Rezension über:

Jiří Fajt / Wilfried Franzen / Peter Knüvener (Hgg.): Die Altmark von 1300 bis 1600. Eine Kulturregion im Spannungsfeld von Magdeburg, Lübeck und Berlin, Berlin: Lukas Verlag 2011, 568 S., 692 meist Farbabb., ISBN 978-3-86732-106-8, EUR 78,00
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Rezension von:
Michael Lissok
Caspar-David-Friedrich-Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Tobias Kunz
Empfohlene Zitierweise:
Michael Lissok: Rezension von: Jiří Fajt / Wilfried Franzen / Peter Knüvener (Hgg.): Die Altmark von 1300 bis 1600. Eine Kulturregion im Spannungsfeld von Magdeburg, Lübeck und Berlin, Berlin: Lukas Verlag 2011, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 12 [15.12.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/12/25314.html


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Jiří Fajt / Wilfried Franzen / Peter Knüvener (Hgg.): Die Altmark von 1300 bis 1600

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Der rund 570 Seiten umfassende Band bietet viel Lesestoff. Die 36 Autoren dieser ambitionierten Veröffentlichung repräsentieren mit ihrer Profession und ihren hier publizierten Forschungsresultaten ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern. So finden sich unter ihnen namhafte Kirchen- und Kunsthistoriker, Archäologen, Bauforscher und Restauratoren. Gemeinsam hatten sie sich der Altmark zugewandt als historischer Kulturregion im Beziehungsgeflecht mit anderen Kultur- und Kunstzentren. Dazu gab es im September 2008 eine Konferenz, initiiert vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, die mit ausgerichtet und getragen wurde durch das Kunsthistorische Seminar der Humboldt-Universität sowie vom Altmärkischen Museum und von der Kommune Stendal. Konferenzort war auch die "Hauptstadt" der Altmark. Bei vorliegender Veröffentlichung handelt es sich um den Tagungsband.

Die Aufsatzsammlung ist in sieben Themenblöcke untergliedert und beginnt mit einer längeren Einleitung seiner drei Herausgeber (17-53). In ihrer Gesamtübersicht zum Betrachtungsgebiet und -zeitraum verweisen sie ausdrücklich auf die Aussagekraft der Bau- und Kunstobjekte als historische Quellen. Die Aufsätze im ersten Block thematisieren gesellschaftliche Gruppen und Institutionen sowie in zwei Fällen herausragende Persönlichkeiten. Während Christian Popp zum Klerus und dessen Pfründenwesen im Altmärkischen informiert, setzt sich Joachim Stephan mit dem hofgesessenen Adel auseinander. Ihnen folgt der Beitrag von Christian Gahlbeck über eine Gebetsbruderschaft ("Alma Fraternitas") vom Nonnen-Kloster Arendsee. Peter Neumeister stellt mit Johann von Buch (urkundlich nachweisbar 1305-1352) einen bedeutenden Rechtsgelehrten vor, dem die Markgrafen von Brandenburg wichtige Ämter und Aufgaben übertrugen. In ihrem Aufsatz ziehen dann Jiří Fait und Michael Lindner die historisch-topografischen Kreise weiter und greifen hierarchisch in noch höhere Sphären, indem sie der ungewöhnlichen Karriere Dietrichs von Portitz († 1367) nachgehen und den Spuren, die dieser in der Kunstgeschichte hinterließ. Aus einem Stendaler Bürgerhaus stammend, stieg Portitz vom Mönch zum Bischof und engsten Berater Kaiser Karls IV. auf und wurde schließlich Erzbischof von Magdeburg.

Der zweite Themenblock trägt die Überschrift "Markgräfliche und bischöfliche Repräsentation" (202). Tilo Schöfbeck teilt hier seine Untersuchungsergebnisse zu Gebäudeteilen in Stendal mit, die ihn vermuten lassen, dass diese zu einem bisher noch nicht lokalisierten Markgrafen-Hof aus dem frühen 15. Jahrhundert gehören. Dirk Schumann betrachtet und analysiert die prominenten spätgotischen Backsteinbauten Tangermündes unter dem Aspekt ihrer repräsentativen Funktion und Wirkung sowie möglicher Verbindungen zu den Hohenzollern-Markgrafen. Der Beitrag von Christa Jeitner befasst sich mit einer Kasel aus dem 3. Viertel des 15. Jahrhunderts, die sich in Tangermünde (St. Stephan) befindet. Diese wird einer Gruppe verstreuter Paramente-Stücke zugeordnet, die vermutlich Nürnberger Provenienz sind. Auch hier kämen die Landesherrn oder Personen aus ihrem nächsten Umkreis als Stifter in Frage. Eva Fitz wiederum führt in ihrem Text Argumente an, die für wertvolle Glasmalereien im Dom zu Brandenburg den Bischof Stephan Bodeker († 1459) als Stifter wahrscheinlich machen.

Im dritten Block sind Aufsätze versammelt, die sich mit dem Pilgerwesen, "deren Akteure, Wege und Orte" (250), beschäftigen. Dabei rückt natürlich Wilsnack als populärster Wallfahrtsort in den Fokus, der nach dem Hostienwunder von 1383 gewaltige Pilgerströme aus vielen Teilen Europas anzog. Hartmut Kühne berichtet über Wege, den diese auch durch die Altmark nahmen. Zudem stellt er Schriftquellen und Sachzeugen vor (etwa Pilgerzeichen-Abgüsse auf Kirchenglocken), die von Pilgeraktivitäten und -stätten im Altmärkischen während des 15. und frühen 16. Jahrhunderts zeugen. Der Beitrag von Norbert Gossler hat einen lange schon vergessenen Gnadenort zum Gegenstand, der sich auf dem Marienberg bei Lenzen befunden hatte. Er gehörte zu den (Zwischen-)Stationen für Pilger, die hier in der Prignitz wie auch in der Altmark rund um die Wilsnacker Heilig-Blut-Wallfahrt entstanden waren. Werben war gleichfalls solch ein Pilgerziel, wo in der St. Johanniskirche ein "Johanneshaupt" aufbewahrt wurde. Wie der große Aufschwung im Pilgerwesen seit Beginn des 15. Jahrhunderts den Neubau dieser Kirche befördert hat sowie ihre Ausstattung mit kostbaren Bildwerken, darüber referiert Wilfried Franzen. Die nachfolgenden Ausführungen von Ute Bednarz beschäftigen sich mit exklusiven Glasmalereien in der Wallfahrtskirche zu Wilsnack, welche aus einer holländischen Werkstatt stammen, wo sie 1459/60 im Auftrag eines seeländischen Adeligen angefertigt wurden.

Oberthema des vierten Blocks sind die Korrelationen auf den Gebieten der Bau- und Bildkunst zwischen der Altmark sowie anderen Regionen und kulturellen Zentren. Auch chronologisch steht hier Damian Kaufman am Anfang, denn seine Erläuterungen über die Zusammenhänge von mittelelbischer und friesisch-groningischer Backsteinarchitektur betreffen Kirchenbauten der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Hans Jörg Rümelin schlägt historisch-geografisch einen weiten Bogen, indem er die Beziehungen skizziert, welche zwischen der hansestädtischen Sakralarchitektur und ihrer Bauplastik in der Altmark, in Mecklenburg und in Lüneburg erkennbar sind. Einmal mehr rückt Magdeburgs Bedeutung als weithin ausstrahlendes Zentrum bildkünstlerischer Produktion in den Vordergrund bei Peter Knüveners Überlegungen zu einer Doppelmadonna in der Stendaler Marienkirche (1490/1500), die er als Arbeit einer Magdeburger Werkstatt im Objektvergleich vorstellt. Im Beitrag Jan Friedrich Richters ist es das prächtige Dreifaltigkeits-Retabel in der Werbener Johanniskirche (1510/20), von dessen Analyse aus der Autor Verbindungen zu vergleichbaren Schöpfungen im norddeutschen und skandinavischen Raum herstellt, wobei für ihn auch der umstrittene Begriff einer "hansischen Kunst" Geltung hat.

Der fünfte thematische Block ist überschrieben mit "Städtische Kultur: Stifter und Künstler" (360). Vorrangig behandelt werden erstrangige Denkmale in Stendal. Im Aufsatz von Ernst Badstübner ist es das Hochaltar-Retabel der Stendaler Marienkirche (1471), an dem demonstriert wird, wie bestimmte Darstellungs-Topoi und Motive zum Regionen und Länder übergreifenden Allgemeingut von Künstlern und Werkstätten wurden. In selbiger Kirche befindet sich das von Anja Seliger vorgestellte Chorgestühl aus der Zeit um 1500, das eine Inschrift besitzt, welche außer der Stifterkorporation die von ihr engagierten Handwerker und den verantwortlichen Meister (Hans Ostwalt) namentlich nennt. Mechthild Modersohn widmet sich gleichfalls einem bedeutsamen Werk, das seinen ursprünglichen Platz in Stendals Hauptpfarrkirche hatte, dem "Hieronymus-Retabel". Von einem Stendaler Patrizier bestellt, wurde es 1511 im Atelier des Amsterdamer Malers Jacob Cornelisz. van Oostsanen geschaffen, kam dann aber später nach Wien. Ein Denkmal spätgotischer Profanarchitektur, das es neu zu entdecken und zu würdigen galt, ist Gegenstand des Beitrags von Jan Raue und Jens Christian Holst, die mit der Trinklaube am sogenannten Ordonnanzhaus in der Altstadt Brandenburg einen bürgerlichen Repräsentationsbau mit festlichem Raumdekor aus den 1480er-Jahren vorstellen.

Im sechsten Themenbereich finden sich die Texte zum Reformations-Zeitalter. Nach einem Überblick zur Kloster- und Stiftslandschaft in der Altmark zum Ausgang des Mittelalters schildert Michael Scholz deren Untergang und zugleich partiellen Weiterbestand nach den ab 1540/42 erfolgten Säkularisierungen. Ruth Slencka beleuchtet die Folgen der Reformation bei den Kirchenausstattungen am Beispiel der Mönchskirche in Salzwedel, die mit dem 1582 gefertigten "Weinbergretabel" von Lucas Cranach d.J. ein signifikantes Werk lutherischer Bildpropaganda erhielt. In die mit der protestantischen Frömmigkeit und Glaubenspraxis des späten 16. Jahrhunderts verbundene Bilder- und Formenwelt führen auch die Aufsätze von Kerstin Klein und Ulrich Schöntube zum aufwendig gestalteten Prospekt der Scherer-Orgel in Stendals Marienkirche und zu Passionszyklen an Emporen altmärkischer Sakralbauten. Christian Schulz präsentiert dann noch ein komplett auf uns gekommenes sakrales "Gesamtkunstwerk" von Rang, bei dem es sich um die Dorfkirche von Osterwohle handelt, deren üppiges geschnitztes Interieur bereits im "Knorpel- und Ohrmuschelstil" gehalten ist (1621).

Im siebenten und letzten Themenkomplex des Bandes kommen überwiegend Restauratoren und Denkmalpfleger zu Wort. Hier referieren zuerst Torsten Raum und Elisabeth Rüber-Schütte zu mittelalterlichen Wandmalereien in altmärkischen Kirchen. Ihnen folgen Beiträge von Anke Dreyer, Wibke Ottweiler und Werner Ziems zur farbig gefassten sakralen Plastik des 13. und 14. Jahrhunderts. Inhaltlich abgerundet wird das alles mit Karoline Danz' kritisch-bilanzierenden Reflexionen zur Erhaltung bzw. zum gegenwärtigen Stand der Restaurierung kirchlicher Innenausstattungen sowie einem Kurzbericht von Gabriele Bark und Silke Junker über die Sonderausstellung im Altmärkischen Museum, welche anlässlich der Fachtagung Anno 2008 stattfand, in der ausgewählte Stücke aus dieser traditionsreichen musealen Sammlung (1888 gegründet) gezeigt wurden.

Unbedingt zu verweisen ist noch auf die hervorragende Bebilderung des Bandes. Unter seinen fast 700 Abbildungen befinden sich viele großformatige Detailaufnahmen von brillanter Qualität mit entsprechend hohem Informationswert.

Michael Lissok