Rezension über:

Jörg Peltzer / Gerald Schwedler / Paul Töbelmann (Hgg.): Politische Versammlungen und ihre Rituale. Repräsentationsformen und Entscheidungsprozesse des Reichs und der Kirche im späten Mittelalter (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 27), 1, Stuttgart: Thorbecke 2009, 288 S., ISBN 978-3-7995-4278-4, EUR 49,00
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Rezension von:
Pia Eckhart
Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Pia Eckhart: Rezension von: Jörg Peltzer / Gerald Schwedler / Paul Töbelmann (Hgg.): Politische Versammlungen und ihre Rituale. Repräsentationsformen und Entscheidungsprozesse des Reichs und der Kirche im späten Mittelalter, 1, Stuttgart: Thorbecke 2009, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/17464.html


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Jörg Peltzer / Gerald Schwedler / Paul Töbelmann (Hgg.): Politische Versammlungen und ihre Rituale

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Der Band geht auf eine im Rahmen des Heidelberger SFB 619 "Ritualdynamik" 2007 veranstaltete Tagung zurück, die auf "die Kombination zweier ertragreicher Forschungstraditionen, der politik- und verfassungsgeschichtlich orientierten Hoftagsforschung und der kulturgeschichtlichen Forschungen zu Ritual und Ritualdynamik", zielte, "um neue Erkenntnisse zu Struktur und Funktion von Versammlungen zu gewinnen", wie die Herausgeber in ihrer Einleitung formulieren (9). Thema des Bandes sollte es daher sein, Ritualisierungen "als Schlüssel zum Verständnis der sozio-politischen Strukturen einer Gesellschaft" auszuweisen, mit welchem "die Funktionsweise" (13) politischer Versammlungen analysiert werden kann.

Der Sammelband gehört zum reichen Ertrag des letztes Jahr zum Abschluss gekommenen Sonderforschungsbereichs, mit dem gewiss auch eine Phase der Bilanzierung des inzwischen etablierten Ritual-Paradigmas eingetreten ist. Dies belegen die Publikation eines Studienbuchs "Ritual" und eines Handbuchs zu Schlüsselbegriffen, Theorien und Diskussionen [1] ebenso wie der Titel einer der jüngsten Publikationen aus dem Umfeld des SFB: "Grenzen des Rituals". [2] Mit dem vorliegenden Band erhalten die Versammlungen des Reichs sowie die Organisationsformen der spätmittelalterlichen Kirche, als zweiter thematischer Schwerpunkt, eine Würdigung innerhalb dieses Forschungsfelds.

Positiv hervorzuheben ist die strukturierende Einleitung, die den Untersuchungsgegenstand präzise beschreibt und damit dem Band über eine bloße Sammlung von Einzelstudien hinaus einen Rahmen gibt. Die Herausgeber gehen auf die bestehende Kritik am Ansatz der Ritualforschung ein, indem sie zunächst die inzwischen in der Forschung als etabliert geltenden "analysierbaren Eigenschaften" (11) der Rituale präzise skizzieren und damit eine Grundlage für die Fallstudien schaffen. Dadurch bieten die Artikel in der Folge spezialisierte Antworten auf die eingangs gestellten Fragen nach Organisation, Prozessen und Repräsentationen der Versammlungen. Ohne eine analytische Trennbarkeit dieser Untersuchungsbereiche suggerieren zu wollen, lassen sich die Aufsätze doch zumindest schwerpunktmäßig diesen Oberbegriffen zuordnen.

Im Bereich der Organisation ist der Aufsatz von Achim Thomas Hack exemplarisch hervorzuheben, der sich mit dem Zeremoniell und der Inszenierung am päpstlichen Konsistorium, insbesondere der Planung und Durchführung von Herrscherempfängen an der Kurie, beschäftigt. Für einen Vergleich von Norm und Praxis zieht Hack das zeremonielle Diarium (Liber notarum) des Johannes Burckard heran; dabei werden sowohl die Existenz einer richtungsweisenden Norm als auch die situative Anpassungsfähigkeit des Empfangszeremoniells deutlich.

Dieses Ringen um Verfahrensnormen und deren dynamische Wandlungsfähigkeit bilden eine Parallele zur Studie "Das Reich ordnen" von Jörg Peltzer. Diese schließt an die Forschung zur Inszenierung auf Hof- und Reichstagen, insbesondere der mit den Problemfeldern Rangdenken und Rangstreit verbundenen Sitzordnung, an. Erst mit den Regelungen der Goldenen Bulle erhielt die Inszenierung des Reichs eine feste Form, in der König und Kurfürsten zusammenwirkten, die übrigen Fürsten, Herren und Städte aber ausgeklammert blieben. Peltzer stellt aber die "Wirkmächtigkeit der älteren, dynamischen Mechanismen der Rangbildung" (111) fest, wenn er aufzeigt, dass sich die Regelungen der Goldenen Bulle langfristig als zu verengt erwiesen und im 15. Jahrhundert - ohne schriftliche Regelung - weitere Reichsglieder in die Ordnung miteingebunden wurden.

Den auf den Reichsversammlungen wirksamen Prozessen widmen sich ebenfalls mehrere Aufsätze. So fragt André Krischer mit den Mitteln der systemtheoretischen Verfahrenstheorie "nach der Symbolik funktionalen Handelns, eines Handels also, das sich auf den ersten Blick als 'eigentlicher' Entscheidungsprozess, als politische Technik ausgibt", um damit die Trennung von Politik und Ritual als Beiwerk oder Verschleierung derselben aufzuheben (183). Das Interesse richtet sich auf die "performativ-expressiven Dimensionen der Entscheidungsherstellung", die Krischer als "Performanz des Entscheidens" (ebd.) bezeichnet. Untersuchungsgegenstand sind die innerkuriale Beratung und Beschlussfassung der Reichsstädtekurie (Umfrageverfahren). Systemtheoretisch zeichnen sich Verfahren demnach durch Offenheit aus, die dazu motiviert, sich in den Entscheidungsprozess einzubringen; gleichzeitig sorgen Interaktionsrituale der sozialen Wertschätzung wie Höflichkeit, Takt und Kollegialität dafür, dass trotz ungewissen Ausgangs des Verfahrens eine Sicherheit für die Selbstdarstellung der Beteiligten gegeben war und Konsens hergestellt werden konnte.

Die besondere Bedeutung der Inszenierung von konsensualer Beschlussfassung tritt auch in der Studie von Jürgen Dendorfer zur sessio generalis auf dem Basler Konzil hervor. Er zeigt, wie der Weg zu einem Beschluss nur durch die wechselseitige Beobachtung von Entscheidungsfindung und ihrer Inszenierung angemessen beschrieben werden kann (53). Angesichts der Bedeutung des Konsenses (vgl. auch die Zusammenfassung von Stefan Weinfurter, bes. 276) ist es begrüßenswert, dass der Sammelband hierzu auch eine systematische Untersuchung aufweist. Gerald Schwedler analysiert anhand des politikwissenschaftlichen Modells des Konsensprinzips die hierbei zur Anwendung kommenden Verfahren der Entscheidungsfindung. Konstitutive Elemente sind die "Disposition des Nachgebens" (154) sowie eine zeitlich verschobene Gegenleistung, die aber dann am ehesten tragfähig ist, wenn Entscheidungsabläufe wiederholt stattfinden und somit soziale Sicherheit gewährleistet ist ("kontinuierlicher Entscheidungskontext" (167)). Wie Schwedler aber selbst feststellt, lassen sich vertagte Gegenleistungen kaum fassen, die Unregelmäßigkeit der Einberufung von und Teilnahme an Reichsversammlungen steht dem Modell entgegen (178f.).

Ein weiterer zentraler Begriff einer ganzen Reihe von Aufsätzen (Miethke, Annas, Feuchter, Töbelmann, Selzer, Kaufhold) ist die Repräsentation, deren vielschichtige Bedeutungsebenen im Zusammenspiel der Einzelstudien herausgearbeitet werden (vgl. hierzu auch die Einleitung, bes. 16f.). Die unterschiedlichen Perspektiven auf die Reichsversammlungen verdeutlichen dies: Während z.B. Gabriele Annas ihre Fallstudie der Problematik des Ranges fürstlicher Gesandtschaften widmet und dabei das Ringen um "eine politisch-rechtliche Gleichstellung von Repräsentiertem und Repräsentierendem im Rahmen einer zeremoniellen Gleichordnung" (133) konstatiert, widmen sich Paul Töbelmann mit Blick auf den "ritualisierenden Apparat" (220) mittelalterlicher Repräsentation und Stefan Selzer hinsichtlich der "optischen Kommunikation" (249) auf Reichsversammlungen den materiellen Aspekten ritualisierender Inszenierung.

Die Herausgeber sind der selbst gestellten Aufgabe, mit den Einzelstudien zu einem Fundament für einen künftigen transkulturellen Vergleich politischer Versammlungen und ihrer Rituale und Zeichensysteme beizutragen (17), sicher gerecht geworden. Ihr Band zeichnet sich durch die eingehende Reflexion wichtiger Begriffe und damit fundierte Fallbeispiele aus. Auch ist Stefan Weinfurters abschließender Feststellung zuzustimmen, dass das "Zusammenspiel von Ritualisierung und politischen Prozessen, das Verhältnis also von Politik und Ritual ganz grundsätzlich" (279), mit diesem Band vertiefende Aufmerksamkeit erfahren hat und weiterhin verdient.


Anmerkungen:

[1] Barbara Stollberg-Rilinger: Rituale (= Historische Einführungen; Bd. 16), Frankfurt 2013; Christiane Brosius u.a. (Hgg.): Ritual und Ritualdynamik. Schlüsselbegriffe, Theorien, Diskussionen, Göttingen 2013. Die Entwicklung des Forschungsfelds seit den 1980er-Jahren und seine schnelle Akzeptanz im Bereich der Mittelalterforschung zeichnet Frank Rexroth prägnant nach: Ders.: Politische Rituale und die Sprache des Politischen in der historischen Mittelalterforschung, in: Angela De Benedictis u.a. (Hgg.): Die Sprache des Politischen in actu. Zum Verhältnis von politischem Handeln und politischer Sprache von der Antike bis ins 20. Jahrhundert (= Schriften zur politischen Kommunikation; Bd. 1), Göttingen 2009, 71-90 (italienische Übersetzung, 91-111).

[2] Andreas Büttner u.a. (Hgg.): Grenzen des Rituals. Wirkreichweiten - Geltungsbereiche - Forschungsperspektiven (= Norm und Struktur; Bd. 42), Köln / Weimar / Wien 2014.

Pia Eckhart