Rezension über:

Maximilian Eiden: Das Nachleben der Schlesischen Piasten. Dynastische Tradition und moderne Erinnerungskultur vom 17. bis 20. Jahrhundert (= Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte; Bd. 22), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012, X + 470 S., ISBN 978-3-412-20694-9, EUR 59,90
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Rezension von:
Norbert Conrads
Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Norbert Conrads: Rezension von: Maximilian Eiden: Das Nachleben der Schlesischen Piasten. Dynastische Tradition und moderne Erinnerungskultur vom 17. bis 20. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/25660.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Maximilian Eiden: Das Nachleben der Schlesischen Piasten

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Das polnische Königshaus der Piasten hatte sich im Mittelalter in mehrere Linien geteilt, deren dynastischer Hauptzweig 1370 in Polen erlosch. Seitdem lebten nur noch in Schlesien Herzöge piastischer Herkunft. Ihr Versuch zu eigener Landespolitik brachte sie in Kontakt und Konflikt mit ihren westlichen Nachbarn, bis sie ihre politische Eigenständigkeit verloren und zu Mediatherzögen der Krone Böhmen wurden. Mit dem Übergang Böhmens an das Haus Habsburg 1526 gerieten sie unter die Oberherrschaft des deutschen Königs und Kaisers, der die ihnen verbliebenen Souveränitätsrechte weiter beschnitt. Die Piasten reagierten darauf, indem sie die politischen und kulturellen Möglichkeiten des frühmodernen schlesischen Ständestaates nutzten und ausbauten, sich der Reformation anschlossen, eine eigene Hofkultur förderten und somit eine eigene Tradition ihrer Dynastie ausbildeten. Wie erfolgreich sie darin waren, sollte sich erweisen, als ihre Mediatherrschaft 1675 mit dem Tod des letzten schlesischen Piasten endete. Dieses Ereignis war politisch eher marginal, schuf aber ein emotionales Vakuum, das sich bald mit einem "Nachleben" füllte, das bis zur Gegenwart anhält. Die Fülle und Breite dieser Erinnerungskultur hat Maximilian Eiden in einer ungemein belesenen und erkenntnisreichen Studie ausgebreitet, die das Bild der schlesischen Geschichte um einen bisher wenig beachteten Aspekt bereichert.

Vor dem Nachleben stand das reale Leben der Piasten, das von Eiden gleich anfangs in seinen genealogischen Zusammenhängen und ikonografischen Themenstellungen vorgestellt wird. Dazu gehört die bemerkenswerte Feststellung, dass nur die schlesischen, genauer die niederschlesischen Piasten der letzten Generationen ein dynastisches Bewusstsein entwickelten, das zur Selbstbezeichnung als "Piasten" führte. Den älteren polnischen Königen gleicher Herkunft war dieser Begriff noch fremd, und wenn bei den späteren polnischen Königswahlen der Ruf nach Piasten laut wurde, so verstand man darunter Kandidaten allgemein polnischer Herkunft, im Unterschied zu den ausländischen. Den Liegnitz-Brieger Herzögen aber war der Verweis auf ihre königlich-polnische Abstammung ein "symbolisches Kapital" (63), mit dem sie erfolgreich zu wuchern wussten. Das eindrucksvollste Schaustück dieses dynastischen Anspruchs war die Torfassade der Brieger Residenz mit ihrer in Stein gehauenen Ahnenreihe, beginnend bei Stammvater Piast. Konkreter Anlass war die Eheverbindung zwischen Georg II. von Brieg und Barbara von Brandenburg im Jahr 1545. Davor lag die sogenannte "Hohenzollernsche Erbverbrüderung" von 1537, deren Anlass aber sicher nicht in der gegenseitigen Festigung der Reformation lag, denn Kurfürst Joachim II. von Brandenburg sollte erst 1539 zum Luthertum übertreten. Dessen ungeachtet erfuhr dieses Ereignis später eine politische und protestantische Überhöhung, die sich geradezu verselbständigte. Bemerkenswert aber war, wie sich im 17. Jahrhundert die Elite der schlesischen Dichter in den Dienst der piastischen Fürsten stellte und kein Geringerer als Daniel Casper von Lohenstein das Programm für das letzte Liegnitzer Mausoleum entwarf. Eine andere Frage ist hier, ob man dieses Mausoleum als "Hort der konfessionellen Identität" Schlesiens bezeichnen kann (92), wenn keiner der dort posierenden Fürsten dem Luthertum angehörte und die letzte Piastin gar zum Katholizismus konvertierte - zwar nicht 1680, aber doch 1687.

Was die Träger und Formen der Erinnerungskultur bis zum Ende des Hauses der Piasten angeht, so bestand für sie schon länger ein Interesse der Forschung. Die Erweiterung der Fragestellung auf das Nachleben der Piasten, mit anderen Worten die Instrumentalisierung dieses kulturellen Erbes, die konfessionelle, politische oder auch nationale Vereinnahmung oder Zurückweisung der piastischen Traditionen, haben aber erst durch dieses Buch eine solide Untersuchung erhalten. Hier liegt das Hauptverdienst des Verfassers, der in drei umfangreichen Kapiteln die Zeiträume bis 1806, bis 1918 und bis zur Gegenwart behandelt. Die Belege für dieses Nachleben finden sich in der preußisch geprägten öffentlichen Meinung nach 1740, in der kirchlichen Traditionsbildung beider Konfessionen, in der bürgerlichen Historisierung und Trivialisierung der schlesischen Geschichte, in der Vermarktung und Werbung, nicht zuletzt auch in der nationalsozialistischen Indoktrinierung. So lässt sich die schlesische Geschichte immer wieder aus der Sicht ihres Umganges mit dem Erbe der Piasten erzählen. Die herangezogenen Quellen und Autoren sind variabel und zahlreich, weil die niedere Literatur, die darstellende Kunst, die Festkultur und das Volksschauspiel ausgewertet werden. Das lässt sich im Einzelnen kaum referieren. Zentrale Themen sind die 1740 einsetzende Adaption des piastischen Erbes durch Preußen, was angesichts der fadenscheinigen Kontinuität eine erstaunliche Umdeutung darstellt. Die schlesische Eroberung veranlasste Friedrich II. zur Gewährung der Hedwigskirche in Berlin, die freilich nicht 1821, sondern erst 1930 zur bischöflichen Domkirche erhoben wurde (212). Immer wieder erscheinen die Figuren der heiligen Hedwig und ihrer Familie, insbesondere der Tod Heinrichs des Frommen bei Wahlstatt, in neuem Licht. Auch die Sicht auf die Verdienste der Piasten für oder gegen die deutsche und polnische Kultur wechselt je nach Zeit und Ort. Am Ende bemächtigte sich die nationalsozialistische Ideologie dieses Erbes. Sie deutete das Grabmal Heinrichs des Frommen in der Breslauer Vinzenzkirche als ein deutsches "Führergrab", das mithin dem ganzen deutschen Volke gehöre (340). Deshalb marschierten hier 1941 am Vorabend des Gedenktags von 1241 fackeltragende SS-Männer in die Kirche und Gauleiter Karl Hanke legte am "Heldengrab" Heinrichs II. einen Kranz nieder. Folgerichtig erhielt derselbe Herzog bald eine Art "Ariernachweis" (354), während eine interne Dienstanweisung veranlasste, den Gebrauch des Wortes "Piasten" und anderer davon abgeleiteter Bezeichnungen zum Verschwinden zu bringen. Eidens Buch ließe sich fortsetzen, denn natürlich haben die Piasten im heute polnischen Schlesien ein ganz neues und wiederum wechselndes Nachleben erfahren. Das ist dem Verfasser, der auch die einschlägige polnische Literatur kennt, natürlich bewusst, denn er versteht seine Gedächtnisgeschichte ohnehin als transnational und kulturgeschichtlich übergreifend. Das verdient alle Anerkennung.

Norbert Conrads