Rezension über:

Dietrich Boschung / Werner Eck (Hgg.): Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation (= Schriften des Lehr- und Forschungszentrums für die antiken Kulturen des Mittelmeerraumes - Centre for Mediterranean Cultures (ZAKMIRA); Bd. 3), Wiesbaden: Reichert Verlag 2006, 419 S., ISBN 978-3-89500-510-7, EUR 39,90
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Rezension von:
Christian Reitzenstein-Ronning
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Christian Reitzenstein-Ronning: Rezension von: Dietrich Boschung / Werner Eck (Hgg.): Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation, Wiesbaden: Reichert Verlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/07/12083.html


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Dietrich Boschung / Werner Eck (Hgg.): Die Tetrarchie

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Der im Folgenden zu besprechende Kölner Sammelband zur "medialen Präsentation" der Tetrarchie umfasst - erweitert um einen Beitrag von Peter Weiß - Vorträge, die im Rahmen eines Kolloquiums unter der Federführung des "Lehr- und Forschungszentrum für die antiken Kulturen des Mittelmeerraumes - ZAKMIRA" im Februar 2004 gehalten wurden. Im Durchgang durch alle Quellengattungen sollte untersucht werden, "wie eine bestimmte politische Botschaft im Zeitraum weniger Jahrzehnte in den verschiedenen Medien des spätrömischen Reiches zum Ausdruck kommen konnte" (7-8). Als zentrales Kommunikat machen die Herausgeber das tetrarchische Regierungssystem selbst aus, das sie als "in vielfacher Hinsicht revolutionär" (9) ansehen. Primäres Ziel des Einsatzes unterschiedlichster Medien sei es gewesen, der neuen Herrschaftsform eine "durchgehende Akzeptanz" zu verschaffen. Bereits in der Einführung verweisen Boschung und Eck aber auch auf den letztlich geringen Erfolg der so gearteten Anstrengungen: Im Heer verfing die Botschaft nicht, bei den Senatoren offenbar noch weniger und im privaten Bereich ist eine Rezeption weitestgehend unterblieben. Trotz bis heute "starker Elemente" der Kommunikation - verwiesen wird zu Recht auf Galeriusbogen und Tetrarchengruppe von San Marco - verpuffte das Medienfeuerwerk, ohne (politisch) einen durchschlagenden Effekt zu erzielen.

Hartmut Leppin eröffnet den Reigen der Beiträge mit einem Überblick über die Konzeption der Tetrarchie in der althistorischen Forschung (13-30). Er unterscheidet dabei zwischen einem "intentionalistischen" (Burckhardt, Kolb) und einem "reaktivistischen" (Seston, Barnes) Deutungsmodell, entsprechend dem Anteil bewusster Planung, der den historischen Akteuren jeweils zugesprochen wird. Zu Recht weist Leppin dabei auf ein fundamentales Problem der Überlieferung hin: 'Traditionsquellen' (nicht zuletzt die christlichen Schriftsteller) neigten zu einer Marginalisierung Diokletians, während die 'Überreste' (Inschriften, Panegyrik etc.) gemäß ihrer Funktion die souveräne Handlungsgewalt der Herrscher in den Vordergrund stellten. Am Rande sei hier darauf hingewiesen, dass die Beobachtung Leppins auch für den vorliegenden Sammelband zutrifft: Wenn auch unausgesprochen, so scheinen die Herausgeber doch den "Intentionalisten" zuzuneigen - entsprechend der Fokussierung auf mediale Vermittlung und damit primär auf die 'Überreste'.

Simon Corcoran lenkt sodann die Aufmerksamkeit auf "policy and image" der Tetrachen, soweit dies in den kaiserlichen Verlautbarungen aufscheint (31-61). Er konzentriert sich dabei zunächst auf die Privatreskripte Diokletians, wendet sich in einem zweiten Schritt den Codices des Gregori(an)us und Hermogenianus zu, um schließlich die kaiserlichen Edikte und Epistulae zu analysieren. Deutlich wird dabei eine gesteigerte Intensität des Regierungshandelns, einhergehend mit Zentralisierungstendenzen: So fasst Corcoran die Tätigkeit der allein noch in ihrer Funktion als Hofbeamte publizierenden Juristen als Ansatz zur Errichtung eines kaiserlichen Interpretationsmonopols in Rechtsfragen auf; hierher gehört auch die fast ausschließliche Verwendung der lateinischen Sprache in Schreiben an Städte des Ostens. Der dringliche rhetorische Stil der Edikte zeuge von einem Selbstverständnis, das auf dem Streben nach Legitimation, einem neuen energischen Handlungsstil, Traditionalismus und der Sorge um göttliche Gunst gründe. Trotz der dominierenden Rolle Domitians wird dabei in nahezu allen Proklamationen das zwei- bzw. viergliederige Herrscherkollegium in den Vordergrund gerückt - nicht ohne die hierarchischen Verhältnisse etwa durch unterschiedlich ausführliche Titulaturen zu akzentuieren. Corcorans Ergebnisse werden in dieser Hinsicht von Klaus Maresch in einer eingehenden Untersuchung des Papyri-Materials (63-82) gestützt. Mit einer wichtigen Ergänzung: Bei Donativen tritt noch der einzelne Herrscher hervor; sie lauten nicht auf das Kollektiv, sondern auf den jeweiligen Wohltäter.

Auch in der Panegyrik, so Patrick Brosch (83-101), spiegele sich im wesentlichen die offizielle Sprachregelung mit ihrer Betonung der concordia; allerdings vermochten die Redner innerhalb bestimmter Grenzen die Vorgaben der kaiserlichen Repräsentationsformen durchaus individuell zu deuten und zu originellen Lösungen zu gelangen. Der anfangs noch stärker betonte sakrale Aspekt kaiserlicher Herrschaft trete in den späteren Texten etwa deutlich zurück.

Dem Heer wendet sich Thomas Fischer zu (103-132). Die Auswirkungen der Tetrarchie scheinen hier insgesamt eher gering zu sein - jedenfalls sofern ihre Wurzeln in einer neuen "Ideologie" zu suchen wären. Medialen Niederschlag hatte sie offenbar vor allem in Form der Kaiserbüsten auf den Standarten und in der Errichtung von Säulenmonumenten der vier Herrscher auch in Militärlagern gefunden, sowie in der Einführung der pannonischen Soldatenmützen im gesamten Heer.

Henner von Hesberg untersucht in einem auch theoretisch anspruchsvollen Beitrag (133-167) die Raumkonzepte der neuen Residenzen und ihre Auswirkungen auf die Interaktion zwischen den Kaisern und unterschiedlichen Statusgruppen des Reichs. In seiner Interpretation zeichnete die Tetrarchie dabei insgesamt ein drastischer Kommunikationsstil aus, der auf die konkrete Erfahrbarkeit der kaiserlichen virtutes in bestimmten, durch Architektur vorstrukturierten Kontexten setzte: Kaiserliche Sieghaftigkeit inszeniert sich in der Hinrichtung feindlicher Fürsten in der Arena, kaiserliche Fürsorge in der Errichtung von Thermenanlagen und kaiserliche Majestät im neuen Typus der Palastaula mit ihrer strikten Ausrichtung auf die dem Kaiser vorbehaltene Apsis. Den zeitgenössischen Gegenentwurf hierzu analysiert Werner Oenbrink mit seiner Darstellung des Bauprogramms des Maxentius in Rom (169-204). Überzeugend werden die Bauprojekte auf Palatin und Forum sowie die Anlage der Villen an der Via Appia als Reaktion auf den Bedeutungsverlust Roms unter den Tetrarchen gedeutet.

Wolfram Weisers Überblick über die numismatischen Quellen (205-227) bietet zusätzliche Belege für die bereits anhand der Papyri zu beobachtende (und in der Plastik wiederkehrende) Tendenz zur Betonung tetrarchischer similitudo auf Kosten individualisierender Züge. Auch die von Peter Weiß präsentierten Bleisiegel (229-248) stellen konsequent das Kollegium in den Vordergrund, auch hier freilich mit der Möglichkeit zur Hervorhebung interner Rangunterschiede.

Die Präsenz der Tetrarchen im Stadtbild, vermittelt durch Statuen und Inschriften, steht im Vordergrund der beiden folgenden Beiträge. Werner Thiel untersucht mögliche tetrarchische Säulenmonumente (Tetrastyla bzw. Tetrapyla) im Ostteil des Reichs (249-322), die wie im Fall der vermeintlichen Pompeiussäule in Alexandria gigantische Ausmaße annehmen konnten. Werner Eck postuliert in einer detaillierten epigraphischen Untersuchung (323-347) die Existenz solcher Monumente an sehr viel mehr Orten als bisher angenommen bzw. nachgewiesen. Ausgehend von entsprechenden Befunden in Caesarea Maritima kann er wahrscheinlich machen, dass die übliche Schluss-Formel devotus numini maiestatique eorum auf tetrarchischen Basen auch dann auf die Existenz von Statuen - etwa in der Form eines Vier-Säulen-Monuments - aller vier Herrscher schließen lässt, wenn der vorangehende Text nur einen der Augusti bzw. Caesares erwähnt.

Dietrich Boschung gibt einen Überblick über die Bildmedien (349-380). Zwar habe es in dieser Zeit keine homogenen Bildnistypen der einzelnen Herrscher mehr gegeben, dafür jedoch einen umso prononcierteren Zeitstil. Als innovativ erweist sich dabei vor allem das Motiv der Umarmung der Herrscherpaare als Zeichen der concordia. Am Beispiel des Bogens von Thessaloniki verdeutlicht Boschung, wie Bildprogramme mithilfe unterschiedlicher formelhafter Verweise auf zentrale herrscherliche Tugenden eine 'ideale Welt' evozieren, die wiederum durch konkrete Leistungsnachweise verifiziert wird - etwa indem erläuternde Beischriften allgemeine Siegesikonographie auf konkrete Schlachten beziehen. An den stadtrömischen Monumenten mit ihrer bewusst traditionellen Ikonographie lässt sich jedoch eine eminente Schwäche des neuen Systems ablesen: die Diskrepanz zur "Nostalgie" der dortigen Eliten und der prekäre Status Roms.

Katja Sporn erläutert im Rückgriff auf Paul Zankers Konzept der 'Macht der Bilder' die Rezeption kaiserlichen Medieneinsatzes im privaten Kontext (381-399). Sie kommt dabei - abgesehen von Geschenken der Herrscher wie Largitionsschalen etc. - zu einem negativen Ergebnis. Sporn führt diesen Befund überzeugend auf den Umstand zurück, dass die wenigen spezifisch tetrarchischen Motive allein auf das Herrschaftssystem als solches verwiesen - und damit für den privaten Gebrauch kaum Relevanz haben konnten.

Der abschließende Beitrag von Hartwin Brandt gilt der Darstellung der Tetrarchie in der Literatur des 4. Jahrhunderts (401-419). Er macht dabei zwei Muster aus: im Anschluss an Orosius eine bewusste Auseinandersetzung mit der Tetrarchie und ihren Strukturen, in der Folge Eusebs ein konsequentes Verschweigen. Insgesamt kann Brandt recht genaue Kenntnisse der untersuchten Autoren über das Herrschaftssystem und seine Legitimationsstrategien nachweisen; besonders die Aspekte herrscherlicher Eintracht und der freiwillige Rückzug Diokletians scheinen sich der Erinnerung eingeschrieben zu haben.

In der Materialfülle und Weite des Ansatzes beeindruckend, bietet der Band gerade für denjenigen Leser, der nicht mit allen Quellengruppen gleichermaßen vertraut ist, eine äußerst hilfreiche und substantielle Orientierung. Andererseits werden - der Konzeption entsprechend - viele dem Fachpublikum bereits seit längerem bekannte Befunde und Interpretationen vorgetragen und fällt das Ergebnis der Untersuchung insofern im Einzelnen nicht selten "im Rahmen des zu Erwartenden" aus(100). Vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, dass auf eine Zusammenschau der Ergebnisse und eine Konzeptualisierung weitgehend verzichtet wurde. Auseinandersetzungen mit zentralen Begrifflichkeiten wie Medium (v. Hesberg) und Repräsentation/Selbstdarstellung/Propaganda (Sporn) leuchten in einzelnen Beiträgen auf, eine umfassendere, alle Materialgruppen einschließende Modellbildung wird aber nicht vorgenommen. Was die zentrale Frage von 'Botschaft' und 'Akzeptanz' anbelangt, so scheinen besonders die Abweichungen vom 'Erwartbaren' bedeutsam zu sein: Immer wieder wird anhand der Papyri, aber auch in der Panegyrik, deutlich, dass die Empfänger kaiserlicher beneficia diese eben doch einer wie auch immer gearteten Nahbeziehung zu "ihrem" Caesar oder Augustus (und nicht dem Herrscherkollektiv) zuschrieben - und dass dies von Seiten des jeweiligen Herrschers zumindest billigend in Kauf genommen wurde. Letztlich scheiterte das neue System womöglich nicht an fehlender 'durchgängiger' Akzeptanz, sondern an der Inkonsequenz der Protagonisten selbst, die traditionellere Kommunikationsformen nicht aufgeben mochten oder konnten. Nur so ambitionierte und fundierte Projekte wie der angezeigte Sammelband können in dieser Hinsicht größere Klarheit bringen - und sind somit ein gewichtiger und unverzichtbarer Beitrag für das weitere Nachdenken über die Tetrarchie und ihr Scheitern.

Christian Reitzenstein-Ronning