Rezension über:

Maximilian Schuh: Aneignung des Humanismus. Institutionelle und individuelle Praktiken an der Universität Ingolstadt im 15. Jahrhundert (= Education and Society in the Middle Ages and Renaissance; Vol. 47), Leiden / Boston: Brill 2013, XIII + 286 S., ISBN 978-90-04-23095-8, EUR 101,00
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Rezension von:
Melanie Bauer
Freilichtmuseum Glentleiten des Bezirks Oberbayern, Großweil
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Melanie Bauer: Rezension von: Maximilian Schuh: Aneignung des Humanismus. Institutionelle und individuelle Praktiken an der Universität Ingolstadt im 15. Jahrhundert, Leiden / Boston: Brill 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/23434.html


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Maximilian Schuh: Aneignung des Humanismus

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Die Beschäftigung der Geschichtsforschung mit dem Humanismus an der Universität Ingolstadt hat eine lange Tradition. Allerdings konzentrierte sie sich bisher auf die Zeit ab dem Erscheinen des deutschen "Erz-Humanisten" Konrad Celtis in der Stadt an der Donau im Jahr 1492.

Scheinbar erst ab seinem Auftritt an der landesherrlichen Alma Mater zog das Gedankengut der neuen Geistesströmung dort ein. Maximilian Schuh fragt in seiner unter anderem an der Universität Münster entstandenen Dissertation nun nach der Zeit vor Celtis' Aufenthalt an der jungen Universität. Er untersucht das Aufscheinen humanistischen Gedankenguts in den 20 Jahren zwischen dem Beginn des Lehrbetriebs 1472 und 1492. Unter dem Titel "Aneignungen des Humanismus" verbirgt sich nach Schuh sowohl eine "Inbesitznahme geistiger oder materieller Güter als auch [...] Gebrauchsweise von Wissensformen, Fähigkeiten und Praktiken" (32).

In seiner Studie konzentriert Schuh sich auf die artistische Fakultät, da sie die zahlenmäßig bei Weitem größte "universitas" an der Ingolstädter Hochschule darstellte. Im Einzelnen werden das Personal, die institutionellen Grundlagen (Statuten, Lehrpläne), die Universitätseinrichtungen (Lehrstühle, Bibliothek) sowie "individuelle Aneignungen" in Form von Schrift, Buchbesitz, Glossierungen et cetera in den Blick genommen. Eine Vielzahl von ediertem und unediertem Quellenmaterial bietet hierbei die Grundlage, vor allem Handschriften sind ein wichtiges Fundament der Arbeit.

Den ersten Untersuchungsgegenstand der Studie bilden das artistische Lehrpersonal und die Inhaber der Poetiklektur mit ihrer jeweiligen akademischen Sozialisation. Die Poetiklektur stand mit ihren Vorlesungsangeboten in der untersuchten Zeit noch außerhalb des Pflichtprogramms für die Studenten.

Mit der Betrachtung der akademischen Herkunft der Professoren blickt Schuh über den Tellerrand seines eigentlichen Untersuchungsgegenstands hinaus und bezieht Bewegungen an anderen Orten im Reich mit ein. An den Beispielen von Martin Prenninger, Johannes Tolhopf und Erhard Windsberger wird aufgezeigt, dass die älteren Hochschulen im Reich (wie etwa Wien, Leipzig und Basel) wichtige Sozialisationsorte für Personen mit humanistischen Interessen gewesen sind. Der beschriebene Lebensweg von Paul Lescher wiederum lässt den Humanisten Niklas von Wyle als möglichen Vermittler des "neuen" Gedankenguts an den jungen Esslinger Lescher aufscheinen. In den Anfangsjahren der Ingolstädter Artistenfakultät spielte eine in Italien erfolgte akademische Prägung noch kaum eine Rolle.

Unter der Überschrift "Institutionelle Aneignungen des Humanismus" nimmt sich Schuh die Fakultätsstatuten sowie die Lehrpläne für den Rhetorik- und Grammatikunterricht vor, da er in diesen beiden Fächern die größten Schnittmengen zwischen den sieben freien Künsten und den "studia humanitatis" sieht. Die Datierung der Statuten kann er hierbei präzisieren.

Für den Rhetorikunterricht wird deutlich, dass dort schon früh "selbstverfasste Werke mit humanistischer Schwerpunktsetzung" (107) sowie die "Elegantiolae" des Sienesen Augustinus Datus gelesen wurden. Dem spätantiken Autor Priscian wurde mit seinen "Institutiones grammaticae" im Grammatikunterricht der Vorzug vor dem "Doctrinale" des Alexander de Villa Dei gegeben.

Im nächsten Schritt untersucht Schuh den Bibliotheksbestand der Artistenfakultät, soweit er noch fassbar ist. Gezielt fragt er nach Werken der Antike sowie humanistischer Literatur. Da die Bibliothek zunächst nur für die Magister und nicht für die Studenten zugänglich war, finden sich dort hauptsächlich Werke für ein Studium der höheren Fakultäten Jurisprudenz, Medizin und Theologie, dem sie häufig nachgingen. Unter der Katalogrubrik "In oratoria, poesi et historiis" finden sich jedoch 35 Einzeltitel mit Schriften antiker und italienischer Autoren. Über die Hälfte dieser Werke stammte aus einer Schenkung des Johannes Tröster.

Im letzten großen Kapitel (161-227) geht es schließlich um individuelle Aneignungen humanistischen Gedankenguts. Schuh untersucht hier eingangs das rhetorische Lehrbuch von Paul Lescher im Hinblick auf "altes und neues Wissen" (162-165) und konstatiert ein Nebeneinander von scholastischer und humanistischer Tradition, das sich vor allem an den Bedürfnissen der Studenten orientierte und als Kulturtransferprozess zu verstehen sei (173). Für eine Aneignung des Humanismus von studentischer Seite aus befasst Schuh sich mit von den Universitätsbesuchern angelegten und genutzten Anthologien (174-194). Vor allem das Vorkommen der "Elegantiolae" dient ihm hierbei als Gradmesser. Die Betrachtung der Glossierungen dieses Textes bringt zutage, dass den Studenten so "Möglichkeiten geboten [wurden], ihre lateinische Ausdrucksfähigkeit [...] zu verbessern" (196/198), wobei "ein humanistisches Gesamtprogramm [...] nicht nachzuweisen [sei]." (203) Jedoch: "Die Verbesserung der Lateinkenntnisse [...] war dabei kein Privileg elitärer Humanistenzirkel." (203) Bei der Untersuchung des Buchbesitzes Ingolstädter Universitätsangehöriger kommen schließlich zwar keine "Humanistenbibliotheken" zum Vorschein, doch besaß fast jeder einzelne Werke antiker oder zeitgenössischer humanistischer Autoren. Auch eine Übernahme neuer Schriften aus Italien ließ sich in den Akten der Artistenfakultät nicht nachweisen, einzelne Aneignungen von Elementen der Humanistica jedoch schon.

Betrachtet man nur jeweils einzelne Aspekte der Untersuchung, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die von Schuh festgestellten "Aneignungen des Humanismus" an der Artistenfakultät in Ingolstadt eher als "dürftig" zu bezeichnen wären. Die Vielzahl der angeführten Hinweise auf solche Aneignungen lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass humanistische Strömungen bereits vor Konrad Celtis' Eintreffen in Ingolstadt vorhanden waren und der "Erzhumanist" einen bereiteten Boden vorfand.

Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, den Untertitel der Untersuchung zu ergänzen um den eigentlichen Untersuchungsgegenstand, nämlich die Artistenfakultät und nicht die gesamte Ingolstädter Hochschule. Einige kleinere Ungereimtheiten wie die Ansicht, dass Johannes Riedner durch Armut charakterisiert werden kann, weil er seine Verwandten während des Studiums um Geldzuwendungen bat, schmälern den positiven Gesamteindruck nach der Lektüre von Maximilian Schuhs vorgelegter Arbeit nicht. Sie besticht nicht zuletzt durch ihre klare Gliederung, ihre gute Lesbarkeit und erfrischende Knappheit. Die Argumentation ist klug und schlüssig, die Interpretation der Quellen weitsichtig und ausgewogen vorgenommen worden. Mit seiner Studie schließt Maxmilian Schuh auf souveräne Weise eine Lücke in der Erforschung der Frühzeit der Universität Ingolstadt.

Melanie Bauer