Rezension über:

Reno Stutz (Hg.): Erinnerungen der Louise Pogge 1799-1882 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Mecklenburg. Reihe C: Quellen zur mecklenburgischen Geschichte; Bd. 11), Rostock: Schmidt-Römhild 2014, XXVI + 209 S., ISBN 978-3-7950-3753-6, EUR 24,50
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Rezension von:
Martin Buchsteiner
Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Martin Buchsteiner: Rezension von: Reno Stutz (Hg.): Erinnerungen der Louise Pogge 1799-1882, Rostock: Schmidt-Römhild 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/25165.html


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Reno Stutz (Hg.): Erinnerungen der Louise Pogge 1799-1882

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Im Jahr 1938 erwarb die Bibliothek der Universität Rostock ein maschinenschriftliches Exemplar der Erinnerungen Louise Pogges, geborene Behm. Etwa ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, dem mecklenburgischen Gutsbesitzer Johann Pogge, hatte sie - darauf verweist zumindest eine Passage (vgl. 68) - begonnen, eine Geschichte der Familien Behm und Pogge zu schreiben. Abgeschlossen wurden die Erinnerungen - so vermutet es der Herausgeber Reno Stutz (vgl. VII / XV) - um 1870.

Als Adressaten hatte Louise Pogge "ausschließlich [...] ihre Kinder" vorgesehen (X). Schon früh scheinen ihre Erinnerungen jedoch ein breites Publikum gefunden zu haben. Neben fünf handschriftlichen Manuskripten konnte Stutz sechs maschinenschriftliche Exemplare ausfindig machen. Sämtliche Fassungen unterscheiden sich in Nuancen, zum Teil aber auch in ganzen Passagen voneinander. Louise Pogge war dies bereits bekannt. Einem Exemplar ließ sie einen Nachtrag anfügen, in dem sie einzelnen Stellen einer anderen Fassung widersprach (vgl. XI-XIII). Der Überlieferungsgeschichte wurde vor diesem Hintergrund ein eigenes Kapitel im einleitenden Teil der Edition gewidmet (X-XXVI). Die notwenige Rechercheleistung, die sich - weil leider aus Platzgründen auf eine detaillierte Schilderung der Geschichte der einzelnen Exemplare verzichtet wurde - hinter den nur wenigen Seiten verbirgt, ist enorm. Dass der Versuch einer textkritischen Analyse der verschiedenen Erinnerungsmanuskripte aufgegeben wurde, ist mit Blick auf den immensen Arbeitsaufwand und den geringen Nutzen verständlich.

Nicht ganz glücklich ist die Aufnahme des Punktes "Quellenbeschreibung" in das Kapitel, der im Grunde nur zwei, den Rahmen des Kapitels bildende Abschnitte umfasst: zum einen die kurzen einführenden Worte zur Biografie Louise Pogges und die das Kapitel beschließenden editorischen Anmerkungen. Günstiger wäre eine Verbindung mit dem Inhalt des einleitenden Kapitels "Vorbemerkungen und Danksagung", wobei hier freilich die Danksagung eine eigene Seite bekommen müsste. So angeordnet hätte sich die Quellenbeschreibung nur auf das anschließend editierte Manuskript zu beziehen, das dann anders als in der gewählten Weise stärker hätte thematisiert werden können. So bleiben die Argumente für die Edition der durch den Leiter des Rostocker Thünen-Archivs und Familienforscher Hermann von Wenckstern bearbeiteten Fassung dem Leser weitgehend verborgen. Dies ist umso bedauerlicher als die Vorlage des Wenckstern'schen Exemplars unbekannt ist. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, warum nicht die 20 Abbildungen des sich im Besitz des Urenkels Rüdiger Tielsch befindlichen Exemplars (XV; Auflistung XV / XVI) mit abgedruckt bzw. sich generell gegen eine eigene Edition auf der Grundlage der gesichteten Fassungen entschieden wurde.

Die Publikation des 1953 durch das Thünen-Archiv angefertigten Manuskripts, das ein eigenes Vorwort, ein den Erinnerungen nachträglich eine Struktur gebendes Inhaltsverzeichnis, kurze biografische Angaben zu Carl, Friedrich und Johann Pogge sowie ein Schlagwortregister enthält, ist natürlich reizvoll, da sie zugleich ein Zeugnis der spätestens ab 1933 und bis 1990 durch die Politik sehr stark beeinflussten Thünenforschung ist. Vor diesem Hintergrund wäre eine Einordnung des aus der Feder Hermann von Wencksterns stammenden Vorwortes mehr als wünschenswert. Es bleiben zudem einige aus heutiger Sicht schwierige Formulierungen unkommentiert. So formuliert Wenckstern etwa, man könne Personen "nur aus ihrer Umwelt [und] unter kritischer Würdigung der auf sie überkommenen Erbmasse" betrachten (6) oder spricht unreflektiert von "Volksgenossen" (8). Notwendig wäre auch eine Einordnung des ebenfalls wertenden Inhaltsverzeichnisses und des Schlagwortregisters, das beispielsweise den Punkt "Großgrundbesitz in Mecklenburg, feudalistischer, als Hemmschuh des Fortschritts" (182) enthält.

Die Entscheidung für eine "in einem vertretbaren Rahmen" bleibende Annotierung (XXVI) erweist sich jedoch nicht nur hier als problematisch. Die insgesamt 922 Fußnoten, die vor allem das "verwandtschaft- und bekanntschaftliche Beziehungsgeflecht" dokumentieren sollen (VIII), hätten ruhig - gerade was einzelne Personen oder die Erklärung "freisinnig" (165, Anm. 844) anbelangt - ausführlicher und um weiterführende Literatur ergänzt sein können.

Bei den Angaben zu den einzelnen Gütern wäre es gut gewesen, die Eigentumsverhältnisse sowie die Dauer des Besitzes mit aufzuführen. Bedauerlich ist die Anmerkung zum Thünen-Archiv (4, Anm. 10), die mit dem Jahr 1997/98 und dem Verweis auf die Neuerschließung im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das längst abgeschlossen ist, endet. Das Thünen-Archiv ist bereits seit längerem online recherchierbar sowie in Teilen digitalisiert und transkribiert im Internet verfügbar.

Neben Ergänzungen wäre auch die Aufnahme weiterer Annotierungen zu diskutieren, etwa hinsichtlich der Begriffe "Curatel" (27), "Faden" (64) und "Dammbrett" (16), der Abkürzungen "pp" und "cp" (40, 131, 133) oder des Hinweises darauf, dass die "Schweden [...] für alle Lieferungen in Mecklenburg gewissenhaft bezahlt" hätten (27).

Nur schwer nachzuvollziehen ist, warum offensichtliche Transkriptionsfehler (etwa: "aufzuweiten" statt "auszuweisen", 123; "Schutz" statt "Schatz", 165), sowie sämtliche Tippfehler (etwa: "res" statt "es", 128) beibehalten wurden. Eine Bereinigung wäre dem Lesefluss sehr dienlich gewesen und hätte weder den Wert noch die Authentizität der Quelle geschmälert.

Die Erinnerungen der Louise Pogge sind aus einem ihrer Zeit eigenen Wunsch entstanden, der Familie eine Geschichte und damit Orientierung zu geben (vgl. dazu 24f. und 164). Die Darstellung der "Wurzeln" der Familien Behm und Pogge verweist Stutz allerdings ins "Reich der Legenden" (VII). Ihren Wert erhält die Schrift, so der Herausgeber, dadurch, dass sie "nicht im Familiären verbleibt", sondern aus der Perspektive einer "Gutsbesitzerin und Mutter [...] einmalige Einblicke in die private Sphäre einer mecklenburgischen, bürgerlichen Gutsbesitzerfamilie des 19. Jahrhunderts" (VII) gibt. Wer nun jedoch Schilderungen von als rollentypisch geltender Erziehung und Tätigkeiten erwartet, wird enttäuscht. Über die Arbeit im Haushalt, die Geburt und Erziehung der Kinder oder intime persönliche Beziehungen finden sich kaum Hinweise. Der Leser erfährt lediglich, dass Louise Pogge als Kind Tanz- und Zeichenunterricht in Rostock erhielt und in der Wirtschaft, insbesondere beim Brotbacken und Kartoffelschälen, helfen musste (19f.). Darüber hinaus werden nur die Namen und die späteren Tätigkeiten ihrer Erzieherinnen genannt. Wenig ist auch über die Erziehung der eigenen Kinder nachzulesen. Sie hatten eine Hauslehrer, besuchten die Schule, erhielten eine landwirtschaftliche und militärische Ausbildung und übernahmen ein Gut (68-71). Etwas ausführlicher und aufschlussreich ist die Beschreibung des Zusammenkommens mit Johann Pogge, der zunächst "nur blöde und still" zu ihr war (34). In ihren Erinnerungen legt Louise Pogge Wert darauf, nicht wie die meisten in ihrem Umfeld in die Ehe gedrängt worden zu sein. Sie bestimmte, ähnlich wie eine ihrer Schwestern (27f.), selbst und lehnte das Werben Pogges zunächst ab, ehe sie ihn dann doch heiratete (34-37). Auf diese Weise dokumentieren die Erinnerungen nebenbei auch das Frauenbild und das durchaus unterschiedliche Selbstverständnis der Frauen. Dass auch Louise Pogge die in der Retroperspektive von ihr geschilderten Männer nach deren Vermögen bewertet, verdient in diesem Zusammenhang Erwähnung.

Den weitaus größten Teil nehmen in den Betrachtungen Louise Pogges, die Erinnerungen an ihren Mann ein, die den Anspruch einer "gewiß der Wahrheit getreuen Schilderung" (164) haben und wie die anderen Bereiche sehr faktengesättigt geschrieben sind. Es überraschen dabei die Kenntnisse über Preisverhandlungen und Preise der Güter, einzelne landwirtschaftliche Versuche und Verfahren, die Kosten für Vieh und deren Verkaufserlöse usw. Louise Pogge lebte in einem über all diese Fragen lebhaft diskutierenden Kreis. Die einzelnen Punkte waren Thema "bis zum Überdruß" (89) und Inhalt häufig gebrauchter Anekdoten. Hinzu kam, dass Louise Pogge auf dem Gut die Rechnungsführung, die Sonntagslöhnung sowie den Branntweinverkauf übernahm (72), Schreibarbeiten für die von ihrem Mann zeitweise geführte Regionalgruppe des Mecklenburgischen Patriotischen Vereins erledigte (63), die landwirtschaftlichen Versuche ihres Mannes dokumentierte (115), wohl auch seine Aufsätze abschrieb und nicht zuletzt die Listen über die bei den Auktionen zu verkaufenden Schafböcke, in die Woll- und Körpergewicht, Wollproben, Fettigkeitsgehalt etc. eingetragen wurden, anfertigte (99). Ebenso wie in diesen enthielt Pogge seiner Frau auch in allen anderen Angelegenheiten "nicht das Geringste vor" (179). Er war "sehr gewohnt, alles was ihn betraf, mit mir durchzusprechen", insbesondere "wenn wir abends allein waren" (174; vgl. dazu auch 134). Dass Louise Pogge einbezogen wurde, verdeutlichen auch einzelne Passagen, in denen es heißt: "Wir haben verschiedene Versuche angestellt" (103f.). Bei der Herstellung von Netzen für die Wollwäsche (99) und dem Verlegen der ersten Drainage (122) wirkte sie ebenfalls mit. Darüber hinaus forcierte sie selbst Neuerungen, etwa die Installation einer "eiserne Pumpe mit Röhrenleitung nach der Küche", die sie ihrem Sohn - der sonst wohl das Wasser zu holen hatte - 1855 zum Geburtstag schenkte oder den Bau eines Brunnens für die Dorfleute (79). Dass sich Louise Pogge derart einbrachte, lag nicht zuletzt in ihrer Sozialisation begründet; ihre Mutter, Justina Taddel, führte das Gut ihres Mann, der aufgrund seiner Schulden als Pächter abgelehnt worden war (19).

Soviel über das Prozedere und die Details einzelner Gutskäufe, Anbauversuche, die Viehwirtschaft und Auktionen zu erfahren ist, so wenig Informationen bietet Louise Pogge in Bezug auf die zur Ausbildung auf das Gut geschickten Jungen, die Dienstmädchen (für die Nennung vgl. 72f.) und die Bauern, die Johann Pogge im Interesse des wirtschaftlichen Erfolges, auf einzelnen Gütern ansiedeln ließ (vgl. 47, 74). "Hinweise auf die Arbeit der [...] Häusler, Büdner, Handwerker und Tagelöhner fehlen", so auch Stutz in seiner Einleitung, "völlig" (VIII).

Neues ist jedoch über die Person und das Wirken Johann Pogges zu erfahren und das obwohl die in den 1950er-Jahren entstandene und 1992 für einen weiteren Kreis publizierte Schrift von Gertrud Schröder-Lembke über "Carl Pogge und seine Söhne" die Erinnerungen bereits mit ausgewertet hat. [1] Ergänzungen bietet die Edition vor allem mit Blick auf die Ausbildung Johann Pogges beim Militär, an der Universität und bei seinem Vater, der ihm das "Schreib- und Rechenwesen" für die Schlieffensche und Hessensteinsche Güter übertrug (46f.). Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn (etwa 89), die vielfältigen Aktivitäten Pogges als Vormund und damit auch als Betriebsleiter mehrerer (fremder) Güter (129-163), die Akteure und Partner des sogenannten "agrarhistorischen Dreiecks" (vgl. etwa 48, 66, 92, 98, 115) und die Beziehungen der Familie zum Großherzog, der Pogge sogar "im Schlafrock" empfangen haben soll (179; vgl. auch 100, 119), das alles sind weitere Punkte, die durch die Edition erhellt werden und zu Korrekturen älterer Arbeiten führen können.

Die die Erinnerungen beschließende Beschreibung des von Wenckstern als "öffentliches Wirken" betitelten politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements Johann Pogges dokumentiert einerseits die bekannte bürgerliche Kritik am ständischen Landtag, wonach dieser willkürlich (165), langsam und am öffentlichen Interesse vorbei arbeite (166; vgl. auch 110, 113). Andererseits enthält sie neben Skizzierungen einzelner Regierungsbeamter (zu Dewitz vgl. etwa 56) vor allem Charakterisierungen der Mitglieder der bürgerlichen Opposition (zu Stever vgl. etwa 168) sowie Informationen zu deren Arbeitsweise (166-170), politischen Vorhaben (vgl. etwa 107, 172) und Widersprüchen untereinander (vgl. etwa 174, 178). Sie sind durch Mathias Manke im letzten Band des Thünen-Jahrbuches bereits gewinnbringend ausgewertet und in Teilen korrigiert worden. [2]

Mit Blick auf die Person Johann Pogges liefern die Erinnerungen eine schöne Erklärung für den Austritt Pogges aus dem Mecklenburgischen Patriotischen Verein im Jahr 1852. Louise Pogge zufolge war es für ihren Mann, der jegliche öffentliche Ehrung ablehnte, die einzige Möglichkeit, nicht an dem für das Jahr geplanten Festumzug teilnehmen zu müssen (119f.). Dass Louise Pogge diese Eigenschaft schätzte und die Tugenden ihres Gatten, wohl wissend, "in den Verdacht der Parteilichkeit und d[er] Übertreibung seiner Verdienste kommen" zu können, (129) in den Erinnerungen preist (vgl. etwa 105, 117, 122, 155), erklärt sich aus dem Anliegen der Schrift, der Familie Orientierung und zugleich ein "Beispiel [...] von Uneigennützigkeit und Selbstverleumdung" geben zu wollen. Gleichwohl findet sich aber auch Kritik an Johann Pogge, der oft die "Proben [seiner landwirtschaftlichen Versuche - M.B.] mit in sein Zimmer" nahm, "wodurch oft viel Staub, Schmutz und Geruch ins Haus gebracht" wurde (115). Beklagt wird auch die viele Schreibarbeit, die, neben dem Schreiber und Aktuar, "meine Kinder und ich oft Tage lang, nicht selten noch bis in die Nächte hinein" zu erledigen hatten (163f.). Am bittersten war Louise Pogge allerdings die Übernahme der vielen Vormundschaften, die "große Summen" kosteten (135). Ihre Bemühungen, "dergleichen zu stören" (135), denn dann "hätten meine Söhne Millionäre sein können" (164), blieben jedoch erfolglos.

Die Erinnerungen Louise Pogges bieten, das ist deutlich geworden, eine große Informationsfülle, die, wie Stutz einleitend hervorhebt, "Agrarhistoriker[n], Genealogen und Ortschronisten" (VII) vertiefende Einblicke ermöglicht. Die begonnene Aufzählung ließe sich problemlos ergänzen, etwa wenn der Fokus auf die Rolle und Tätigkeit von Frauen als Gutsbesitzerinnen gelegt werden würde. Mit der von Stutz herausgegebenen Edition liegt nun endlich eine seltene, vielleicht sogar einzigartige Quelle für das 19. Jahrhundert vor. Wurden eingangs Wünsche in Bezug auf die Einführung und die Annotation geäußert, soll abschließend das Verdienst des Herausgebers, eine den Band abschließende Familientafel sowie ein Personen- und Ortsregister erstellt zu haben, hervorgehoben werden. Sie erleichtern den Zugang zur Quelle ungemein und sind geeignet, sie - was nur zu wünschen ist - einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Gertrud Schröder-Lembke: Carl Pogge und seine Söhne. Ein Beitrag zur mecklenburgischen Agrargeschichte in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, Holtsee 1922.

[2] Vgl. Mathias Manke: Reform, Revolution, Resignation. Das politische Wirken des bürgerlichen Gutsbesitzers Samuel Schnelle auf Buchholz (1803-1877), in: Thünen-Jahrbuch 8 (2013), 135-192.

Martin Buchsteiner