Rezension über:

Deborah Howard / Laura Mauretti (eds.): The Music Room in Early Modern France and Italy. Sound, Space and Object (= Proceedings of the British Academy; 176), Oxford: Oxford University Press 2012, XVII + 339 S., 78 Abb., ISBN 978-0-19-726505-5, GBP 65,00
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Rezension von:
Joachim Iffland
Musikwissenschaftliches Seminar Detmold / Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Sigrid Ruby
Empfohlene Zitierweise:
Joachim Iffland: Rezension von: Deborah Howard / Laura Mauretti (eds.): The Music Room in Early Modern France and Italy. Sound, Space and Object, Oxford: Oxford University Press 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/23391.html


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Deborah Howard / Laura Mauretti (eds.): The Music Room in Early Modern France and Italy

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"The spatial context of music-making has fallen between the cracks in academic research." (1) Deborah Howard weist gleich zu Beginn und unmissverständlich auf ein Defizit hin, welches es in der Musikwissenschaft aufzuarbeiten, welche "Risse" es zu schließen gilt. [1] Denn Musizieren - so Howard weiter - sei nicht vom physikalischen Kontext des Raums beziehungsweise von Angelegenheiten architekturgeschichtlicher Betrachtungsweise zu trennen (1).

Die von Howard und Laura Moretti in einem Tagungsband versammelten Beiträge sind eben dieser Besinnung auf den Raum, genauer: auf dessen musikbezogene Konstitution, Nutzung, Beschaffenheit und Ausstattung in Verbindung mit sozial- und architekturgeschichtlichen Aspekten entsprungen. Die Autorinnen und Autoren des Bandes - (Architektur- und Kunst-)Historiker und Historikerinnen, Musikwissenschaftler und Musikwissenschaftlerinnen, Musiker und Musikerinnen, Physiker sowie Instrumentenbauer - verfolgen die explizite Absicht, über die in Abhandlungen zum räumlichen Kontext sonst so zentralen Bereiche der Theatergeschichte, der Betrachtung von Musik in kirchlichen Räumen sowie der Fokussierung rein akustischer Zusammenhänge hinaus zu gehen (3f.). Im Zentrum ihrer Betrachtungen steht die Entwicklung häuslicher Musikräume in Frankreich und Italien in der Frühen Neuzeit "in the context of parallel changes in musical composition" (2). Der soziale sowie der physikalische Raum und das Musizieren, ohnehin untrennbar, werden hier also auf interdisziplinäre Weise in ihrer gegenseitigen Bedingtheit betrachtet. "In short, this book seeks to bridge the gap between musical and architectural research." (8)

In insgesamt sechs Abschnitten ("Visual", "Spatial", "Aural", "Intellectual Dimension", "Courtly Contexts", "The Development of Purpose-Built Spaces for Music") mit je drei Beiträgen, nebst einer Einleitung von Howard, wird eine Thematik erörtert, welche der in der Musikwissenschaft nach wie vor zentralen heroengeschichtlichen Herangehensweise an historische Zusammenhänge in interessanter Weise zu inhaltlicher Breite verhilft. Auf einige davon sei im Folgenden verwiesen.

"When is a Room a Music Room?" Diese grundlegende Frage stellt Flora Dennis und befasst sich mit "Sounds, Spaces, and Objects in Non-courtly Italian Interiors". Mit ihren Ausführungen verdeutlicht sie, dass eine feste Definition dessen, was ein "music room" sei, für das 16. Jahrhundert nicht vorausgesetzt werden kann. Vielmehr identifiziert und beleuchtet Dennis anhand von Gemälden und Objekten unterschiedliche Motive, die für die Schaffung musikbezogener Räume verantwortlich waren; beispielsweise der aufgekommene Wunsch nach akustischer Optimierung von Räumen oder die Notwendigkeit eines Aufbewahrungsortes für Instrumente.

Auch Sophie Pickfords Beitrag, "Music in the French Domestic Interior (1500-1600)", zeigt explizit eine Forschungslücke auf. Architektonische Gesichtspunkte des Musizierens seien bereits untersucht worden, doch: "Very little attention [...] has been paid to the objects that these buildings housed: the domestic items that facilitated their transformation into functional homes." (79) Daher gibt ihr Beitrag am Beispiel des französischen "château" und innerhalb dessen insbesondere der "grande salle" einen knappen Einblick in die Bedeutung von Musik im frühneuzeitlichen Hofleben. Pickfords Fokus liegt auf den damit verbundenen architektonischen sowie die Inneneinrichtung betreffenden Besonderheiten, die einen Raum zum Musizieren prädestinieren. Deborah Howard wiederum erörtert am Beispiel Venedig ("The Role of Music in the Venetian Home in the Cinquecento"), ob sich die Rolle der Musik im Leben der bürgerlichen Mittelklasse bedeutend von der des Adels einerseits und des einfachen Volkes andererseits unterschied. "Furthermore, [...] is it possible to link music-making with different types of rooms, in terms of the size, function, and acoustic properties of the spaces?" (95) Interessante Betrachtungen Howards gelten außerdem der sozialen Funktion von Musik innerhalb von familiären Festen sowie der Korrelation von Raumgröße und Instrumentation der jeweils aufgeführten Musik.

Die Beiträge von Mimmo Peruffo und Michael Lowe beziehen sich auf Bau, Einsatz und "Untergang" der Laute bis 1700. Ihre Analysen betonen, wie diese Aspekte aus akustischen Gründen mit räumlichen Gegebenheiten und Anforderungen in Beziehung stehen. Auch dies sind innerhalb der Musikgeschichtsschreibung bisher noch weitgehend unbeachtete Zusammenhänge.

Die Korrelation physikalischer Dimensionen und gesellschaftlicher Aspekte in Bezug auf musikalische Aufführungen an Höfen untersucht Laura Moretti. Sie rekonstruiert am Beispiel des oberitalienischen Hofes von Ferrara für das 15. und 16. Jahrhundert, welche Räume üblicherweise für musikalische Darbietungen genutzt wurden - beispielsweise in politischen und dynastischen Kontexten, bei öffentlichen und privaten Feierlichkeiten oder zur gelegentlichen Unterhaltung der Herrscher - und fragt: "[W]hich specific places were the settings for musical performances?" (214) Dabei bezieht auch sie unter anderem Aspekte der Architektur, der Aufführungspraxis und des Repertoires mit ein.

Der Band schließt mit der Betrachtung explizit zweckgebundener Musikräume und beleuchtet beziehungsweise berechnet die Akustik des Teatro Olimpico in Vicenza (Davide Bonsi), um den musikbezogenen Sinn bautechnischer Veränderungen und Spezialisierungen zu enttarnen. Tarek Berrada ("Music at Home: Spaces for Music in French Seventeenth-Century Residential Architecture") zeigt schließlich, welche Räume in Häusern bevorzugt zum Musizieren genutzt wurden und wirft einen Blick auf die Entwicklung und Spezifizierung des "music room as a clearly identified room" (307) bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Funktion, Gestalt(ung) und Dimension von Räumen, Objekten und Mobiliar sowie die damit verbundenen sozialen Werte und Zusammenhänge sind die zentralen Themen der Beiträge des Bandes. Allen gemeinsam - dies die einzige hier anzubringende Anregung - ist der fast ausschließliche Fokus auf den höfischen Bereich; das Musizieren der "ordinary citizens" (2) bleibt hingegen weitgehend im Dunkeln. Doch es ist äußerst wünschenswert, dass der hier verfolgte Ansatz, der auch in puncto Quellenauswahl und deren Analyse Anregungen gibt, in der Musikwissenschaft weiter verfolgt wird. So könnten Studien initiiert werden, die sich auf die Nutzung, Ausstattung und Konstitution von Räumen unterschiedlichster Genese und verschiedenster sozialer Milieus beziehen, auf private sowie auf öffentliche Räume sämtlicher Gesellschaftsschichten. Solche Anregungen scheinen überfällig, denn: "The role of sound as an essential dimension in the study of domestic space is still in its infancy" (4). Musik hat, wo auch immer sie gespielt wird, einen Raum, mit dem sie in Interaktion steht. Dies hervorzuheben und die Erforschung des Raumklangs seinen Kinderschuhen zu entheben, ist das zentrale Verdienst des Bandes von Howard und Moretti.


Anmerkung:

[1] Im Rahmen des in der deutschsprachigen Musikwissenschaft bestehenden Diskurses zum Raum sei hier vor allem auf die Reihe "Musik-Stadt" verwiesen. Vgl. Helmut Loos (Hg.): Musik-Stadt. Traditionen und Perspektiven urbaner Musikkulturen. Bericht über den XIV. Internationalen Kongress der Gesellschaft für Musikforschung vom 28. September bis 3. Oktober 2008 am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig, 4 Bände, Leipzig 2011-2012, hier besonders die Beiträge in Band 3; s.a. den Aufsatz von Susanne Rode-Breymann: "Orte und Räume kulturellen Handelns von Frauen", in: History / Herstory. Alternative Musikgeschichten (= Musik - Kultur - Gender; Bd. 5), hgg. v. Anette Kreuziger-Herr / Katrin Losleben, Köln / Weimar / Wien 2009, 186-197.

Joachim Iffland