-Geographische Informationssysteme im methodischen Vergleich (= Geschichte. Forschung und Wissenschaft; Bd. 45), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2013, 245 S., ISBN 978-3-643-12347-3, EUR 39,90
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Rezension von:
Werner Stangl
Institut für Geschichte, Karl-Franzens-Universität, Graz
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Werner Stangl: Rezension von: Michael Busch / Stefan Kroll / Rembrandt D. Scholz (Hgg.): Geschichte - Kartographie - Demographie. Historisch-Geographische Informationssysteme im methodischen Vergleich, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 5 [15.05.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/05/25945.html


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Michael Busch / Stefan Kroll / Rembrandt D. Scholz (Hgg.): Geschichte - Kartographie - Demographie

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Der hier rezensierte Sammelband ist das Resultat einer interdisziplinären Tagung aus dem Jahr 2009, die sich mit der Schnittmenge aus den Bereichen "historische Demographie" und "Kartographie" auseinandergesetzt hat. Dabei ist gleich vorweg darauf hinzuweisen, dass der Band im Bereich der Kartographie zwei getrennt zu denkende Aspekte in die Betrachtung einbindet: die Beschäftigung mit Altkarten und die kartographische Erfassung historischer Umstände. Demographie und Kartographie (besonders im zweiten Aspekt) sind natürlich kommunizierende Gefäße, da erstere inhärent raumbezogen ist, und weil die historische Kartographie immer ein Thema benötigt und Demographie sich dafür gut eignet. Raumbezogene Daten wiederum sind in unserem digitalen Zeitalter vor allem in geographischen Informationssystemen (GIS) organisiert, weshalb diese konsequenterweise im Titel die Klammer zwischen den beiden Bereichen machen. Tagungsort war das Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock, woraus sich auch der räumliche Fokus der einzelnen Beiträge auf Mecklenburg und Pommern im Speziellen, Deutschland und Schweden im Weiteren, erklärt.

Den ersten Beitragsblock bilden drei aus einem Round Table hervorgehende Texte, die - aus der Sicht des Rezensenten - durch ihre Ausrichtung auf die geschichtliche Entwicklung der Forschung für die Titel gebende "Geschichte" stehen. Zwei der Beiträge (Lee und Wilke) weisen dabei eine sehr ähnlich gelagerte Konzeption auf: Sie fassen die wesentlichen Linien der institutionellen Bedingungen und methodischen Entwicklungen der historischen Demographie Deutschlands zusammen und schließen jeweils mit Plädoyers für interdisziplinäre Großprojekte und die Bildung einer homogenen digitalen demographischen Dateninfrastruktur für Deutschland. Durch diese Ähnlichkeit beider Aufsätze ergeben sich aus Sicht des Rezensenten einige unnötige Redundanzen. Der dritte Round Table-Beitrag, über "Rostocker Bemühungen um räumliche Visualisierungen von historisch-demographischen Angaben" fällt aus diesem Rahmen und verbindet Demographie und Kartographie direkt. Gyula Pápay gibt dabei auf nicht mehr als zwei Seiten einen Überblick über die bereits seit den 1990er-Jahren in Rostock unternommenen Versuche einer internetbasierten Visualisierung von GIS-Daten, einem damals wirklich visionären Projekt. Insofern ist sein Beitrag als Reflexion über den Werdegang der digital-informationsgestützten, räumlich arbeitenden historischen Demographie zu verstehen [1].

Den Auftakt zu den auf Kartographie abzielenden Beiträgen bildet ein historischer Abriss über die früheste systematische geometrische Landesaufnahme auf nationaler Ebene im Schweden des 17. Jahrhunderts. Mats Höglund bietet damit einen guten Hintergrund für zwei weitere Texte über die Aufbereitung der schwedischen Landesaufnahme von Pommern (1692-1709) in Form eines Web-GIS. Michael Busch et al. gehen darin auf Motive, Durchführung und Produkte (Karten und Texte) der damaligen Unternehmung ein und argumentieren daraus schlüssig die von ihnen angewendeten digitalen Methoden und Editionsparameter, mit deren Hilfe eine einwandfreie digitale Text- und Faksimileedition über eine GIS-Anwendung erschlossen wurde. Abschließend bietet der Text ein konkretes Beispiel für Analysemöglichkeiten, die sich aus der Verwendung des digitalen Umfeldes ergeben. Die Ausführungen zum konkreten Prozess der Georeferenzierung der dem Projekt zugrundeliegenden Katasterkarten sind Gegenstand eines eigenständigen Beitrags, hätten jedoch genauso einen Abschnitt des vorherigen bilden können. Konzeptionell ähnlich exerziert im Anschluss Lutz Kressner an einem Mecklenburger Beispiel die digitale Restaurierung und Georeferenzierung von Karten sowie das Potential, das sich durch die Aufbereitung hinsichtlich möglicher wissenschaftlicher Fragestellungen ergibt, durch. Andreas Kunz' Überblick über Aufbau und Elemente des wichtigsten und umfangreichsten historischen GIS im deutschsprachigen Raum (HGIS Germany) bereichert den Band um den entscheidenden Aspekt der Modellbildung und rechtfertigt damit auch schon seine Existenz, auch wenn die dort dargebotene Information im Wesentlichen im Dokumentationsbereich der Homepage des Projektes bereits seit längerem zugänglich ist.

Der dritte Block passt zur Überschrift Demographie, beziehungsweise soll wohl auch die eigentliche Brücke zwischen Demographie und Kartographie/GIS bilden. Während in Rolf Gehrmanns Text zur Bevölkerungsgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns sich der kartographische Aspekt noch in zwei begleitenden thematischen Karten erschöpft, werden Sebastian Klüsener und Joshua R. Goldstein in ihrer kliometrischen Betrachtung des ersten demographischen Übergangs in Preußen viel deutlicher, was den Mehrwert von GIS-gestützten Analysen für diesen methodischen Ansatz angeht. Sie binden konkrete Raumaspekte (Nachbarschaftsverhältnisse) neben anderen Variablen in die Modellbildung mit ein, um abgesehen von sozio-ökonomischen Veränderungen auch Diffusionseffekte beim Geburtenrückgang berücksichtigen zu können. Der letzte Beitrag schließlich, zur demographischen Entwicklung in Rostock, führt wieder stärker in die statistisch orientierte historische Demographie selbst zurück, deren Forschungsfragen letztendlich ohne die analytische Einbeziehung von Raum auskommen.

Abschließend betrachtet handelt es sich bei dem rezensierten Werk, wie schon eingangs erwähnt, um einen klassischen Tagungsband, zwischen dessen Einzelbeiträgen es deutliche thematische Gemeinsamkeiten gibt, der aber keine abgerundete Gesamtdarstellung versucht. Festzustellen ist jedenfalls eine summa summarum doch stark ausgeprägte Segregation von "Geschichte", "Kartographie" und "Demographie", da nur die Beiträge von Pápay und Klüsener/Goldstein wirklich gleichermaßen beide Bereiche bedienen. Das ist aber insofern verständlich, als dass es ja eben Zweck war, die interdisziplinäre Verbindung von historischer Demographie und historisch geographischen Informationssystemen anzuregen und nicht schon in ihrer fertigen Ausgestaltung zu präsentieren. Viel wichtiger ist daher, dass die einzelnen Beiträge am Puls der Forschung und gleichzeitig ausreichend zugänglich sind, um Denkanstöße für interdisziplinäre Schnittstellen zu geben. Das sind zwei Anforderungen, die das besprochene Buch auf jeden Fall mehr als erfüllt.


Anmerkung:

[1] Etliche der im Beitrag von Pápay angegebenen Links sind nicht mehr aktiv, teilweise funktionieren die Anwendungen nicht oder nur noch eingeschränkt. Der Hinweis auf diesen Umstand soll jedoch kein Vorwurf sein, sondern verweist vielmehr auf die vom Autor selbst hervorgehobene Problematik der dauerhaften Finanzierbarkeit von Internetauftritten. Als die Anwendungen entstanden, war zum Beispiel die Verwendung von Java unbestritten der richtige Ansatz, um eine Web-Visualisierung anzugehen, doch durch die Anfälligkeit von Java und die permanent erfolgende Schließung von Sicherheitslücken sind die alten Anwendungen in Browsern - aus gutem Grund - teilweise nicht mehr darstellbar. Dauerhafte Internetpräsenzen bedürfen regelmäßiger Wartung und Portierung (nicht nur hinsichtlich Java, das gilt für digitale Projekte insgesamt). Verlässliche Finanzierungsmodelle bieten Förderprogramme und Universitäten hingegen selten.

Werner Stangl