Rezension über:

Martin Gaier: Heinrich Ludwig und die "ästhetischen Ketzer". Kunstpolitik, Kulturkritik und Wissenschaftsverständnis bei den Deutsch-Römern (= Studien zur Kunst; 29), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013, 445 S., 31 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-21046-5, EUR 54,90
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Rezension von:
Doris H. Lehmann
Kunsthistorisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Doris H. Lehmann: Rezension von: Martin Gaier: Heinrich Ludwig und die "ästhetischen Ketzer". Kunstpolitik, Kulturkritik und Wissenschaftsverständnis bei den Deutsch-Römern, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/23595.html


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Martin Gaier: Heinrich Ludwig und die "ästhetischen Ketzer"

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Das Buch, mit dem Martin Gaier seine Habilitationsschrift vorgelegt hat, ist eine mit überraschenden neuen Erkenntnissen aufwartende quellenfundierte Studie zu "bislang wenig beachteten außerwissenschaftlichen und besonders antiwissenschaftlichen Diskurse[n] über Kunst und Kulturpolitik nach der deutschen Reichsgründung." (12) Gaiers Untersuchung der "ästhetischen Ketzer" und ihrer kulturkritischen Äußerungen ist weitaus mehr als die "Kehrseite der Medaille" (12) der Institutionalisierung der Wissenschaft Kunstgeschichte in den 1870er- und 80er-Jahren. Behandelt werden auf 445 Seiten (inklusive Dokumentenanhang und Namensregister) nicht allein die im Untertitel genannten Aspekte der Kunstpolitik, Kulturkritik und Wissenschaftsgeschichte, sondern auch Ansichten zu Kunsttheorie und Maltechnik.

Ausgangspunkt von Gaiers Betrachtungen sind die Schriften und bislang unerforschten Korrespondenzen des von ihm wiederentdeckten deutschrömischen Landschaftsmalers und Kunstschriftstellers Heinrich Ludwig (1829-1897). In Bezug auf dessen Person tilgt die Monografie einen blinden Fleck in der retrospektiven Wahrnehmung der sogenannten Deutsch-Römer. Was der Verfasser mit einer wunderbaren Analyse von Ludwigs Porträtfotografie einleitet, entpuppt sich so als Revision des Forschungsstandes par excellence. Die ursprüngliche Absicht "einen unbekannten und scheinbar wenig involvierten, aber gut durch bisher unerforschtes Material dokumentierten Zeitzeugen in Bezug auf einen Komplex bisher wenig beachteter Probleme zu befragen" (12), mündete so in die Aufdeckung facettenreicher Hintergründe, die in der Gesamtschau ein aktualisiertes Geschichtsbild ergeben.

Der umfangreiche Anhang enthält neben dem Quellen- und Literaturverzeichnis 31 schwarz-weiße Abbildungen auf 22 Tafeln sowie einen Überblick über Ludwigs malerisches und zeichnerisches Werk: "Ansätze zu einem Katalog seines weitgehend verschollenen Œuvres" (337-341). Er birgt zudem ausgewählte Abschriften von Korrespondenzen zwischen Heinrich Ludwig und Adolf Friedrich Graf von Schack einerseits (342-349) und François Wille andererseits (350-388). Nur zwei dieser Briefe waren zuvor in Auszügen publiziert. Die Kommentierungen Gaiers ergänzen "Namen und Dinge, die im Text nicht Erwähnung finden." (342)

Das Buch enthält zunächst eine vergleichende Biografie des bislang wohl nur wenigen Experten durch seine Übersetzung von Leonardo da Vincis Malereitraktat oder seine Petroleumfarben bekannten Heinrich Ludwig und seines älteren Bruders Carl (1816-1895), dem als Wegbereiter der "organischen Physik" berühmten Physiologen (19-71). Mit den so gebotenen Einblicken arbeitet Gaier die Besonderheiten der wissenschafts- und kulturkritischen Haltung seines Protagonisten sowie die Wechselwirkungen mit den Sinnfragen des Naturwissenschaftlers heraus (21); ergänzt wird dieser Teil durch das Unterkapitel "Familie, Künstlerfreunde und Mäzene" (72-98). Die "zweigleisige" Biografie wäre durchaus eine separate Publikation wert gewesen, die gewiss einen weiteren Rezipientenkreis erschlossen hätte: Gaiers wissenschaftsgeschichtlicher Blick über den Tellerrand hin zu den Naturwissenschaften hätte so auch umgekehrt fruchtbar werden können.

Der zweite Teil der Monografie gliedert sich in drei weitere große Kapitel. Mit Konzentration auf die Bedeutung der römischen Casa Bartholdy für die deutsche Kulturpolitik untersucht Gaier "den Anteil Ludwigs und seines Kreises an kunstpolitischen, kulturkritischen und kunstwissenschaftlichen Fragen" (99-164). Anschließend behandelt er dessen Mitgliedschaft in der "Sekte" Karl Hillebrands, dem Verfasser der "Briefe eines ästhetischen Ketzer's" (165-240). Abschließend widmet er sich den theoretischen Ambitionen des wenig erfolgreichen, aber maltechnisch äußerst versierten Landschaftsmalers als Kunstlehrer (241-334).

Hervorzuheben sind die neuen Einblicke, die Gaier dem Leser bietet. Viele hiervon gewinnt er durch die kritische Durchsicht der lange unerforschten Akte zur Casa Bartholdy: eine Archivalie der Berliner Nationalgalerie (103). [1] Andere verdanken sich seiner Identifizierung von Heinrich Ludwig als dem Autor bislang anonymer Polemiken zur Reform der Organisation der preußischen Kunstakademien und der - von Ludwig erhofften - Gründung einer deutschen Akademie in Rom eben in der Casa Bartholdy (Palazzo Zuccari, heute Bibliotheca Hertziana). Geradezu spektakulär sind die durch Gaier enthüllten Hintergründe einer von ihm rekonstruierten Intrige. Die "eigentliche Großtat" des ersten Direktors der Berliner Nationalgalerie, Max Jordan, die "Rettung" der Fresken des Lukasbundes um Johann Friedrich Overbeck als "Erstlinge monumentaler deutscher Kunst" und deswegen nationale Denkmäler, entlarvt Gaier als "die geschickte Inszenierung fiktiver Käuferkonkurrenzen" (133, 136f.). Demnach war die Heimholung ein strategischer Akt der Sammlungsergänzung, um der zu eröffnenden Berliner Nationalgalerie "ein noch fehlendes Hauptwerk 'klassischer' deutscher Kunst des 19. Jahrhunderts zu beschaffen." (137)

Mit dem umfänglich ausgewerteten Quellenmaterial bringt der Autor seine Protagonisten selbst zum Sprechen. Schade ist allerdings, dass die lesenswerte Erzählung Gaiers stellenweise unter den ausführlichen Zitaten leidet. Es wäre ein doppelter Gewinn gewesen, wenn er selbst den Hergang wiedergegeben und den Anhang um weitere vollständige Briefabschriften bereichert hätte (143, 146, 150, 154f., 158, 159).

Spannende Ansatzpunkte ergeben sich aus Gaiers Ausführungen zu der Verbreitung von Ludwigs Gedankengut, etwa dem Kontakt mit Rudolf von Eitelberger, dem Berater des österreichischen Kultusministers bei der Reform der Wiener Akademie der bildenden Künste und der damals aktuellen Berufung Anselm Feuerbachs (109). [2]

Gaiers Darlegungen sind fundiert belegt und sehr überzeugend. Stellenweise mag man zwar zu anderen Ansichten gelangen, etwa wenn es um Hillebrands Selbststilisierung und sein Engagement bei der Publikation von Ludwigs Manuskript "Über Erziehung zur Kunstübung und zum Kunstgenuss" geht (167-180). Ob Hillebrand, der voller Stolz meinte, eine Zuschrift als Lobeshymne Nietzsches entlarvt zu haben (172), wirklich Ludwig als Autorität über sich stehen sah, wie Gaier folgert (181), und den Kollegen als solche etablieren wollte, oder ob er ihn nicht vielleicht als potentiellen Konkurrenten fürchtete, ist eben Auslegungssache.

Gaiers Quellenstudium hat Erstaunliches und Wissenswertes zu Tage gefördert. Problemlos hätte er sein Material statt kompakt in einem Buch in drei separaten Publikationen ausbreiten können: eine Doppelbiografie, eine fundamentale Studie zu den Kunstdiskursen des 19. Jahrhunderts und eine kritisch kommentierte Quellenedition. Seine Ergebnisse verdienen es, auch über die Fachgrenzen hinaus Beachtung zu finden.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Peter Vignau-Wilberg: Die Lukasbrüder um Johann Friedrich Overbeck in Rom und die Erneuerung der Freskomalerei (= Kunstwissenschaftliche Studien; Bd. 168), München 2011, 55-58; Martin Gaier: Fresken für Preußen um jeden Preis: Ein Intrigenspiel um die Casa Bartholdy aus dem Jahr 1875, in: Der Palazzo Zuccari und die Institutsgebäude 1590-2013 (= 100 Jahre Bibliotheca Hertziana; Bd. 2), München 2013, 214-221, 354-355.

[2] Rudolph Eitelberger: Künstlerbild im heutigen Rom, in: Wiener Abendpost, Beilage zur Wiener Zeitung, 16.4.1873, 692f.

Doris H. Lehmann