Rezension über:

Michael Sauer (Hg.): Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Hamburg: Edition Körber-Stiftung 2014, 393 S., ISBN 978-3-89684-163-6, EUR 18,00
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Rezension von:
Christian Kuchler
Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Christian Kuchler: Rezension von: Michael Sauer (Hg.): Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Hamburg: Edition Körber-Stiftung 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/26162.html


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Michael Sauer (Hg.): Spurensucher

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Der "Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten" ist zweifelsohne der prominenteste Wettbewerb, den das Fach Geschichte im schulischen Kontext aufzuweisen hat. Seit dem Jahr 1973 veranstaltet das Bundespräsidialamt einen Wettbewerb, der es sich dezidiert zum Ziel gesetzt hat, forschend-entdeckendes Lernen in den Unterricht zu implementieren und Schülerinnen und Schüler zu "Spurensuchern" in der Geschichte ihrer eigenen Heimatregion zu machen. Zunächst alljährlich unter dem Titel "Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten" ausgeschrieben, findet das Projekt seit 1979 nur noch im zweijährigen Rhythmus statt. Doch alleine die Quantität der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler ist beeindruckend und zeigt dessen Stärke: Mehr als 22.000 Projekte wurden in der inzwischen 40jährigen Geschichte von Schülerinnen und Schülern erarbeitet.

In mehreren Auflagen liegt für diese lokale Projektarbeit ein Grundlagenwerk vor, das unter dem Titel "Spurensucher" praktische Hilfestellungen zur Teilnahme bietet. Michael Sauer hat nunmehr eine Überarbeitung des Praxishandbuchs vorgelegt, das Leitlinien für die historische Projektarbeit aufzeigen und Interessierten erprobte Ratschläge für eine erfolgreiche Wettbewerbsteilnahme vorstellen will. Einleitend reflektiert der Herausgeber, wie sehr die Methoden- und Kompetenzdebatten der letzten Jahre die Bedeutung der Projektarbeit gerade im Fach Geschichte aufgezeigt hätten. Eindringlich betont Sauer die Potentiale, die die Teilnahme am Wettbewerb für den Geschichtsunterricht bietet. Zugleich verschweigt er nicht, dass gerade die selbsttätige Projektarbeit Schülerinnen und Schüler überfordern kann. In den letzten Jahren habe sich gezeigt, dass der Wettbewerb des Bundespräsidenten zunehmend nur noch von Schülerinnen und Schülern bestritten wird, die ohnehin besonders am Fach Geschichte interessiert und vor allem im Gymnasialbereich angesiedelt sind. Jedoch ist es ausdrückliches Anliegen des vorliegenden Bandes, den Teilnehmerkreis wieder zu erweitern und auch Schülerinnen und Schüler jenseits der Gymnasien zu ermuntern, am Wettbewerb teilzunehmen.

An dem Ziel, neue Teilnehmerschichten für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zu erschließen, orientiert sich die Gliederung. Der Sammelband wendet sich nach den Einstiegsreflexionen der Themenfindung und Projektplanung (Martina Tschirner), der Recherche, Auswertung und Deutung sowie der abschließenden Produktpräsentation zu. Besonders anregend ist es dabei, wenn alle Autorinnen und Autoren des Sammelbandes immer wieder auf Arbeitsberichte ehemaliger Teilnehmerinnen und Teilnehmer zurückgreifen und aus deren Erfahrungen zitieren. Die Schwierigkeiten, aber auch die Erfolgserlebnisse der erfolgreich im Wettbewerb engagierten Kinder und Jugendlichen kommen dabei sehr gut zum Ausdruck.

Der schulischen Unterrichtswirklichkeit gerecht wird der Band zudem, wenn er im Kapitel "Recherche" zunächst den Umgang mit dem Internet intensiv thematisiert. Dabei werden gängige Webangebote wie Google oder Wikipedia nicht ausgeklammert, sondern informative und praxisorientierte Hilfestellungen zum Einsatz diverser Internetressourcen aufgezeigt. In ihrem Beitrag beschränken sich Daniel Bernsen und Christoph Pallaske nicht auf virtuelle Angebote, sondern legen Wert auf eine Vernetzung der Internetressourcen mit traditionellen Wissensspeichern: "Es führt kein Weg an Bibliotheken vorbei", so die Formulierung im vorliegenden Band (77). Für eine erfolgreiche Wettbewerbsteilnehme gilt dies nachdrücklich. Dies belegt der Beitrag von Roswitha Link, die die Bedeutung von Archiven für die Wettbewerbsrecherche unterstreicht. Ralph Erbar stellt im Anschluss dar, wie sich Schülerinnen und Schüler mit der Befragung von Zeitzeugen beschäftigen und wie aus diesem Zugang reflektierte und erfolgreiche Projektbeiträge entstehen können.

Vertieft und erkenntnisreich wenden sich anschließend Saskia Handro (schriftliche Quellen) Christoph Haman (Fotografien) und Thorsten Heese (Sachquellen) der Auswertung und Deutung von einschlägigen historischen Quellen zu. Ihre Beiträge nehmen eine Schlüsselstellung im Band ein, belegen sie doch, wie umfangreich die detaillierte historische Spurensuche sein muss, will ein Wettbewerbsbeitrag nicht nur an der Oberfläche seines Untersuchungsgegenstandes verweilen, sondern vertiefte Einblicke in historisches Geschehen vermitteln. Dass dies nicht nur in traditioneller Textform geschehen muss, sondern neue Wege beschreiten kann, belegt das anschließende Kapitel zur Präsentation der Produktergebnisse. Besonders interessant ist dabei sicherlich der Beitrag von Birgit Wenzel zu den kreativen Gestaltungsmöglichkeiten für Forschungsprodukte. Sehr überzeugend kann sie nachweisen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, die Schülerergebnisse tatsächlich in kreativen Umsetzungen zu präsentieren. Die Bandbreite reicht von selbstgestalteten Spielen über die Präsentation auf T-Shirts bis hin zu eigenen Podcasts oder Musicals. Einen weiteren oft vernachlässigten Teil der historischen Projektarbeit betrachtet Armin Himmelrath, wenn er die Öffentlichkeitsarbeit thematisiert.

Neben diesen umfangreichen, praktischen Hinweisen zur Wettbewerbsteilnahme schließt sich als Abschluss des Bandes ein hoch aufschlussreiches Kapital an, das mit dem knappen Titel "Praxis" überschrieben ist. Hier werden zunächst Ergebnisberichte von Tutoren wiedergegeben, so berichten Ina Gabler und Bettina Alavi über ihre Begleitung von Teilnehmenden aus der Grundschule bzw. aus differenzierenden Schulformen. Abgerundet wird das Kapitel mit dem hoch interessanten Ansatz, die Geschichte des Wettbewerbs selbst zu historisieren. Mit Stefan Frindt und Sven Tetzlaff unternehmen dies zwei seit langen Jahren in der Administration des Unternehmens führend Beteiligte. Hier hätte dem Band ein kritischerer und unabhängigerer Blick auf die Funktion des Wettbewerbs als "Labor für eine demokratische Geschichtskultur" sicher gut angestanden. Abgerundet wird der Band schließlich von einem langjährigen Protagonisten der Initiative: Bodo von Borries nimmt sich grundsätzlich der Chancen und Grenzen des Projektunterrichts am Beispiel des Geschichtswettbewerbs an. Sein Beitrag zielt weniger in Richtung "Praxis", wie das Großkapitel vermuten ließe, von Borries geht es vielmehr um mögliche Weiterentwicklungen. Er schlägt vor, den bisherigen obligatorischen Lokalbezug für den Geschichtswettbewerb aufzuheben und sich stärker der aktuellen Geschichtskultur zu widmen. Neben "Grabe, wo du stehst!" solle als Leitmotiv "Lass dich von sogenannten 'Dokumentationen' - sogar denen von Guido Knopp - nicht suggestiv über den Tisch ziehen!" (378 f.) treten. Zudem solle das visuelle Zeitalter noch stärker in den Ausschreibungen bedacht werden. Die durchaus pointiert-provokativen Thesen von Borries' regen zur Diskussion an und belegen, welches Potential der Geschichtswettbewerb auch nach den vier Jahrzehnten seines Bestehens noch in sich birgt.

Insgesamt liegt ein gelungener Praxisband vor, der sicherlich zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern (und ihren Tutorinnen und Tutoren) am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hilfreiche Dienste erweisen wird. Er bündelt die aktuelle geschichtsdidaktische Forschung und trägt damit zur Verbreitung eines reflektierten Projektarbeitens im Unterricht bei. Die beiden letzten Texte zur theoretischen Verortung des Wettbewerbs öffnen die Perspektive zur geschichtsdidaktischen Forschung, deren theoretische Potentiale im vorliegenden "Spurensucher" nur am Rande angesprochen werden.

Christian Kuchler