Rezension über:

William Doyle: France and the Age of Revolution. Regimes Old and New from Louis XIV to Napoleon Bonaparte, London / New York: I.B.Tauris 2013, VII + 232 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-1-78076-445-0, GBP 16,99
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Rezension von:
Bernd Klesmann
Historisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Klesmann: Rezension von: William Doyle: France and the Age of Revolution. Regimes Old and New from Louis XIV to Napoleon Bonaparte, London / New York: I.B.Tauris 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 4 [15.04.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/04/25168.html


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William Doyle: France and the Age of Revolution

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Der Altmeister der britischen Ancien Régime- und Revolutionsforscher legt in 13 ausgewählten Aufsätzen (die teilweise auf Publikationen der letzten 20 Jahre zurückgreifen) eine Art Summe seines Schaffens vor. Im unscheinbaren Format eines Lesebuches werden drei größere Themenfelder abgesteckt.

Ein erster Teil bietet eine Art Strukturgeschichte des Ämterkaufs in Frankreich aus verschiedenen Perspektiven, ein Thema, das der Autor bereits in einer Monographie von 1996 behandelt hat. Minutiös wird die Entwicklung nachvollzogen: was aus akuter Finanznot des Königtums noch im frühen 16. Jahrhundert als mittelfristige Überbrückungsfinanzierung gedacht war, wurde im Lauf der Zeit zum omnipräsenten System, das trotz permanenter Kritik an seinen Auswüchsen (Colbert, Saint-Pierre, Voltaire u.a.) erst 1789/90 weitgehend abgeschafft werden konnte - ohne dass die versprochenen Entschädigungen an die enteigneten Amtsträger, Haupthindernis früherer Reformversuche, wirklich gezahlt wurden. Doyles Diagnose ist bestechend schlicht: es waren die ständigen Kriege der französischen Könige, die immer wieder auch kurzfristig so hohe Summen verschlangen, dass man, statt unsichere und umstrittene Steuern zu erheben, lieber begehrte Ämter verkaufte, um den Reichtum des ambitionierten Handelsbürgertums wenigstens teilweise in die Staatskassen zu lenken: "no venality, no war; no war, no venality" (23). Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in Frankreich - so das Ergebnis jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Thema - über 50.000 verkaufte Ämter in Justiz, Militär und Verwaltung. Die Untersuchung bleibt jedoch bei diesen statistischen Befunden nicht stehen, sondern fragt weiter, wie es möglich war, ein so tragendes Strukturelement in den Jahren der Revolution nahezu vollständig und irreversibel zu entfernen. Die Antwort fällt vorsichtig aus: aus einem Vergleich mit der britischen Entwicklung leitet Doyle einige "Changing Notions of Public Corruption" ab, die zwischen etwa 1770 und 1850 durch die Entstehung parlamentarischer Oppositionskultur und den Einfluss eines häufig religiös konnotierten Moralismus die "Old Corruption" obsolet gemacht hätten (57-73).

Ein zweiter Teil befasst sich unter dem Titel "The Old Order Disintegrates" mit der Revolutionsgeschichte in Frankreich und Europa. Ein Kapitel über die Act of Union von 1800 - laut sehr persönlicher Einleitung eine Art biographisches Zufallsprodukt - gerät unter der leichten Feder des Autors geradezu zu einer vergleichenden Verfassungsgeschichte des 18. Jahrhunderts. Parallelen zur faktischen Annexion Irlands sieht Doyle am ehesten in der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik und ihrem Verschwinden unter - überwiegend - russischem Einfluss vor dem Hintergrund wachsender Revolutionsfurcht (81-82, 85-86). Die Essays "The French Revolution: Possible because Thinkable or Thinkable because Possible" und "Desacralising Desacralisation" stellen verbreitete Deutungen des Revolutionsgeschehens als Fortsetzung und Kulmination langfristiger Entwicklungen auf den Prüfstand und warnen - hier in klassisch "revisionistischer" Diktion - vor der Konstruktion teleologischer Ex-post-Rechtfertigungen. Weder habe es vor 1791 eine massive Ablehnung des Königtums in Frankreich gegeben, noch seien die durchaus verbreiteten Spitzen antihöfischer Kritik als Indizien für einen Vertrauensverlust oder gar eine Entsakralisierung der Monarchie zu werten (habe nicht erst die Staatstheorie des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts die Monarchie nach dem Schock der Religionskriege überhaupt "resacralise[d]" , 107 ?), zumal sich die Ablehnung eher auf konkrete Personen als auf die Institution an sich bezogen habe. Mit Blick auf die berühmtenCahiers de doléances, deren Tenor keineswegs die Planung oder auch nur Erwartung eines fundamentalen Umsturzes verrate, plädiert der Autor für die Berücksichtigung mittel- und kurzfristiger, oft kontingenter und personeller Faktoren des Weges in die Revolution.

Ein dritter Teil ist schließlich Napoleon gewidmet, wobei drei der vier Aufsätze hier erstmals gedruckt vorliegen. Ein Kapitel über den ab 1808 geschaffenen napoleonischen Adel, auch im Strukturvergleich mit der seit 1802 existierenden Ehrenlegion, betont u.a. die ökonomische Dimension der Rekrutierung und die faktisch problemlose Assimilation in den Adel des Ancien Régime seit der Restauration von 1814/15. Der Aufsatz "Napoleon, Women and the French Revolution" referiert einerseits die - weitgehend bekannte - Haltung Napoleons zu seinen beiden Ehefrauen, den verschiedenen Geliebten und den von ihm verachteten Intellektuellen wie Mme de Stael, begründet andererseits eine pointierte Bilanz der Revolutionszeit, die bekanntlich für den sozialen und rechtlichen Status der Frauen auch negative Auswirkungen hatte: als progressiv sei v.a. die Tätigkeit der Girondins zu werten, die am letzten Sitzungstag der Legislative im September 1792 ein egalitäres Scheidungsrecht verabschiedeten, das unter den späteren Regierungen mit Einschluss Napoleons (dessen jakobinische Prägung stark akzentuiert wird) wieder deutlich restriktiver zugunsten der Männer gefasst wurde. Der abschließende Text zum "Revolutionary Napoleon" geht von Wellingtons Urteil über Napoleon als Verkörperung des revolutionären Prinzips aus (190) und sieht in dessen politischem Vermächtnis eher eine Verstetigung und dauerhafte Implementierung der revolutionären Veränderungen als deren Ende.

Der scharf urteilende Autor, der mit gleicher Leichtigkeit aus der Politik des Aristoteles wie aus den Briefen Voltaires oder den Archives Parlementaires der Revolutionszeit zitiert, hat ein unbedingt lesenswertes Buch vorgelegt, das sicherlich für weitere Kontroversen sorgen wird. Zu den bekannten Empfindlichkeiten des britisch-französischen Verhältnisses auch in wissenschaftlicher Hinsicht, etwa in der Einschätzung von Monarchie (107), Parlamentarismus (116-118), staatlicher Laizität (197) oder napoleonischer Kriegführung (204), gesellt sich die kaum verhohlene Lust an der - brilliant vorgetragenen - historisch-politischen Provokation. Am deutlichsten tritt dieser Aspekt in der Einleitung hervor, gegen die sich Furets Wort vom "dérapage" der Revolution wie eine harmlose Andeutung ausnimmt: "[...] apart from sullying the reputation of republicanism in Europe for three generations, Jacobinism achieved nothing enduring. The earlier years of the Revolution, by contrast, destroyed the ancien régime and rationalised French public life for ever." (4)

Bernd Klesmann