Rezension über:

Katrin Pietzner: Bildung, Elite und Konkurrenz. Heiden und Christen vor der Zeit Constantins (= Studien und Texte zu Antike und Christentum; 77), Tübingen: Mohr Siebeck 2013, X + 479 S., ISBN 978-3-16-149624-0, EUR 89,00
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Rezension von:
Jutta Tloka
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Jutta Tloka: Rezension von: Katrin Pietzner: Bildung, Elite und Konkurrenz. Heiden und Christen vor der Zeit Constantins, Tübingen: Mohr Siebeck 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/24697.html


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Katrin Pietzner: Bildung, Elite und Konkurrenz

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Mit ihrer 2013 erschienenen Monographie "Bildung, Elite und Konkurrenz" legt Katrin Pietzner eine leicht überarbeitete Fassung ihrer 2003 von der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität Berlin angenommenen Dissertation vor. Sie fügt damit ein weiteres Werk der vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten wieder zunehmend wachsenden Forschungsliteratur zum Themenkomplex Christentum und antike Bildung aus althistorischer, patristischer und auch altphilologischer Perspektive hinzu.

Dass die vergleichsweise späte Veröffentlichung der Dissertation dadurch nicht zum Manko wird, ist dem Ansatz Pietzners zu verdanken. Ausgehend von soziologischen und psychologischen Modellen wählt sie den Begriff der Stigmatisierung, um den christlich-heidnischen Bildungsdiskurs weiterführend zu interpretieren. Damit nimmt sie den bekannten Vorwurf der Unbildung durch die paganen gebildeten Kritiker des Christentums im 2. und 3. Jahrhundert auf, um "die Zuschreibung von intellektueller und sozialer Minderwertigkeit nicht auf ihren Realitätsgehalt, sondern auf ihre Funktion hin zu untersuchen" (11). Für ihre weitere Untersuchung versteht Pietzner "Unbildung" also als ein von paganer Seite an die Christen herangetragenes "Etikett" bzw. "Stigma".

Dass diese Etikettierung ein probates Mittel der Ausgrenzung durch die paganen Philosophen des zweiten und dritten Jahrhunderts war, zeigt Pietzner anhand des Umgangs mit den Kynikern, denen wie den Christen soziale und intellektuelle Inferiorität unterstellt wurde. Der Erfolg der Kyniker zeigt dabei das große gesellschaftliche Interesse an einem an lebenspraktischen Bedürfnissen orientierten Bildungsverständnis, wodurch sich zeitgenössische, konservative Philosophen in ihrem Selbstverständnis und Status als Ratgeber, Erzieher, Kritiker und Mittler des Göttlichen für die Oberschicht provoziert sahen.

Die Christen stellten ähnlich wie die Kyniker eine Konkurrenz auf diesem genuin philosophischen Betätigungsfeld dar, was die Verfasserin insbesondere auf der Grundlage des Octavius des Minucius Felix sowie Origenes' Werk Contra Celsum untersucht.

Entsprechend des Umfangs der jeweiligen Werke, aber auch der methodischen Schwierigkeiten, da der pagane Philosoph im Dialog des Minucius Felix fiktiv ist, nimmt die Untersuchung des Origenes über sein apologetisches Werk hinaus einen weitaus größeren Raum ein. Hier erweitert Pietzner den Blick einerseits auf andere Werke des Origenes, andererseits auf die in der Forschung viel diskutierte Frage nach dem Charakter der so genannten Alexandrinischen Katechetenschule sowie nach der Schule des Origenes in Caesarea. Anhand eines Vergleichs mit Plotin insbesondere in der Darstellung seines Schülers Porphyrios zeigt Pietzner auf, dass Origenes' Tätigkeit zwar im Kontext der zeitgenössischen Philosophenschulen verstanden werden kann, er aber über die zugeschriebene Rolle eines Philosophen hinausging, indem er seinen Aktionsradius inhaltlich wie didaktisch zum einen über die Schule im engeren Sinne hinaus auf die Gemeinde, zum anderen allgemein auf Christen, Heiden und Juden vergrößerte. Der soziale Raum der "Kirche" ist somit ein Spezifikum, das Origenes als Seelsorger und Prediger nutzte. Damit stellen die gebildeten Christen für die konservativen Philosophen nicht nur eine Konkurrenz beim traditionellen elitären Publikum dar, sondern betätigen sich auch über die bisherigen sozialen und geschlechtsspezifischen Grenzen hinweg. Nach Pietzner ist das Stigma der Unbildung zwar für die gebildeten Christen herabwürdigend, es hat aber gleichzeitig die Funktion der Festigung einer positiv verstandenen Gruppenidentität für die weniger privilegierten Christen. Hier kommt für Origenes wie für die christlichen Apologeten allgemein das Kriterium der überlegenen christlichen Lebensführung, wie u.a. christliche Askese und Martyriumsbereitschaft, zum Tragen.

Origenes' spezifischer sozialer Raum schlägt sich auch in seiner Auseinandersetzung mit Celsus nieder, indem er herausgefordert durch die konkrete Kritik ein wesentlich inhomogeneres Christentum als Minucius Felix präsentiert, der mit dem Octavius vor allem auf eine Stärkung der christlichen Bildungsträger zielt. So bestreitet Origenes' nicht soziale und intellektuelle Minderwertigkeit eines großen Teils der Christen, wertet diese jedoch zugleich auf nicht nur unter Hinweis auf eine überlegene Lebensführung, sondern auch durch die Verbindung mit der Einfachheit der biblischen Sprache und mit der sozialen wie intellektuellen Inferiorität Jesu und seiner Apostel. In diesem Zusammenhang weist Pietzner dann der origeneischen Lehre vom Schriftsinn eine existentielle Funktionalität zu, denn in selbstbewusster Bestätigung der mangelhaften Sprache lehrt Origenes zugleich intellektuell unterschiedliche Grade des Schriftverständnisses. Dies dient nach Pietzner einerseits der Aufrechterhaltung der christlichen Gruppenidentität, andererseits der innerchristlichen Hierarchisierung, bei der die intellektuelle Fähigkeit der Schrifterkenntnis der innerkirchlichen Verantwortung entsprechen soll. Pietzner zeigt hier ein konsequent funktionales Verständnis der Theologie des Origenes, deren Darstellung sie entsprechend auch kein eigenes Kapitel widmet. Dies entspricht dem sozialgeschichtlichen Ansatz ihrer Dissertation, die damit zugleich eine interessante Einladung gerade an die Patristik darstellt, Theologie und Wirken des Origenes enger auf die gesellschaftlichen Fragestellungen seiner Zeit zu beziehen. Damit stellt Pietzners Dissertation eine wichtige althistorische Ergänzung und auch Weiterführung auf ein aus patristischer Sicht gemeinhin als ausgeforscht angesehenes Thema dar.

Umso mehr fehlt ein Sachregister des ansonsten mit ausführlichen Literatur-, Quellen-, Personen- und Stellenregisters abgeschlossenen, sprachlich sehr gut lesbaren und auch in den altsprachlichen Zitaten sorgfältig edierten Bandes. Positiv hervorzuheben ist die Einarbeitung der wichtigsten, zwischen Abschluss der Dissertation und Veröffentlichung erschienenen Literatur.

Jutta Tloka