Rezension über:

Emmanuel Mourlon-Druol / Federico Romero (eds.): International Summitry and Global Governance. The Rise of the G7 and the European Council, 1974-1991 (= Cold War History), London / New York: Routledge 2014, XVI + 256 S., ISBN 978-0-415-72984-0, GBP 80,00
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Rezension von:
Nicholas Lang
Berlin / M√ľnster
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Nicholas Lang: Rezension von: Emmanuel Mourlon-Druol / Federico Romero (eds.): International Summitry and Global Governance. The Rise of the G7 and the European Council, 1974-1991, London / New York: Routledge 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/25232.html


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Emmanuel Mourlon-Druol / Federico Romero (eds.): International Summitry and Global Governance

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Auf "die gegenwärtigen Strukturverwerfungen, die Anpassungsprobleme und die Rezession" habe es bislang, so stellte Bundeskanzler Helmut Schmidt im Juni 1975 im Gespräch mit dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, Hans-Jürgen Wischnewski, fest, "allseits nur hilflose Reaktionen" gegeben. [1] Einen möglichen Ausweg sahen Schmidt und andere in der Schaffung neuer internationaler Konsultations- und Koordinationsinstrumente auf höchster politischer Ebene, einer Idee, die schon wenige Monate später mit dem ersten Gipfel der Gruppe der Sechs (im Folgejahr mit Aufnahme Kanadas zur Gruppe der Sieben (G7) erweitert) im November 1975 auf Schloss Rambouillet in die Tat umgesetzt werden sollte.

Bei aller Aufmerksamkeit, die die historische Forschung den krisenhaften Transformationsprozessen der 1970er Jahre, die am Beginn des bis heute fortdauernden Globalisierungsprozesses standen, bereits hat zuteilwerden lassen, wendet sie sich erst neuerdings dem Phänomen institutionalisierter Gipfeltreffen auf Staats- und Regierungschefebene zu, für die die G7-Gipfel ein herausragendes Beispiel darstellen. Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von Emmanuel Mourlon-Druol und Federico Romero, beschäftigt sich mit dieser neuen Form der Gipfeldiplomatie. Dies geschieht, so informiert der Untertitel, anhand der Beispiele der G7 und des Europäischen Rates (ER). Deren gleichberechtigte Nennung ist indes etwas irreführend, da sich Ersterer der Großteil der Beiträge widmet, während Letzterer allenfalls am Rande behandelt wird.

Erklärtes Ziel der Herausgeber ist es, nicht eine umfassende Geschichte der institutionalisierten Gipfeldiplomatie vorzulegen, sondern mittels präzise gefasster Fallstudien dazu beizutragen, better to map the emergence of regular summitry in the international system (5) und gleichzeitig bestehende Forschungslücken aufzuzeigen. Der Sammelband unterscheidet sich daher in Zielsetzung und Herangehensweise von der fast zeitgleich erschienenen Monografie Enrico Böhms zur Entstehung und Funktion der G7. [2]

Die im ersten Teil des Bandes versammelten Beiträge beschäftigen sich mit der Entstehung regelmäßiger Gipfeltreffen in den 1970er Jahren und ihrer konkreten Praxis. David Reynolds spürt in seinem Aufsatz, der zugleich dem Einstieg in die Thematik dient, der Entwicklung der G7 im Spannungsfeld von hochgradig personalisierter, "klassischer" Ad-hoc-Gipfeldiplomatie und der neuen Form institutionalisierter, medial ausgeleuchteter Treffen nach. Daran anschließend stellt Nicholas Bayne, selbst Teilnehmer des Gipfels in Rambouillet und sechs weiterer, im einzigen Beitrag, der nicht auf neu zugänglich gewordene Archivalien zurückgreift, die Frage nach den Gründen für die Langlebigkeit der G7. Indem er am Beispiel der frühen Gipfel sowohl deren konkrete Ergebnisse als auch institutionellen Rahmen und praktische Gestaltung des Konsultationsprozesses in den Blick nimmt, legt er dar, dass dafür weniger die von Gipfel zu Gipfel in ihrer Qualität stark variierenden Ergebnisse den Ausschlag gaben, sondern sich vielmehr das Konsultationsformat als solches aufgrund seiner Informalität und Intimität für die Teilnehmer als wertvolles und erhaltenswertes Instrument erwies. Elizabeth Benning arbeitet in ihrem Beitrag die herausragende Bedeutung des persönlichen Engagements Helmut Schmidts für die Entstehung der G7 heraus, dem es Schritt für Schritt gelang, seine Partner, allen voran Franzosen und Amerikaner, für seine Idee zu gewinnen und in seine Bemühungen einzubinden. Emmanuel Mourlon-Druol steuert eine Prosopographie der so genannten Sherpas, der persönlichen Repräsentanten der teilnehmenden Staats- und Regierungschefs, bei, die für die Vorbereitung der Gipfel verantwortlich zeichneten und durch diese herausgehobene Position großen Einfluss auf deren Verlauf und Ergebnisse hatten. Der erste Teil schließt mit einer Untersuchung Noël Bonhommes zur Rezeption der G7-Gipfel am Beispiel der französischen und amerikanischen Öffentlichkeit und ihrer Veränderung im Laufe der Zeit. Er zeigt dabei, welche Medienstrategien von den teilnehmenden Delegationen entwickelt wurden, mit dem Ziel, das Bild eines solidarischen, eng kooperierenden global West (99) zu transportieren, gleichzeitig aber den spezifischen Erwartungen der heimischen Öffentlichkeit gerecht zu werden.

Der zweite Teil rückt die politischen Herausforderungen in den Fokus, denen man mit der neuen Form der Gipfeldiplomatie vom Typus G7 zu begegnen suchte. Federico Romero beschäftigt sich mit der Entstehung der G7 aus der Einsicht, dass die Probleme bis dato ungekannten Ausmaßes einer sich immer schneller globalisierenden Welt nur gemeinschaftlich zu lösen seien und welch bedeutende Rolle dabei die Verknüpfung von politischer und wirtschaftlicher Stabilität spiele. Anschließend verdeutlicht N. Piers Ludlow die Auswirkungen institutionalisierter Gipfeltreffen auf die Struktur der transatlantischen Beziehungen in den 1970er Jahren. Hitoshi Suzuki arbeitet die Motivation Japans zur Teilnahme an der G7 heraus, die es unter anderem ermöglichte, den seit Anfang der 1970er Jahre schwelenden europäisch-japanischen Handelskonflikt beizulegen. Der folgende Beitrag Guia Miganis widmet sich dem Nord-Süd-Gipfel, der im Oktober 1981 im mexikanischen Cancún stattfand. Die Autorin schildert nicht nur zugrunde liegende Ideen sowie Vorbereitung und Ablauf der Zusammenkunft, sondern verdeutlicht zudem, warum trotz positiver Resümees der meisten Teilnehmer kein Interesse an einem Folgegipfel bestand. Zum Abschluss des zweiten Teils geht Angela Romano der Frage nach, inwiefern G7 und der Europäische Rat die Abstimmung einer gemeinsamen Linie bezüglich der Ost-West-Wirtschaftsbeziehungen ermöglichten. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass eine diesbezügliche Verständigung gute Ost-West-Beziehungen und damit geringe innerwestliche Reibungspunkte voraussetzte, im Falle stark divergierender europäischer und amerikanischer Sichtweisen, wie sie etwa im Fall des so genannten Erdgas-Röhrengeschäfts zu Tage traten, jedoch selbst auf Gipfeltreffen nicht erreicht werden konnte. Bisweilen wurden bestehende Gräben hier sogar vertieft.

Der Sammelband offeriert einen in der Summe überzeugenden Einstieg in das historische Forschungsfeld der institutionalisierten Gipfeldiplomatie seit den 1970er Jahren, mit einem eindeutigen Schwerpunkt auf der G7. Er vermag zu zeigen, wie sich der Stellenwert der Gipfeldiplomatie im System der internationalen Beziehungen mit dem Aufkommen institutionalisierter Gipfeltreffen gewandelt hat und vermittelt Ansatzpunkte für zukünftige Forschungen.


Anmerkungen:

[1] Besprechung bei Bundeskanzler Schmidt, 23. Juni 1975, in: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1975, hg. im Auftrag des Auswärtigen Amts vom Institut für Zeitgeschichte, bearb. v. Michael Kieninger, Mechthild Lindemann u. Daniela Taschler, unter d. wiss. Leitung v. Ilse Dorothee Pautsch, München 2006, Dok. 173, hier: 809, in englischer Übersetzung im rezensierten Sammelband zitiert von Elizabeth Bennings (vgl. 41).

[2] Enrico Böhm: Die Sicherheit des Westens. Entstehung und Funktion der G7-Gipfel (1975-1981) (= Studien zur Internationalen Geschichte 34), München 2014. Dieses Buch ist von Ulrich Lappenküper bereits für die sehepunkte rezensiert worden (vgl. Ausgabe 14 (2014), Nr. 2, http://www.sehepunkte.de/2014/02/24289.html).

Nicholas Lang