Rezension über:

Stephen J. Molvarec / Tom Gaens (eds.): A Fish Out of Water? From Contemplative Solitude to Carthusian Involvement in Pastoral Care and Reform Activity (= Studia Cartusiana; 2), Leuven: Peeters 2013, 289 S., ISBN 978-90-429-2980-7, EUR 49,00
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Rezension von:
Elke Nagel
M├╝nchen
Redaktionelle Betreuung:
Ralf L├╝tzelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Elke Nagel: Rezension von: Stephen J. Molvarec / Tom Gaens (eds.): A Fish Out of Water? From Contemplative Solitude to Carthusian Involvement in Pastoral Care and Reform Activity, Leuven: Peeters 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/25458.html


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Stephen J. Molvarec / Tom Gaens (eds.): A Fish Out of Water?

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Die Herausgeber von A Fish Out of Water füllen mit ihrem Sammelband eine beträchtliche Lücke innerhalb der Kartäuserforschung, indem in neun Kapiteln das soziologische und sozio-theologische Beziehungsgeflecht des Kartäuserordens im Mittelalter anhand konkreter Beispiele dargelegt und analysiert wird. Die Kommunikation und gesellschaftliche Bedeutung eines kontemplativen Schweigeordens zu untersuchen, erscheint zunächst ambitioniert, weisen doch gerade viele Quellen explizit darauf hin, dass die Kartäuser sich vollkommen von der Welt zurückziehen und sogar ihre Klöster in einer "Wüste" errichten.

Die Autoren befassen sich diesbezüglich gleich mit zwei Themenkomplexen, die in der Forschung bisher nicht annähernd so eingehend behandelt wurden und in ihrer scheinbaren Gegensätzlichkeit zunächst als ein Spagat zwischen monastischer und profaner Geschichtsforschung erscheinen können: Sie beleuchten zum einen die Rolle der Kartäuser in der monastischen Reform des 15. Jahrhunderts, zum anderen weisen sie anhand aussagekräftiger Belege nach, dass dem ordensimmanenten Ideal der vollständigen Abkehr von der Welt nie entsprochen werden konnte, weil das dichtgewebte Netzwerk herausragender Theologen die Kartäuser nicht aus dem zeitgenössischen Diskurs entließ. Sozioökonomische Aspekte der Ordens- und Klosterorganisation kamen hinzu, sodass eine vielschichtige Interaktion zwischen den Kartäusern und der Welt stattfand.

Der Fokus des Bandes liegt auf den Niederlanden, die deutschen Kartausen dienen in Einzelaspekten der Reflexion. Die regionale Begrenzung erklärt sich aus dem behandelten Sujet, das vor allem in den kürzeren Aufsätzen meist einzelne herausragende Kartäusermönche oder einzelne Kartausen mit ihren jeweiligen Verbindungen zur Gesellschaft herausgreift. Anzumerken ist, dass die Verbindungen der niederländischen und westdeutschen Kartausen durch die personelle Fluktuation und den erhaltenen schriftlichen Austausch in stärkerem Maße sichtbar und nachvollziehbar ist als in anderen Ordensprovinzen.

Vorangestellt haben die Herausgeber zwei von ihnen selbst verfasste Kapitel, die zum Forschungsgegenstand hinleiten, die Fragestellung erörtern und zugleich alle Aufsätze im Kontext der gesellschaftlichen Beziehungen und der monastischen Reform verorten. Insbesondere Stephen J. Molvarec betritt Neuland mit der ausführlichen Darstellung der weltlichen Beziehungen des Ordens, beginnend mit der Frühphase des Ordens und dem Engagement Guigos I. in der "Welt", über die als "Stimmen aus der Wüste" bezeichneten Briefe zu den kartusianischen Apostolaten bis hin zu einer Betrachtung der urbanen Kartausengründungen. Ebenso bemerkenswert ist die gründliche Aufschlüsselung der kartusianischen Mitwirkung an der Klosterreform des 15. Jahrhunderts von Tom Gaens.

Die Aufsätze, teils in englischer, teils in niederländischer Sprache verfasst, greifen jeweils spezifische Aspekte des großen Forschungsgebiets heraus, untersuchen diese eingehend und belegen die neuen Erkenntnisse mit ausführlichen Quellen. Ihre Ansatzpunkte variieren zwischen eher historisch geprägten Ausführungen zu einzelnen Klöstern beziehungsweise Klosterverbänden (so Rudolf Th. M. van Dijk, O. Carm.: Tussen kartuizers en cisterciënzers. De brieven van Geert Grote aan de abdij van Kamp; oder Frans Gooskens: Curialists, Carthusians, and Hospitals. An Analysis of a Series of Interlocking Networks Surrounding the Modern Devotion) und theologischen Thematiken, die meist an den ordensprägenden Persönlichkeiten und deren Wirken festgemacht werden (so etwa Krijn Pansters: Cor, cella, claustrum, ecclesia. Denys the Carthusian (1402/1403-1471) on Discretio and Inner Reform; oder auch Pieter Mannaerts: In hoc praecedunt Carthusienses. Radulph de Rivo and Carthusian Liturgy). In der Zusammenschau bieten die sieben Aufsätze breitgefächerte, innovative Denkansätze mit intensiv diskutierten Thesen, die ein neues Licht auf die Handlungsweise einzelner Kartäuser, aber auch des gesamten Ordens als geistlicher Instanz werfen. Sowohl die inneren Strukturen des Ordens werden angesprochen, als auch die externen Beziehungen, sei es zur weltlichen Gesellschaft oder zu anderen kirchlichen Institutionen.

Die Kartäuserforschung kann weder den profanen noch den theologischen Geschichtswissenschaften alleine zugewiesen werden, weil für das Verständnis der einzigartigen Lebensweise der Kartäuser weit mehr Fachdisziplinen hinzugezogen werden müssen. Ohne ihre hochspezialisierte Architektur und die zuträgliche Topografie und Umgebung wäre eine Kartause nicht lebensfähig. Ohne historische Politikwissenschaften ist das anspruchsvolle Beziehungsgeflecht nicht lesbar. Die Autoren der Aufsatzsammlung A Fish Out of Water stellen sich dieser Komplexität, indem sie Querbezüge der historischen Wissenschaften untereinander herstellen. Zwar konzentrieren sich die Aufsätze jeweils auf ein Hauptthema, beziehen aber auch wichtige Aspekte der verwandten Forschungsdisziplinen mit ein oder liefern zumindest Denkanstöße. Das Buch baut eine Brücke zwischen der theologischen und der profanen Geschichtsbetrachtung. Sein Forschungskontext schließt somit sowohl die klassische Mediävistik, die Theologie als auch die historischen Nachbardisziplinen mit ein. Komplexe, neue Erkenntnisse werden detailliert dargestellt und nachvollziehbar begründet. Der Wert des Buches für die Forschung erscheint umso höher, da frühere Forschungsansätze in das komplizierte Beziehungsgeflecht nicht hineingesehen haben. Zumeist wurde es ignoriert, wenn nicht gar negiert. Entsprechende, sehr wertvolle Einzelbeobachtungen gab es in der bekannten Literatur durchaus, doch ein ganzer Band in wissenschaftlicher Tiefe, der ausschließlich den Belegen der Kommunikation der niederländischen und westdeutschen Kartäuser gewidmet ist, stand noch aus. Die Vielfältigkeit der Untersuchungsansätze lässt sich ganz klar als Stärke des Sammelbandes herausheben. Die Leistung dieses Buches ist es, einen ersten, fundierten Einblick zu bieten. Die Aufsätze lassen umfassendere Forschungen zum Gegenstand der Einbindung der Kartäuser in die Gesellschaft und die monastischen Reformen als Desiderat erscheinen.

Einen kleinen Wermutstropfen stellen die überwiegend auf Niederländisch verfassten Beiträge dar: ihre Rezeption dürfte sich aufgrund der sprachlichen Barrieren als schwierig erweisen. Wichtige Gedanken können in den englischen Zusammenfassungen nicht so gewürdigt werden, wie es hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Forschungsstand wünschenswert wäre. Eine englische Übersetzung des gesamten Bandes könnte dazu beitragen, seine große Bedeutung für die Kartäuserforschung zu verdeutlichen.

Zusammenfassend ist das Kompendium als Sammlung wichtiger neuer Forschungsansätze zu würdigen, die zum Verständnis der Entwicklung des Kartäuserordens beitragen und den Forschungstand bereichern. Die gründliche Quellenarbeit trägt entscheidend zur Nachvollziehbarkeit bei. Insbesondere die Neubewertung der aktiven Einflussnahme der Kartäuser auf die monastische Reform und die mittelalterliche Gesellschaft stellt für die Kartäuserforschung einen Meilenstein dar.

Elke Nagel