Rezension über:

Anne-Christin Saß: Berliner Luftmenschen. Osteuropäisch-jüdische Migranten in der Weimarer Republik (= Charlottengrad und Scheunenviertel; Bd. 2), Göttingen: Wallstein 2012, 493 S., ISBN 978-3-8353-1084-1, EUR 44,90
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Rezension von:
Rüdiger Ritter
Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Rüdiger Ritter: Rezension von: Anne-Christin Saß: Berliner Luftmenschen. Osteuropäisch-jüdische Migranten in der Weimarer Republik, Göttingen: Wallstein 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/25672.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Anne-Christin Saß: Berliner Luftmenschen

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Zu Beginn der 1920er-Jahre wurde Berlin aus einem Durchgangsort für Juden aus Osteuropa nach Westen oder Israel zu einem dauerhaften Aufenthaltsort und entwickelte sich bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zu einem wichtigen Zentrum für die jüdische Welt. Das zu besprechende Buch, eine für den Druck geringfügig überarbeitete Fassung der Dissertation von Anne-Christin Saß, stellt die Geschichte dieses Zentrums erstmals aus der Sicht seiner Bewohner in einer bisher nicht gekannten, beeindruckenden Fülle an Aspekten und Details dar. Es geht also um das jüdische Leben in Berlin und nicht, wie der Untertitel suggeriert, in der gesamten Weimarer Republik. Das Grundanliegen der Autorin ist es, jenseits der gängigen und immer noch weiterwirkenden Stereotype vom "Ostjuden" das Leben der jüdischen Migranten in Berlin von innen heraus so detailliert wie möglich zu beschreiben. Damit leistet Saß Pionierarbeit und macht viele Informationen erstmals zugänglich. Beeindruckend ist die Detailfülle des Buchs, wie sie beispielsweise an ausführlichen Tabellen und Statistiken zu den Herkunftsländern oder zu Berufen der Einwanderer deutlich wird. Eine ganz besondere Beigabe sind die Karten des jüdischen Berlin mit einer detaillierten Legende zur Topografie.

Es geht hier nicht einfach um die Beschreibung des Alltagslebens, sondern um die Darstellung einzelner Lebenswelten, da jeder Mensch in unterschiedlichen Funktionen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen agiert. Ein weiteres Anliegen der Autorin besteht darin, die Besonderheit des jüdischen Berlin sichtbar zu machen, indem sie darauf hinweist, dass sich gerade hier, in der besonderen Atmosphäre des Vorläufigen und des "Dazwischen-Seins", spezielle Formen des Alltagslebens herausgebildet haben, die es an keinem anderen Ort jüdischer Präsenz gab. In diesem Zusammenhang ist bedeutsam, dass es zu Spannungen zwischen den jüdischen Ankömmlingen und den bereits vorher anwesenden Berliner Juden kam.

Der Kernteil des Buches gliedert sich in fünf Hauptabschnitte. Zuerst beschäftigt sich die Verfasserin mit den äußeren Bedingungen dafür, dass in Berlin ein osteuropäisch-jüdisches Migrationszentrum entstehen und bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand haben konnte. Hier werden nicht nur die Typen der Migration, die "Wege nach Berlin" dargestellt, die individuell sehr unterschiedlich sein konnten, sondern auch die rechtlichen und behördlichen Rahmenbedingungen. Zudem lotet Saß die Statistiken des Jüdischen Arbeitsamts hinsichtlich der Berufs- und Sozialstruktur der Einwanderer aus. Aufschlussreich ist dabei, wie sich Veränderungen der wirtschaftlichen Situation der Herkunftsländer in der Berufs- und Sozialstruktur der Migranten abbilden. Keineswegs handelte es sich bei den Einwanderern nur um Kleinhändler, sondern auch um Angehörige der unterschiedlichsten Berufsgruppen, die nicht selten auch über eine Ausbildung verfügten. Der hohe Anteil junger Männer weist jedoch auch auf die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in ihren Herkunftsländern hin.

Die Einwanderungspolitik des preußischen Staates war von dem Gegensatz zwischen einem nationalistischen Klima der Ausgrenzung und gefühlten Überforderung einerseits und einer begrenzten Duldung andererseits gekennzeichnet. Dies zwang die Auswanderer dazu, sich umgehend Aufenthaltserlaubnisse zu beschaffen, was nicht selten dazu führte, dass sie ohne Genehmigung und Visum illegal in Deutschland blieben, was in vielen Fällen geduldet wurde. Juden machten etwa 4 Prozent der Einwohnerschaft von Berlin aus. Circa 80 Prozent von ihnen wohnten im Zentrum, also im Norden und Osten Alt-Berlin. Der Rest verteilte sich auf die Vororte Charlottenburg, Wilmersdorf, Neukölln, Schöneberg und Lichtenberg. Neben dem sogenannten "Scheunenviertel" um die Alte Synagoge und die Gemeindeeinrichtungen, wo überwiegend galizische und rumänische Juden zu finden waren, bildete sich ein weiterer Migrationsschwerpunkt im Westen der Stadt, der überwiegend von rumänischen Juden, Studenten und anderen, besser situierten Juden bewohnt wurde. Typisch für die Einwanderungstopografie in Berlin war, dass es sich hierbei nicht um eine strenge Gettobildung handelte wie in den Haupteinwanderungsorten London und New York, sondern eher um ein Bevorzugen bestimmter Stadtteile. Anscheinend sei, wie die Autorin darlegt, ein enger Zusammenschluss etwa aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen nicht notwendig gewesen.

Das jüdische Berlin war ein besonderer Ort. Einerseits war es ein integraler Bestandteil der Geschichte der jüdischen Migration, wie viele andere Durchgangsstädte auch. Andererseits bildete das jüdische Berlin einen integralen, dauerhaften Teil der Berliner Stadtgeschichte, da viele Juden ihre Pläne einer Weiterreise aufgaben und sich in Berlin niederließen. Es kam zu mannigfaltigen Akkulturationsprozessen, die Anschauungsmaterial für zentrale Phänomene der Migrationsforschung darstellten wie etwa Prozesse des Kulturtransfers, der Identitätsfindung und des Identitätswandels.

Saß stellt sich diesen Themen in Form einer vierfachen Herangehensweise an das jüdische Berlin. Im ersten Abschnitt geht es ihr um "Diversifizierung und Gemeinschaftsbildung". Zunächst zeigt sie hier die räumlichen Grundbedingungen für die Bildung sozialer Zusammenschlüsse auf und isoliert Kommunikationsräume - konkrete Stätten und Einrichtungen, an denen sich bestimmte Gruppen trafen. Aufbauend darauf werden die sich bildenden Netzwerke betrachtet. Diese konnten sozialer, landsmannschaftlicher, parteipolitischer und auch ganz einfach persönlicher Natur sein. Der zweite Abschnitt behandelt die Idee von Berlin als Durchgangszentrum. Folgerichtig thematisiert ein Unterabschnitt den "Blick nach Osten" als Blick in die Vergangenheit und der nächste Unterabschnitt den Blick nach Westen als Hoffnung auf die Zukunft. Die größte Hoffnung, nämlich die Weiterreise in die USA, erfüllte sich allerdings nur für die wenigsten. Migrationen - das wird hier deutlich - gehörten für die Bewohner des jüdischen Berlin wie selbstverständlich zu ihrer Biografie dazu. Hier wird die Bedeutung des jüdischen Berlin als Durchgangsort in besonderer Weise deutlich, und hier liegt sicher auch sein eigentliches Spezifikum und die Unterschiede zu anderen Migranten aus dieser Stadt: Diese dachten wohl an Rück-, kaum aber an Weiterwanderung.

Der dritte Abschnitt widmet sich der Frage, wie sich in der jüdischen community alte Identitäten veränderten und neue Identitäten ausbildeten. Die jüdischen Einwanderer richteten sich in Berlin ein. Sie installierten ein differenziertes gesellschaftliches Leben, das über die Organisation der alltäglichen Notwendigkeiten weit hinausging. Berlin - oder wenigstens diejenigen Teile der Stadt, in denen die jüdischen Einwanderer wohnten - wurde spätestens dadurch zu einem weiteren Zentrum der jüdischen Welt. Das jüdische Berlin unterschied sich von anderen Orten jüdischer Präsenz dadurch, dass über Identitätsbildung und Prozesse der Akkulturation intensiv nachgedacht und diskutiert wurde, und zwar deswegen, weil sich die Bewohner des jüdischen Berlin fortwährend mit der Verschiebung der eigentlich geplanten sofortigen Weiterreise auseinandersetzen mussten.

Der vierte Abschnitt schließlich geht den Wechselwirkungen der jüdischen community mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft nach. Die Bewohner des Scheunenviertels wurden von der deutschen Mehrheitsgesellschaft zumeist als "Ostjuden" bezeichnet - ein gängiger Begriff, der die großen Unterschiede zwischen den Bewohnern des jüdischen Berlin einebnete und mit dem auch eine pejorative Sichtweise als verarmte Bevölkerung verbunden war. Obwohl die jüdischen Einwanderer sich also in Berlin häuslich einrichteten und nicht nur zum Wirtschaftsleben Erhebliches beitrugen, gelang es ihnen nicht, in der Stadt Fuß zu fassen und die Kultur des jüdischen Berlin zu einem integrierenden Teil der Stadtkultur werden zu lassen. Die jüdischen Bewohner des Scheunenviertels blieben Fremde, und zwar die ganze Zeit seines Bestehens hindurch - nicht erst in den 1930er-Jahren, als der aufkommende Nationalsozialismus die Ressentiments der deutschen Mehrheitsgesellschaft für seine Zwecke ausnutzte. Erfahrungen von Ausgrenzung und Gewalt waren daher die Regel, gezeigt wird aber auch, dass es Integrationsversuche und vereinzelt sogar echte Partizipationschancen gab. Diesem Gegensatz widmet die Autorin ihr letztes Kapitel, indem sie auf der einen Seite Erfolgsgeschichten jüdischen Ankommens und jüdischer Integration beschreibt, auf der anderen Seite aber auf die Folgenlosigkeit dieser Erfolge hinweist: Die Bewohner des Scheunenviertels blieben Fremdkörper. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, wie wenig bekannt im deutschen Bewusstsein bis heute allein schon die Existenz des Scheunenviertels ist.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Saß eine faszinierende Studie gelungen ist, die nicht nur durch ihre Detailtreue und Differenziertheit besticht, sondern bereits jetzt als Standardwerk über das jüdische Berlin gelten kann. Das Werk ist für die Zeichnung mindestens dreier großer Geschichtsnarrative von Bedeutung: erstens für die Geschichte der europäischen Judenheit und insbesondere ihrer Migrationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zweitens für die Stadtgeschichte Berlin und drittens für die deutsche Geschichte ganz allgemein. Das Buch zeigt eindrucksvoll auf, dass die immer noch in der Allgemeinheit verbreitete Konstruktion einer einheitlich deutschen Gesellschaft mit lediglich marginalen Randgruppen einer grundsätzlichen Revision bedarf.

Rüdiger Ritter