Rezension über:

Emily Ballew Neff / Kaylin H. Weber (eds.): American Adversaries. West and Copley in a Transatlantic World, New Haven / London: Yale University Press 2013, XII + 258 S., 238 Farbabb., ISBN 978-0-300-19646-7, USD 75,00
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Rezension von:
Léa Kuhn
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Philippe Cordez
Empfohlene Zitierweise:
Léa Kuhn: Rezension von: Emily Ballew Neff / Kaylin H. Weber (eds.): American Adversaries. West and Copley in a Transatlantic World, New Haven / London: Yale University Press 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/24775.html


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Emily Ballew Neff / Kaylin H. Weber (eds.): American Adversaries

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Ozeane sind als Handlungsräume in jüngerer Zeit vermehrt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Auch die von Oktober 2013 bis Januar 2014 im Museum of Fine Arts Houston gezeigte Ausstellung und ihr hier zu besprechender Katalog siedeln sich in dem ursprünglich von der Geschichtswissenschaft geprägten Feld der Atlantic History an: Wie der Titel bereits anzeigt, präsentieren sie die im kolonialen Nordamerika geborenen Maler Benjamin West (1738-1820) und John Singleton Copley (1738-1815), die sich beide 1763 beziehungsweise 1774 in der Metropole des British Empire niederließen, als Protagonisten einer transatlantischen Welt. Was kartografisch gesprochen einer Umzeichnung gleicht, bei der die blaue Fläche zum eigentlichen Gegenstand und verbindenden Element der verschiedenen Küstenregionen wird, stellt auch in Bezug auf die beiden lange Zeit als 'Gründungsväter' der amerikanischen Malerei gehandelten Maler eine deutliche Akzentverschiebung dar: So konzentrierten sich bislang zum Beispiel die beiden maßgeblichen Ausstellungskataloge zu Copley entweder auf seine Bostoner Schaffensperiode oder auf seine Zeit in London. [1] Die Houstoner Schau widmete sich außerdem erstmals überhaupt den beiden Malern gemeinsam, jeweils ausgehend von ihrem wohl berühmtesten Gemälde: Wests Death of General Wolfe (1770, gezeigt in einer Version von 1779) und Copleys Watson and the Shark (1778). Sie bot also eine doppelte Synthese - neben der räumlichen auch in personeller Hinsicht.

Ausstellung und Katalog sind geografisch gegliedert. Die Etappen lauten London, Nordamerika, Italien sowie, etwas überraschend, Atlantik und Pazifik. Zwei der Katalogbeiträge von Emily Ballew Neff, Kuratorin für amerikanische Malerei und Skulptur am MFAH, (die beinahe die Hälfte des umfangreichen Kataloges mit eigenen Beiträgen bestritten hat) und der Aufsatz ihrer Co-Herausgeberin Kaylin H. Weber zu Wests Atelier machen die Idee des transatlantic world unmittelbar anschaulich und plausibel. Ballew Neff analysiert zum einen die hybride, europäisch-'indianische' Kleidung des Rangers in Death of General Wolfe mithilfe von Richard Whites Konzept des middle ground, zum anderen verfolgt sie naturkundliche Diskurse in Watson and the Shark. Webers Beitrag beschäftigt sich mit dem Atelier von West in der Londoner Newman Street und dessen Sammlung, die in geringem Umfang auch Native American-Objekte enthielt. Auch die Ausstellung rekonstruierte Teile von Wests Sammlung und trug so etwa neben einem Wampum-Gürtel aus Wests Besitz auch ein Gemälde von Rubens sowie Zeichnungen von Fra Bartolommeo und Parmigianino zusammen, die der Maler seinerzeit gesammelt hatte. Andere Beiträge, die etwa Copleys und Wests Grand Tour-Reisen beleuchten oder druckgrafische Versionen der beiden Historiengemälde untersuchen, entsprechen eher lose der transatlantischen Perspektive, lohnen aber für sich genommen unbedingt der Lektüre. Lediglich ein Beitrag zu den sogenannten Casta-Gemälden aus Neuspanien sprengt den thematischen Rahmen erkennbar: Zwar spielt Copleys Watson and the Shark in Havanna, da der Maler Kuba jedoch nie bereist hat, erscheint der Bezug eher unmotiviert.

Die zweite These des Katalogs, welche die beiden Maler als Kontrahenten vorstellt, wird in zwei Beiträgen, von Martin Postle und dem Coda-Aufsatz der Herausgeberinnen, verhandelt. Beide Texte beleuchten das Konkurrenzverhältnis primär institutionengeschichtlich: Sowohl Copley als auch West bewarben sich 1792 um die Präsidentschaft der Londoner Royal Academy. Mit dieser Herangehensweise, die zudem die Differenzen mitunter psychologisierend auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden Maler zurückführt (210), wird einiges an Potential verschenkt: Das behauptete Konkurrenzverhältnis könnte auch stärker im Sinne eines künstlerischen Wettstreits aufgefasst werden; sollte tatsächlich eine Form der künstlerischen aemulatio vorliegen, ließe sich dieses Prinzip wohl auch im Werk der Künstler verfolgen. Gerade im Hinblick auf die Rivalität der beiden 'Londoner Amerikaner' könnte es noch lohnend sein, zu untersuchen, ob Copley und West ihren 'angloamerican accent' auf unterschiedliche Weise eingesetzt haben. Um nur das Nächstliegende zu nennen: Copley hat im Gegensatz zu West keine native americans in seinen Historiengemälden dargestellt. [2] Ein solcher Zugang würde möglicherweise auch die beiden Kernstücke der Ausstellung stärker kontrastieren.

Wie die Herausgeberinnen in Einführung und Coda des Katalogs darlegen, sollte anhand der beiden Kernexponate verfolgt werden, wie durch die 'Erfindung' des zeitgenössischen Historiengemäldes West und Copley zu "powerful drivers of artistic change" (vii) würden. Damit knüpfen sie an die bereits 1938 von Edgar Wind vorgetragene These an, dass Copley und West die Gattung des Historienbildes durch die Verwendung von zeitgenössischer Gewandung kombiniert mit der Verleihung eines quasijournalistischen Charakters erneuert hätten. [3] Durch eine solche Betonung der innovativen Leistung und der Modernität der beiden Maler wird eine ihre beiden 'Helden' isolierende und zudem noch immer etwas kompensatorisch anmutende Meistererzählung fortgeschrieben, die in Spannung gerät zum Versuch der Ausstellung, die Künstler zu kontextualisieren und in einem transatlantischen Handlungsgefüge zu verorten. Insgesamt jedoch zeichnet sich der zudem hervorragend bebilderte Katalog durch seine thematische Breite und die geografische Ausweitung des behandelten Themenfeldes aus. Ein in der transatlantischen Zusammenschau teilweise entstehender Verlust an Trennschärfe, welche Gemälde noch auf amerikanischem Kontinent und folglich mit einem anderen visuellen Horizont entstanden sind und welche bereits in der Metropole des British Empire, ist dabei in Kauf zu nehmen - ein ambitioniertes Unterfangen, das eine Fülle von Material präsentiert und zur weiteren Bearbeitung anregt.


Anmerkungen:

[1] Kat. Ausst. John Singleton Copley in America, Metropolitan Museum of Art New York 1995/96, New York 1995 und Kat. Ausst. Emily Ballew Neff (Hg.): John Singleton Copley in England, National Gallery of Art Washington 1995/96; Museum of Fine Arts Houston 1996, London 1995.

[2] Zur Selbstinszenierung Wests als 'Wanderer zwischen den Kulturen' siehe etwa Sarah Monks: The Wolfe Man. Benjamin West's Anglo-American Accent, in: Art History 34 (2011), Nr. 4, 631-673, zur ausdrücklichen Markierung der amerikanischen Herkunft von Copleys Gemälden in seiner Bostoner Zeit siehe Léa Kuhn: Das erste 'amerikanische' Bild. John Singleton Copley und die Anfangsnarrative nationaler Kunst, Zürich / Berlin 2013.

[3] Edgar Wind: The Revolution of History Painting, in: Journal of the Warburg Institute 2 (1938), Nr. 2, 116-127.

Léa Kuhn