Rezension über:

Matthias Klöppel: Revolution und Reichsende. Der Transformationsprozess von 1789 bis 1806 im Spiegel ausgewählter Leipziger Periodika (= Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte. Veröffentlichungen des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens; Bd. 23), Wiesbaden: Harrassowitz 2019, IX + 370 S., ISBN 978-3-447-11234-5, EUR 74,00
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Rezension von:
Wolfgang Burgdorf
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Burgdorf: Rezension von: Matthias Klöppel: Revolution und Reichsende. Der Transformationsprozess von 1789 bis 1806 im Spiegel ausgewählter Leipziger Periodika, Wiesbaden: Harrassowitz 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 4 [15.04.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/04/33881.html


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Matthias Klöppel: Revolution und Reichsende

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Die 2018 bei Manfred Rudersdorf in Leipzig entstandene Dissertation von Matthias Klöppel gliedert sich in sechs Abschnitte. Nach der Einleitung, die Ziele, Quellenauswahl, Methoden und Forschungsstand erläutert, folgt die Vorstellung von Leipzig als Medienstandort, als "Fabrik der Journale". Hier geht es um Produzenten, Rezipienten, Zensur und Umwelt, insbesondere die Universität war wichtig, wie auch um die Reichweite der periodischen Presseerzeugnisse der Messestadt. Im dritten Abschnitt "Segen oder Fluch? Echo und Verarbeitung der Französischen Revolution in den Leipziger Periodika" wird die Darstellung der Revolution und ihrer wichtigsten Ereignisse bis zum Beginn des Konsulats geschildert. Der vierte Teil "Ein unvermeidlicher Zerfall? Echo und Verarbeitung des Reichsuntergangs in den Leipziger Periodika" widmet sich dem Widerhall der kriegerischen Ereignisse sowie den Friedensschlüssen seit Beginn der Koalitionskriege bis zur Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. Das fünfte Kapitel ist komparatistisch angelegt und vergleicht die Leipziger Darstellung der Revolution und des Reichsunterganges mit jener in den Presselandschaften Berlins, Hamburgs und Weimar-Jenas. Das ist konzeptionell nicht ganz glücklich, weil alle Orte in der 1795 geschaffenen preußisch dominierten Neutralitätszone liegen. Ein Vergleich mit Periodika aus einem reichsnahem Territorium - allerdings unter französischer Besatzung -, vielleicht Frankfurt am Main oder Augsburg oder gar Wien oder Salzburg wäre aufschlussreicher gewesen. Am Ende folgt eine zusammenfassende "Schlussbetrachtung".

Seine Fragestellung erläutert Klöppel wie folgend: Im Zentrum steht "die publizistische Resonanz auf den sich in rascher Folge vollziehenden politischen Transformationsprozess, der West- und Mitteleuropa in den Jahrzehnten um 1800, der sogenannten 'Sattelzeit', erfasste und vom Ancien regime in die Moderne führte. Es soll mithilfe eines pressehistorisch-rezeptionsgeschichtlichen Zugangs zum einen nach der Dimension, den vermittelten Inhalten und Wirkungen der Revolution in Frankreich auf das deutsche Publikum gefragt werden. Zum anderen wird die mediale Wahrnehmung des sukzessiven Auflösungsprozesses des Heiligen Römischen Reiches sowie seiner Institutionen problemorientiert und stringent beleuchtet. Seine zeitliche Einbettung erfährt das Thema durch die markanten Eckdaten 1789 und 1806" (2). Insbesondere zur Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. heißt es: "Die Arbeit will die noch immer verbreitete Auffassung von ihrer gleichgültigen Kenntnisnahme durch die Mitlebenden mit kritischem Blick hinterfragen" (4). Drei Ziele hat sich der Autor "gesetzt: erstens die außerordentliche Bedeutung des umfangreichen Leipziger Pressewesens in der hochexplosiven Zeitspanne zwischen 1789 und 1806 innerhalb des Heiligen Römischen Reiches herauszufiltern; zweitens die mannigfaltigen unmittelbaren Resonanzen auf die Große Französische Revolution im publizistischen Feld der Messe- und Verlagsstadt stringent zu beleuchten; und drittens den schrittweisen Auflösungsprozess des Alten Reiches im unmittelbaren Leipziger Medienecho schlüssig nachzuzeichnen" (273).

Die Einordnung in den Forschungskontext wird detailliert vorgenommen (14-22). Hier wird zurecht darauf hingewiesen, dass die verdienstvolle Presse-, Zeitungs- und Zeitschriftenforschung Leipzig bislang vernachlässigt hat. Dies mag damit zusammenhängen, dass es in Leipzig im Untersuchungszeitraum, neben einer Vielzahl von Journalen, nur eine privilegierte Zeitung, die "Leipziger Zeitungen", gab. Daneben bezieht sich Matthias Klöppel auf die inzwischen zahlreichen Darstellungen zum Reichsende. Er bestätigt insgesamt die Ergebnisse des Forschungsprojekts der Fritz-Thyssen-Stiftung "Wahrnehmung und Bewältigung des Umbruchs um 1806 durch Funktionseliten", das zu einem Paradigmenwechsel geführt und die Behauptung vom "sang- und klanglosen" Reichsende widerlegt hat.

Nicht treffend wird die Reichsverfassung jedoch als "ein eigentümliches Sammelsurium verschiedener Gesetze, Friedensschlüsse und Gewohnheitsrechte" (1) beschrieben. Seit 1653 hieß es im wichtigsten Reichsgrundgesetz, der jeweiligen kaiserlichen Wahlkapitulation, die älteren Reichsgrundgesetze sollen gelten, "als wenn sie dieser Kapitulation von Wort zu Wort einverleibt" seien. Die Wahlkapitulationen bildeten somit eine einheitliche schriftliche Verfassung bereits über hundert Jahre, bevor sich Korsika, die USA, Polen oder Frankreich eine schriftliche Verfassung gaben. Die Reichsverfassung war ein protokonstitutionelles System mit verfassungsmäßig einklagbaren Rechten für jedermann, jedoch ohne repräsentative Vertretung der Bevölkerung.

Die Stärke der Untersuchung von Matthias Klöppel liegt besonders darin, dass sie an einer neuen Quellengruppe noch einmal den tiefen Einschnitt, den das Jahr 1806 in der deutschen Geschichte bedeutet, dokumentiert. Die Schwächen der Arbeit sind dagegen marginal. Ob die Darstellung der Revolutionsereignisse und des Reichsendes in den Leipziger Periodika "einen nicht unwesentlichen Teil der Denkart der Bevölkerung widerspiegelt" (6) bleibt diskussionswürdig. Fragwürdig scheint, ob nach 1800 in den Periodika im "verstärkten Maße" auf "Fotografien" zurückgegriffen wurde (28). Die zeitgenössische Nachrichtenübermittlung wurde nicht durch "Rastphasen der Pferde" (80) beeinträchtigt. Die reitende und fahrende Post wechselte an den Stationen die Pferde. Ob Kaiser Franz II. ein "Potentat" war, ist vielleicht Geschmacksache (232).

Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit liegt in der quantifizierenden Betrachtung. So ergibt sich ein deutlich anderes Bild, wenn statt der Zahl der Artikel zu einzelnen Ereignissen die Zeilen gezählt werden. Ein einzelner Artikel oder der Abdruck eines einzelnen Dokuments, wie der Rheinbundakte oder der Erklärung Franz' II. vom 6. August 1806 konnten weit mehr Zeilen umfassen als mehrere Artikel. Mehrfach konstatierten Beobachter nach der Niederlegung der Kaiserkrone am 6. August 1806, wie auch der Reichskammergerichtsprotonotar Joseph Anton von Vahlkampf, dass dieses Ereignis so niederschmetternd sei, dass es sich einer unmittelbaren Kommentierung entziehe (229, 236f.). Auf dieses Vahlkampfsche Schweigen hatte als erster Eric-Oliver Mader hingewiesen.[1] Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Ereignisse vom 6. August 1806 wurden alle Aufmerksamkeiten von dem beginnenden Krieg zwischen Frankreich und Preußen sowie den sich anschließenden Katastrophen absorbiert.

Ungewöhnlich umfangreich war die Schilderung der Krönungszeremonien Kaiser Leopolds II. in den "Leipziger Zeitungen": Mit 192 Zeilen erstreckte sie sich über drei Ausgaben (201). Hinsichtlich des Reichsendes wird konstatiert, der Topos vom "sang- und klanglosen" Erlöschen "stimmt nicht mit dem Echo in den messestädtischen Periodika überein" (236). Im Vorfeld zeigte sich: "Sein baldiges Ende wurde nicht prognostiziert, obschon sich ein zunehmendes Bemühen offenbarte, reichspatriotische Gesinnungen und nationale Einstellungen unter den Deutschen zu wecken. Nicht selten offenbarten sich wesentliche Merkmale des modernen Nationalismus" (244). Viele Tabellen und Statistiken sichern die Aussagen des Autors ab. So ist der letzte Satz der Darstellung vollkommen überzeugend: "Zu keiner Zeit sind Leipzigs Presseakteure, dem Tenor der Masse der deutschen Beobachter entsprechend, für einen gewaltsamen Umsturz im Alten Reich eingetreten. Bis zuletzt hielten sie an dessen monarchisch-ständischer Gesellschaftsstruktur fest" (278). Insgesamt handelt es sich bei der Dissertation von Matthias Klöppel um eine sehr gelungene und überzeugende Untersuchung.


Anmerkung:

[1] Eric-Oliver Mader: Die letzten "Priester der Gerechtigkeit". Die Auseinandersetzung der Letzten Generation von Richtern des Reichskammergerichts mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Berlin 2005, 174-176; Wolfgang Burgdorf: Das Vahlkampfsche Schweigen - Oder wie die Deutschen 1806 das Entgleisen ihrer Geschichte kommentierten, in: Das Ende des Alten Reiches im Ostseeraum. Wahrnehmungen und Transformationen, hgg. von Michael North / Robert Riemer, Köln 2008, 172-206.

Wolfgang Burgdorf