Rezension über:

Nikolaos G. Chrissis / Mike Carr (eds.): Contact and Conflict in Frankish Greece and the Aegean, 1204-1453. Crusade, Religion and Trade between Latins, Greeks and Turks (= Crusades - Subsidia), Aldershot: Ashgate 2014, XIX + 232 S., ISBN 978-1-4094-3926-4, GBP 70,00
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Rezension von:
Alexander Beihammer
Department of History and Archaeology, University of Cyprus, Nicosia
Redaktionelle Betreuung:
Ralf L├╝tzelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Alexander Beihammer: Rezension von: Nikolaos G. Chrissis / Mike Carr (eds.): Contact and Conflict in Frankish Greece and the Aegean, 1204-1453. Crusade, Religion and Trade between Latins, Greeks and Turks, Aldershot: Ashgate 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 12 [15.12.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/12/25225.html


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Nikolaos G. Chrissis / Mike Carr (eds.): Contact and Conflict in Frankish Greece and the Aegean, 1204-1453

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Die faszinierende, in ihrer politischen und kulturellen Vielschichtigkeit aber oftmals nur schwer zu durchblickende Welt der spätmittelalterlichen Ägäisregion steht schon seit vielen Jahrzehnten im Blickpunkt der internationalen Forschung, allerdings zumeist unter dem Gesichtspunkt der politisch-religiösen Konfrontation. Der ehemals unter byzantinischer Herrschaft vereinte Raum erlebte mit der Eroberung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug im Jahr 1204 eine starke Zersplitterung, die sich durch die Errichtung fränkischer Feudalherrschaften im Rahmen eines lateinischen Kaiserreichs, die Expansion des venezianischen Kolonialreichs und die vor allem durch die mongolischen Einfälle ausgelöste Landnahme diverser türkischer Kriegerverbände in Westkleinasien vertiefte und teils über Jahrhunderte perpetuierte. Traditionell standen Forschungen im Vordergrund, die auf einem explizit oder implizit nationalgeschichtlichen Ansatz basierten und sich daher selektiv auf bestimmte ethnisch-sprachliche Entitäten konzentrierten.

Demgegenüber fügt sich der vorliegende Band in einen noch relativ jungen Trend, der angesichts der kulturellen Vielfältigkeit des Raums den Schwerpunkt vom Trennenden auf das Übergreifende, die Interaktion, den kulturellen Austausch und diverse hybride Mischformen verlagert. Aus dem gewählten Titel wird bereits die Arbeitsprämisse deutlich, der zufolge militärische Konflikte und Kreuzzüge immer auch intensive kulturelle und wirtschaftliche Kontakte nach sich zogen (1-2). Der Band besteht aus einer Einleitung mit einer sehr nützlichen Übersicht über den aktuellen Forschungsstand (2-14) und neun Beiträgen von teils jüngeren und teils sehr bekannten Fachleuten, die aus einer im Juli 2010 in London abgehaltenen Tagung hervorgingen. Die Auswahl der Einzelthemen kann als sehr gelungen angesehen werden, zumal Aspekte in den Vordergrund gestellt wurden, die in der Forschung bislang nur ungenügende Beachtung oder sehr oberflächliche Behandlung gefunden haben.

Das Thema der päpstlichen Argumentationsstrategien zugunsten von Kreuzzügen gegen orthodoxe Christen im Pontifikat Honorius' III. (1216-1227) (Nikolaos Chrissis, 17-41) stellt die chronologische Weiterführung einer Diskussion dar, die sich bislang vornehmlich auf 1204 und die Politik Innozenz' III. konzentriert hat. Die im 13. Jahrhundert erfolgte Erschließung von Handelswegen nach Asien und in die Zentren des Mongolenreiches ist an sich eine wohl bekannte Tatsache, doch wurde diese bislang kaum in Zusammenhang mit den venezianischen und genuesischen Handelskolonien in der Ägäis und auf der Krim gesehen, die für die Kontakte nach Asien eine wesentliche Ausgangsbasis darstellten (Bernard Hamilton, 43-62). Die westliche Reaktion auf die Begegnung mit den byzantinischen Griechen wurde bislang insbesondere mit Bezug auf die Vertiefung des Schismas, den päpstlichen Vorherrschaftsanspruch und zunehmend anti-byzantinische Haltungen im Westen diskutiert. Viel weniger untersucht ist demgegenüber die gegenteilige Perspektive der byzantinischen Reaktionen auf die lateinische Präsenz, vor allem dort, wo diese aus dem üblichen Rahmen feindlicher Abwehrhaltungen bzw. der Emigration griechischer Intellektueller nach Italien fällt. Die beiden Fallstudien zu Athen und dem Gelehrten und Politiker Demetrios Kydones (Teresa Shawcross, 65-95, Judith Ryder, 97-112) bieten diesbezüglich sehr anregende Neuansätze. Ein vielbesuchter Wallfahrtsort der Mutter Gottes am Parthenon und ein starker örtlicher Metropolit ermöglichten Athen ein hohes Maß an Autonomie gegenüber der Zentralmacht in Konstantinopel und trugen maßgeblich dazu bei, dass die orthodoxe Kirche auch unter der fränkischen Herrschaft der Villehardouin ihre Eigenständigkeit und Identität bewahrte. Kydones' Schriften besitzen einen herausragenden Aussagewert für eine Zeit, in der die byzantinische Geschichtsschreibung aus der Perspektive des Kaiserhofs von Konstantinopel bereits verstummt ist. Die Aufschlüsselung des Kontexts und der Motive der pro-lateinischen Haltung des Autors stellen daher ein wesentliches Desideratum der Forschung dar.

Die Forschung zu den türkischen Emiraten im westlichen Kleinasien und deren Bedeutung für die politischen Konstellationen in der Ägäis ist seit den bahnbrechenden Arbeiten von Elisabeth Zachariadou außerhalb der Türkei kaum weitergeführt worden. Der vorliegende Band trägt diesem Umstand gebührend Rechnung, indem er zwei Fallstudien zu den lateinischen Haltungen gegenüber den Türken und zwei weitere zum frühosmanischen Staat in der Zeit Sultans Bayzid I. Yıldırım (1389-1402) beinhaltet. Die genuesische Händlerfamilie der Zaccaria, die zwischen 1305 und 1329 die Insel Chios kontrollierte, war einerseits mit dem Aufstieg des Emirats von Aydin in der Gegend zwischen Ephesos und Smyrna konfrontiert und hatte andererseits für ihre Handelsinteressen in der Region einzutreten (Mike Carr, 115-134). Der Beitrag demonstriert, wie es den Zaccaria trotz der Kurzlebigkeit ihrer Herrschaft auf Chios gelang, die beiden Aspekte ihrer Aktivitäten erfolgreich zu verbinden.

Marino Sanudo Torsello, einer der wichtigsten venezianischen Geschichtsschreiber aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, liefert eines der wichtigsten Zeugnisse für die Wahrnehmung der Bedrohung von griechischen und lateinischen Christen in der Ägäis seitens der erstarkenden türkischen Emirate (Peter Lock, 135-149). Demgegenüber findet sich auch eine Reihe von Quellen auf islamischer Seite, die bislang nur wenig Beachtung gefunden haben. Ein Beispiel ist der Augenzeugenbericht des Damaszener Gelehrten Shams al-Dīn ibn al-Jazarī (gestorben 1429) über die Schlacht von Nikopolis von 1396, der ein eindrucksvolles Zeugnis für die Wahrnehmung ideologischer Aspekte dieser Schlacht darstellt (İlker Evrim Binbaş, 153-175).

Die Zeit zwischen der Schlacht am Amselfeld (1389) und der Niederlage Sultan Bayezids I. gegen Timur Lenk in der Schlacht von Ankara (1402) gilt im Allgemeinen als Wendepunkt in der Entwicklung des frühosmanischen Staates von einer Phase ungezügelter Expansion zu einem plötzlichen inneren Zusammenbruch. Eine Analyse der Außenpolitik und diplomatischen Praxis unter Bayezid I. stellt eine Reihe neuer Aspekte zur Diskussion, die bisher kaum berücksichtigt wurden (Rhoads Murphey, 177-215). Die zentrale These des Beitrags ist, dass die Politik Bayezids I. infolge der noch recht schwach entwickelten materiellen und militärischen Ressourcen seines Reichs bestrebt sein musste, ein Gleichgewicht zwischen Diplomatie, Friedensstiftung und Kompromissbereitschaft auf dem Balkan und aggressiver Expansion in Anatolien aufrecht zu erhalten (184-185). Demgemäß werden etwa die langjährige Belagerung Konstantinopels und andere militärische Unternehmen als Reaktion auf Trotzhaltungen Kaiser Manuels II. und militärische Aktionen Venedigs interpretiert. Besondere Aufmerksamkeit wird darüber hinaus Fragen der diplomatischen Etikette, der symbolischen Darstellung von Macht, sowie den Konzepten von Loyalität und Unterwerfung in den Beziehungen zu den türkischen Emiraten in Anatolien gewidmet. Der Beitrag stellt somit eine bedeutende thematische und methodische Erweiterung im Vergleich zu den Fragestellungen jüngerer Arbeiten zur frühosmanischen Geschichte dar, die sehr stark auf eine Revision der sogenannten Wittek-These und ihrer Implikationen ausgerichtet sind.

Alexander Beihammer