Rezension über:

Tassilo Erhardt (Hg.): Sakralmusik im Habsburgerreich 1570-1770 (= Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte; Bd. 824), Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2012, 348 S., ISBN 978-3-7001-6946-8, EUR 51,90
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Rezension von:
Andreas Waczkat
Musikwissenschaftliches Seminar, Georg-August-Universität, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Waczkat: Rezension von: Tassilo Erhardt (Hg.): Sakralmusik im Habsburgerreich 1570-1770, Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/24413.html


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Tassilo Erhardt (Hg.): Sakralmusik im Habsburgerreich 1570-1770

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Das Musikleben am Wiener Kaiserhof hat die musikhistorische Forschung schon seit ihren Anfängen beschäftigt. So widmete die von Guido Adler, dem späteren Wiener Ordinarius für Musikwissenschaft, begründete Reihe "Denkmäler der Tonkunst in Österreich" gleich mit ihren ersten Bänden seit 1892 den "Musikalischen Werken der Kaiser" und konnte dazu auch schon auf verschiedene Vorarbeiten zurückgreifen. Dass es sich dennoch lohnt, diesen Gegenstand immer wieder aufs Neue in den Blick zu nehmen, dokumentiert der hier zu besprechende Sammelband sehr überzeugend, nicht zuletzt, da er einerseits die Perspektive auf die Sakralmusik und ihre Kontexte konzentriert, andererseits die Sicht über Wien hinaus auf das gesamte Habsburgerreich erweitert.

Im Kern geht er auf eine 2009 in Middelburg veranstaltete Tagung zurück, die die historischen Grenzmarkierungen mit dem Regierungsantritt Ferdinands II. im Jahr 1619 sowie dem Tod Karls VI. im Jahr 1740 gezogen hat und damit jene Zeitspanne umfasst, für die der oft geschmähte, in diesem Fall aber gewiss nicht unpassende, Begriff "Barock" in Anspruch genommen werden kann. Es ist die Zeit der Hofkapellmeister von Giovanni Priuli (Hofkapellmeister seit 1619) bis Johann Joseph Fux (Kapellmeister von 1715 bis zu seinem Tod 1741); eine Zeit, in der nicht zuletzt das Wirken italienischer Musiker nördlich der Alpen von häufig entscheidender Bedeutung gewesen ist. Für die Buchpublikation wurden diese historischen Grenzen geringfügig erweitert, indem in einem Beitrag von Erika Honisch der Prager Hof Rudolfs II. (1576-1612) zur Kontextualisierung herangezogen wird und in einem anderen Beitrag von Alison Dunlop nach den Zuschreibungen verschiedener geistlicher Werke an Gottlieb Muffat gefragt wird, der von 1717 bis zu seiner Pensionierung 1764 als kaiserlicher Hoforganist wirkte. Auch Guido Erdmanns Aufsatz über den Hofviolinisten Filippo Salviati und dessen Beiträge zur Wiener Gradualsonate reicht historisch bis in das Jahr 1766 und verklammert damit die Zeit Karls VI. mit der seines Nachfolgers Karl VII.

Dass ein solcher Sammelband eine Gesamtschau der Sakralmusik im Habsburgerreich bestenfalls punktuell leisten kann, liegt in der Natur der Sache. Die Heterogenität der einzelnen Beiträge ist ebenso unvermeidlich wie die Lücken, die schon ein Blick in das hilfreiche Register offenbart: zum ersten Hofkapellmeister Priuli findet man dort gar keinen Eintrag, zu seinem Nachfolger Giovanni Valentini nur einen einzigen. Besonders ausführlich gewürdigt wird dagegen Fux in fünf Beiträgen am Beginn des Bandes: Harry White untersucht perspektivenreich das Konzept der "musical servitude" und dessen Tauglichkeit für das Verständnis der Werke Fux' wie auch der Sakralmusik im Kaiserreich insgesamt, Thomas Hochradners Beitrag ist ein Bericht über die Arbeit am (noch nicht abgeschlossenen) Fux-Werke-Verzeichnis, der am Beispiel der zweifelhaften Zuschreibungen nach Fux' Komponistenprofil fragt. Mattias Lundberg und Erick Arenas analysieren Genese und Nachwirkung des von Fux gleichsam für die Habsburger Sakralmusik kanonisierten stile antico, für den Fux auch als Musiktheoretiker den Grund in seiner Kontrapunktlehre "Gradus ad Parnassum" gelegt hat. Die Rezeption dieser Schrift in den Leipziger musikalischen Kreisen um Johann Sebastian Bach ist ihrerseits Gegenstand des Beitrags von Albert Clement.

Sehr anregend sind die Beiträge von Andrew H. Weaver und Jen-Yen Chen, die nach der Funktion der Sakralmusik für die politisch-religiöse Machtrepräsentation des Habsburgerreichs fragen. Weaver wendet sich dabei der Situation in Wien am Ende des Dreißigjährigen Kriegs zu, während Chen die Verbreitung von "Tugendmessen" (" 'virtue' masses") im gesamten Reich untersucht: Das sind Kompositionen, die beispielsweise als Missa Benignitatis, Missa Devotionis oder Missa Humilitatis eine der christlichen Tugenden in ihrem Titel nennen.

Vier Beiträge von Hermann Seifert, Tassilo Erhardt, Marko Deisinger und Johannes Prominczel widmen sich danach Aspekten der Wiener Sakralmusik aus vornehmlich philologischer Sicht. Janet K. Page rückt das äußerst erstaunliche, bislang weitgehend unbekannte Repertoire an sepolcri aus Wiener Nonnenkonventen in den Fokus, Geraldine M. Rohling steuert eine eher faktenorientierte Dokumentation der Vesper zum Titularfest der Wiener Cäcilienbruderschaft 1726 bei.

Am Schluss des Bandes gilt der Blick dann in sechs Beiträgen anderen Territorien und demonstriert die kulturelle Einheit des Habsburgerreichs. Robert Rawson und Viktor Velek thematisieren Aspekte der tschechischen Heiligenverehrung, Jana Spáčilová schaut auf die Überlieferung von Kirchenmusik Wiener Komponisten in Mähren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Peter Holman untersucht die Funktionen instrumentaler Ensemblemusik in mitteleuropäischen Kirchen, Claudio Bacciagaluppi die Verbreitung des Repertoires neapolitanischer geistlicher Musik im Habsburgerreich und Stefanie Beghein lenkt schließlich den Blick auf die Kirchenmusik in Antwerpen während der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg und unter österreichischer Herrschaft.

Die Heterogenität der Beiträge in diesem Sammelband spiegelt sich nicht zuletzt auch in ihrem Anregungspotenzial. Fragen nach dem Verhältnis von Dauer und Wandel, wie sie etwa Tassilo Erhardt in seiner Studie über die immens lange Lebensdauer eines Introitus-Zyklus von Antonio Bertali und Giovanni Felipe Sances aufwirft, rufen förmlich nach monographischer Vertiefung, während man andere Beiträge eher aufgrund ihres Informationsgehalts zur Kenntnis nimmt, ohne den darin aufgezeigten Spuren eine mehr als die Fakten klärende Funktion zusprechen zu wollen. Dass sich der Titel des Sammelbandes damit nur als Label eines eigentlich zu großen Gefäßes erweist, liegt dabei ebenfalls in der Natur solcher Vorhaben begründet und kann kein Gegenstand von Kritik sein. Die aufgezeigten Perspektiven machen vielmehr deutlich, dass die Sakralmusik im Habsburgerreich die - längst nicht nur musikhistorische - Forschung noch für lange Zeit beschäftigen kann und wird.

Andreas Waczkat