Rezension über:

Christoph Weber (Hg.): L'horreur des Jésuites. Denkschriften, Dekrete, diplomatische Depeschen sowie journalistische Lettres de Rome aus der Zeit von Clemens XIII., Clemens XIV. und Pius VI. (1767-1780) (= Studien zur Geschichtsforschung der Neuzeit; Bd. 75), Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2013, 612 S., ISBN 978-3-8300-6867-9, EUR 138,80
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Rezension von:
Christine Vogel
Institut für Geistes- und Kulturwissenschaften, Universität Vechta
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Christine Vogel: Rezension von: Christoph Weber (Hg.): L'horreur des Jésuites. Denkschriften, Dekrete, diplomatische Depeschen sowie journalistische Lettres de Rome aus der Zeit von Clemens XIII., Clemens XIV. und Pius VI. (1767-1780), Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/23952.html


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Christoph Weber (Hg.): L'horreur des Jésuites

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Eine Edition publizistischer Quellen in Buchform stellt angesichts weltweit laufender Digitalisierungsprojekte ganz offensichtlich ein gewisses Wagnis dar. Auch für das hier zu besprechende Werk gilt, dass seit seinem Erscheinen im letzten Jahr bereits mindestens fünf der vermeintlich höchst seltenen Drucke mittlerweile über Google Books bequem von jedermann auf den eigenen Rechner heruntergeladen werden können. Doch wer, abgesehen von einer Hand voll Spezialisten, könnte ohne die Kommentare des Herausgebers und ausgewiesenen Papst- und Kirchenhistorikers Christoph Weber schon etwas anfangen mit Texten wie Riflessioni delle Corti Borboniche sul Gesuitismo? [1]. Eine ganze Reihe solcher Fundstücke aus der Zeit der Aufhebung des Jesuitenordens präsentiert Weber in seiner rund 600 Seiten starken Edition, die zugleich als erster Band einer ebenfalls vom Verfasser herausgegebenen Reihe "Quellen zur Epoche Clemens' XIV." im Verlag Dr. Kovač erschienen ist. [2]

Die Texte sind chronologisch geordnet und beleuchten in insgesamt 19 thematisch angelegten Kapiteln die Endphase der Ordensaufhebung sowie die Nachwehen der Ereignisse bis 1780, zumeist aus der römischen Perspektive. In den allermeisten Fällen handelt es sich um Schriften und Dokumente, die heute wohl als "graue Literatur" bezeichnet würden und eben deshalb selten bzw. schwer auffindbar sind. Das Gros der jeweils in ihrer Originalsprache, also zumeist in Französisch oder Italienisch, belassenen Texte entstammt der zeitgenössischen Presse, vor allem dem Mercure Historique et Politique, einer in Den Haag erscheinenden und in Religionsfragen vergleichsweise gemäßigten Monatsschrift, sowie dem mit königlich-preußischem Privileg seit 1767 in Kleve erscheinenden Courier du Bas-Rhin, der eine deutlich antijesuitische Position vertrat. Beide Periodika publizierten regelmäßig nicht nur Korrespondentenberichte von den Orten des Geschehens, sondern vor allem auch (halb-) offizielle Dokumente, also Verordnungen, Denkschriften, Protokolle oder Briefe, die jeweils in extenso abgedruckt wurden. Es sind vor allem solche Dokumente aus der Feder der ins Aufhebungsgeschehen involvierten Akteure, die Weber interessieren, da er sich von ihnen Einblicke in Motive und Intentionen der handelnden Personen sowie Aufschluss über Detailfragen der Ereignisse erhofft, etwa über den genauen Verlauf der Ausweisung aus dem Herzogtum Parma (87-122). Ergänzt werden diese beiden Quellenserien durch die Berichte des kurkölnischen Agenten in Rom Tommaso Antici.

Die Vielfalt der ausgewählten Texte macht eine vollständige inhaltliche Würdigung an dieser Stelle unmöglich. In ihrer Gesamtheit vermitteln die von Weber jeweils ausführlich und durchaus leidenschaftlich kommentierten Quellen einen plastischen Eindruck davon, welche Argumentationsstrategien und Handlungsoptionen von den Gegnern, aber auch von den Verteidigern und Unterstützern des Ordens am römischen Hof während des Geschehens diskutiert wurden, wie die unterschiedlichen Parteien auf die sich beschleunigenden Ereignisse reagierten und welche Informationen und Dokumente tatsächlich an die zeitgenössische Presseöffentlichkeit gelangten. Beeindruckend ist dabei, mit welcher Detailkenntnis und Akribie der Herausgeber in die Texte einführt und den jeweiligen Entstehungskontext, insbesondere im Hinblick auf mutmaßliche oder bekannte Verfasser, ihre Motive und die entsprechenden sozialen Milieus, schildert.

Einige Beispiele müssen genügen: Im November 1767 waren die Jesuiten im Königreich beider Sizilien verboten und alle Mitglieder des Ordens in den angrenzenden Kirchenstaat abgeschoben worden. Als Reaktion auf diese Ereignisse hatte der Papst dem König in einer Denkschrift dargelegt, dass dieses Vorgehen nicht nur gegen göttliches Recht, sondern auch gegen das Völkerrecht und das Gewohnheitsrecht verstoße. Weber nun ediert die komplette Berichterstattung des Mercure historique vom Januar 1768, der nach einem Korrespondentenbericht aus Rom die offizielle Antwort Ferdinands IV. auf die päpstliche Denkschrift sowie eine projesuitische Gegenschrift abdruckte, die laut Weber massenhaft in Rom und Neapel verteilt worden war und als deren Urheber er den Kardinal-Staatssekretär Luigi Torrigiani selbst identifiziert (45-51). Der Mercure nun ließ diese völkerrechtlich argumentierende Verteidigungsschrift des Ordens nicht etwa unkommentiert stehen, sondern flankierte sie seinerseits mit einem ausführlichen kritischen Kommentar, was durchaus charakteristisch für den Umgang mit projesuitischen Schriften in der zeitgenössischen Presse war.

Auch die undurchsichtige Phase nach der Wahl Clemens' XIV., als bei Gegnern und Verteidigern des Ordens Unklarheit darüber herrschte, ob und wann der Papst dem Druck der bourbonischen Höfe nachgeben und die Gesellschaft Jesu aufheben würde, illustriert Weber durch eine Reihe besonders aussagekräftiger Dokumente. So lässt sich anhand der edierten Korrespondentenberichte aus Rom über den als merkwürdig empfundenen Regierungsstil des neuen Papstes gut nachvollziehen, wie schon kurz nach der Wahl der öffentliche Druck auf Clemens XIV. einsetzte (Kap. 8).

Eine weiteres interessantes Zeugnis bietet auch die in Auszügen edierte Berichterstattung des Courier du Bas-Rhin aus der zweiten Hälfte des Jahres 1773 (Kap. 12), als in Rom das Aufhebungsbreve veröffentlicht und umgesetzt wurde. Hier lässt sich sehr schön nachvollziehen, wie sich eine Mischung aus Tatsachenberichten, Dokumentationen und Gerüchten im Pressediskurs nach und nach zu einer antijesuitischen Verschwörungstheorie verdichtete, die erst nach der Ordensaufhebung, in den Spekulationen über Rachepläne und eine geheime Fortexistenz der Societas Jesu, zu ihrem Höhepunkt kam und noch im Kulturkampf fortwirkte.

So sorgfältig die Quellenkritik im Hinblick auf Urheberschaft und Publikationskontexte im Einzelnen auch ist, so sehr erstaunt gelegentlich doch die teils sehr unkritische inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten. Obgleich die durchaus strategische Form der zeitgenössischen Presseberichterstattung in der Edition selbst immer wieder deutlich wird, werden Korrespondentenberichte von Weber mitunter wie Tatsachenbelege gelesen. So schließt er zum Beispiel ohne weiteres von in der Presse kolportierten Papst-Zitaten auf "eine gewisse Boshaftigkeit" des Papstes (247).

Überhaupt spart Weber - ganz offensichtlich in durchaus programmatischer Absicht - nicht mit Leidenschaft und Engagement, und seine Kommentare gehen weit über das zum Textverständnis Nötige hinaus. Mit kaum verhohlener Verachtung geht er zudem in seiner Einleitung über die aktuelle Forschung zum Thema hinweg, um stattdessen mehrere einschlägige Werke des 19. Jahrhunderts zur Lektüre zu empfehlen, die er "gegenüber theorieüberfrachteten akademischen Prüfungsschriften [bevorzugt], in denen verzweifelt versucht wird, einen Standpunkt der Überlegenheit über den 'heutigen Forschungsstand' zu erklimmen" (19). Zugleich plädiert er mit Schopenhauer für eine Aufwertung der Anschauung, ohne die "man im Labyrinth der konkurrierenden 'Ansätze' gefangen [bleibt]" (ebd.). Nun mag mancher dieser kritischen Sicht auf die gegenwärtige Forschungspraxis zwar in Teilen durchaus zustimmen; dennoch möchte man frei nach Kant erwidern: Gedanken ohne Anschauung mögen zwar leer sein, Anschauungen ohne Begriffe aber sind bekanntlich blind.

Und so lässt der Band die Leserin am Ende etwas ratlos zurück. Selbst wer sich, wie die Rezensentin zu Webers Zielgruppe, den "Liebhabern der Jesuiten- und Jansenistengeschichte" (11) zählt, fragt sich am Ende doch, welche neuen Erkenntnisse sich aus diesem Band ziehen lassen. Immerhin eine reiche Fundgrube zeitgenössischer (Anti-) Jesuitica bietet Weber allemal - und noch dazu, wenn auch wohl nicht intendiert, einen interessanten editorischen Beitrag zur historischen Presseforschung.


Anmerkungen:

[1] http://books.google.de/books?id=dbkKKIuKxfEC&dq=irriflessioni&hl=de&pg=PA1#v=onepage&q=irriflessioni&f=false [26.6.2014].

[2] Als 2. Band ist mittlerweile erschienen: Christoph Weber: Idée générale de Clément XIV. Eine anonyme Biographie aus jesuitischer Feder (1776), Französischer Text mit deutschsprachigen Anmerkungen, Hamburg 2014.

Christine Vogel