Rezension über:

Neil W. Bernstein: Ethics, Identity, and Community in Later Roman Declamation, Oxford: Oxford University Press 2013, X + 230 S., ISBN 978-0-19-996411-6, GBP 50,00
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Rezension von:
Christian Reitzenstein-Ronning
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christian Reitzenstein-Ronning: Rezension von: Neil W. Bernstein: Ethics, Identity, and Community in Later Roman Declamation, Oxford: Oxford University Press 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 4 [15.04.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/04/24222.html


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Neil W. Bernstein: Ethics, Identity, and Community in Later Roman Declamation

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Die Neubewertung der Rhetorik in den Geisteswissenschaften zieht seit nun bereits über zwei Jahrzehnten auch ein gestiegenes Interesse an der antiken Deklamation nach sich. Dabei wird verstärkt auch nach den sozialen und kulturellen Aufgaben dieser Textgattung gefragt [1], der doch paradoxerweise bereits antike Kritiker eine eklatante Dysfunktionalität bescheinigten (besonders plakativ Petron. 1,1-2; Sen. contr. 3 praef. 12). Neil W. Bernsteins hier anzuzeigende Studie reiht sich in diese Forschungsrichtung ein, setzt aber zum Teil neue Akzente. Sie konzentriert sich auf das Corpus der pseudoquintilianischen Declamationes maiores, das als einzige der erhaltenen Sammlungen lateinischer Deklamationen nicht nur Exzerpte, sondern jeweils den vollständigen Text der ausgewählten Übungsreden bietet. Lange Zeit Quintilian selbst zugeschrieben, geht man für die Textsammlung heute von einer Pluralität von Autoren aus, die zwischen dem ersten und dritten nachchristlichen Jahrhundert tätig waren. Während zu den einzelnen dieser insgesamt 19 "größeren" Deklamationen bereits eine Reihe von Einzelstudien bzw. Kommentaren vorliegen [2], orientiert sich Bernstein in einem Längsschnitt durch das Corpus an vier dominanten thematischen Blöcken, die er als "authority", "verification", "reciprocity" und "visuality" benennt.

Der Verfasser leitet den Band mit einer grundsätzlichen Charakterisierung der am Vorbild der Gerichtsrede ausgerichteten deklamatorischen controversia ein, die einen festen Bestandteil in der Ausbildung junger Römer aus der gesellschaftlichen Elite bildete. Er identifiziert sie plausibel und im Anschluss an die bisherige Forschung als einen narrativen Text, dessen Kern "the mimesis of a legal conflict" (5) bilde. Statt einer unmittelbaren juristischen Schulung diene sie primär der ethischen Reflexion und lenke das Interesse des Publikums auf Inkonsistenzen innerhalb des "cultural codes" der zeitgenössischen römischen Gesellschaft. Ihr oft kritisiertes 'extremes Szenario' und ihre Fiktionalität seien auch dem Unterhaltungsanspruch der Deklamationen geschuldet (9). Bernstein macht in den Declamationes maiores deutliche Unterschiede zu den zentralen Diskursen der römischen Oberschichtenliteratur aus: "The Major Declamations self-consciously disrupt Roman master narratives of identity and community, virtue, paternal authority, and political hierarchy." (13). In konsistenter Weise stellt er im Hauptteil der Arbeit die individuelle rhetorische Problemlösung in den Declamationes maiores den rechtlichen, sozialen und mentalen Strukturen der kaiserzeitlichen Gesellschaft gegenüber.

Der erste große Abschnitt des Buches, "authority" (17-43), widmet sich der Frage nach den Bedingungen legitimer Ausübung von sozialer Macht. Im interpretatorischen Fokus stehen die Declamationes maiores 3 (Miles Marianus) und 11 (Dives accusatus proditionis). Bernstein erkennt im Fall des Soldaten, der seinen sexuell übergriffigen Vorgesetzten tötet und sich dafür vor dem Konsul Marius verantworten muss, unter Aneignung weberscher Terminologie einen Konflikt zwischen 'bürokratischer' und 'charismatischer' Autorität. Der militärischen Disziplin und Befehlshierarchie werde die Forderung nach legitimer Machtausübung gegenüber gestellt. Der Feldherr solle, so der Deklamator, durch seinen Freispruch die vom Volk geforderte Billigkeit gewährleisten. Declamatio maior 11 thematisiere hingegen die inneren Spannungen in den Gemeinwesen der Kaiserzeit und die letztlich doch prekäre Stellung der Oberschichten gegenüber einer gewaltbereiten plebs. Hieran könne der junge Sprössling aus einer der führenden Familien lernen, seine Stellung argumentativ abzusichern (43).

Der zweite Abschnitt, "verification" (44-77), stellt die Decl. mai. 4, 7 und 8 in den Mittelpunkt. Bernstein richtet die Aufmerksamkeit hier auf unterschiedliche epistemologische Konzepte. Auf den Prüfstand werden die Wahrheitsansprüche von Folter, Astrologie und Medizin gestellt - und zugleich mit dem Anspruch der Rhetorik konfrontiert, sozial gültige Aussagen zu formulieren.

Unter dem Stichwort "reciprocity" (78-113) kommt die in den römischen Deklamationen ohnehin ubiquitäre patria potestas zu ihrem Recht. In der Detailanalyse der Declamationes 5, 6, 9, 12, 13 und 16 werden Geschlechter- und Generationenverhältnis, die unterschiedlichen Verbindlichkeitsansprüche von Freundschaft und Familie sowie die Dystopie extremer sozialer Gegensätze untersucht. Bernstein macht dies am thematischen Fixpunkt des Gabentauschs fest. Welche Ansprüche auf Gegengaben lassen sich aus Elternschaft und Aufzucht des Nachwuchses ableiten? In welche hierarchische Ordnung sind die unterschiedlichen familialen und gesellschaftlichen Verpflichtungsverhältnisse zu bringen? Der Befund der untersuchten Übungsreden zeigt, dass die Deklamatoren sich hier nicht nur regelmäßig in einem Spannungsverhältnis zum römischen Recht, sondern auch zu den vermeintlichen Gewissheiten der Gesellschaftsordnung (wie etwa dem Absolutheitsanspruch der patria potestas gegenüber mütterlichen Ansprüchen an ihre Kinder) befanden.

Die letzte und wohl stärkste thematische Einheit bildet sodann "visuality" (114-146), gruppiert um die Deklamationen 1, 2, 7 sowie 18 und 19 des Corpus. Hier geht es um die kulturellen Codes des Sehens und Gesehenwerdens, um Praktiken der Vigilanz und Fragen der Handlungs- und Kontrollmacht, aber auch um die literarischen Visualisierungs-Techniken der enargeia und ekphrasis.

Gegenüber anderen Arbeiten zur römischen Deklamation ergänzt Bernstein sein Buch um zwei Kapitel, die der Rezeption dieser Gattung in der Neuzeit gewidmet sind: zum einen der Aneignung durch Autoren des 16. bzw. des 18. Jahrhunderts, Vives und Patarol, die Entgegnungen auf die pseudoquintilianischen Deklamationen verfassten (149-164), zum anderen der Debatte um Sinn und Ziel der Verwendung von Deklamationsübungen in der heutigen universitären Ausbildungspraxis (165-169). Der Verfasser plädiert hier mit starken Argumenten für eine Wiederbelebung der Deklamation als didaktisches Instrument. Beide Abschnitte wirken funktional nicht recht eingebunden. Der Studie beigegeben werden lateinischer Text und Übersetzung von Lorenzo Patarols Antilogia zur ersten Declamatio maior sowie ein Verzeichnis der Themen zu den einzelnen Übungsreden der Sammlung.

Der Verfasser hat auf ein zusammenfassendes Schlusskapitel leider verzichtet. Insofern fällt eine Gesamtwürdigung nicht leicht. Bernstein arbeitet akribisch die Argumentation der einzelnen Deklamatoren heraus und ordnet sie in ihren historischen und thematischen Kontext ein. Doch fühlt sich der Rezensent mit diesen Befunden bisweilen allein gelassen und vermisst eine umfassendere Deutung umso schmerzlicher. Sicherlich fällt es angesichts der Anonymität der Beiträger und des recht langen anzunehmenden Entstehungszeitraums nicht leicht, über eher allgemeine Funktionsbestimmungen und detaillierte Motivforschung hinaus zu gelangen. Auf der anderen Seite sollte die Originalität der Declamationes maiores nicht überschätzt werden. Wie in allen Deklamationen werden in erster Linie die Grenzen des argumentativ (aber auch: ästhetisch, sprachlich, moralisch) Möglichen ausgelotet (ähnlich Bernstein, insb. 5-9) - man vergleiche hierzu nur die vom älteren Seneca vorgenommene Kategorisierung eher misslungener deklamatorischer Stilblüten als ineptum, absurdum, turpe oder corrupte dictum. Es geht also um die soziale Akzeptanz sprachlicher und intellektueller Virtuosität. Dahinter muss nicht grundlegende Gesellschaftskritik stehen; oft haben wir es wohl schlicht mit der Berauschung an der eigenen Formulier- und Fabulierkunst zu tun.


Anmerkungen:

[1] So z. B. Mary Beard: Looking (Harder) for Roman Myth. Dumézil, Declamation, and the Problems of Definition. In: Mythos in mythenloser Gesellschaft. Das Paradigma Roms. Hrsg. von Fritz Graf (Colloquium Rauricum 3). Stuttgart, Leipzig 1993, 44-64; Konrad Vössing: Non scholae sed vitae - der Streit um die Deklamationen und ihre Funktion als Kommunikationstraining. In: Kommunikation durch Zeichen und Wort. Stätten und Formen der Kommunikation im Altertum 4. Hrsg. von Gerhard Binder/Konrad Ehlich (BAC 23). Trier 1995, 91-136, sowie W. Martin Bloomer: Schooling in Persona: Imagination and Subordination in Roman Education, ClAnt 16 (1997), 57-78. An aktuelleren monographischen Studien zur Deklamation seien nur genannt: Erik Gunderson: Declamation, Paternity, and Roman Identity. Authority and the Rhetorical Self. Cambridge 2003; Danielle van Mal-Maeder: La fiction des déclamations. Leiden, Boston 2007.

[2] Im Rahmen eines internationalen, von Antonio Stramaglia koordinierten Projektes, wird die kommentierte Neuausgabe und Übersetzung möglichst aller Declamationes maiores angestrebt. Vgl. hierzu Antonio Stramaglia: An International Project on The Pseudo-Quintilianic Declamationes Maiores, Rhetorica 27 (2009), 237-239.

Christian Reitzenstein-Ronning