Rezension über:

Johannes Feichtinger / Johann Heiss (Hgg.): Geschichtspolitik und »Türkenbelagerung« (= Kritische Studien zur »Türkenbelagerung«; Bd. 1), Wien: Mandelbaum 2013, 357 S., ISBN 978-3-85476-613-1, EUR 19,90
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Rezension von:
Karoline Döring
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Karoline Döring: Rezension von: Johannes Feichtinger / Johann Heiss (Hgg.): Geschichtspolitik und »Türkenbelagerung«, Wien: Mandelbaum 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/21337.html


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Johannes Feichtinger / Johann Heiss (Hgg.): Geschichtspolitik und »Türkenbelagerung«

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"Seit 1683 sind rund 330 Jahre vergangen. Keiner von uns hat an der Belagerung Wiens und seinem Entsatz teilgenommen. Aus jeder persönlichen Erinnerung müssen sie daher längst gelöscht sein. Dennoch sind die Ereignisse in einigen Regionen Europas im Gedächtnis vieler Menschen tief verankert. Wie konnte es dazu kommen?" (7). Mit dieser Beobachtung, die in die zentrale Forschungsfrage nach dem kollektiven Gedächtnis mündet [1], eröffnen die beiden Herausgeber Johannes Feichtinger und Johann Heiss ihren Sammelband, den ersten von zwei Teilbänden "Kritische Studien zur Türkenbelagerung".[2] Die beiden Bände, die in der politischen Editionsreihe "Kritik & Utopie" des Mandelbaum Verlags erschienen sind, fassen die Ergebnisse des im Sommer 2013 abgeschlossenen interdisziplinären Forschungsprojekts Shifting Memories - Manifest Monuments. Memories of the "Turks" and Other "Enemies" unter der Leitung der beiden Herausgeber zusammen. Das Projekt geht auf eine dreijährige Kooperationstätigkeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, des Instituts für Sozialanthropologie und des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte in Wien zum Thema des österreichischen Türkengedächtnisses zurück. Ziel war, die Entstehungsumstände sogenannter "Türkendenkmäler" und der dazugehörigen Feierlichkeiten zu historisch wichtigen Ereignissen - am prominentesten ist der Entsatz Wiens 1683 zu nennen -, die Konstruktion und Pflege von Feindbildern sowie die damit verbundene Identitätsstiftung in den Regionen Wien, Steiermark, Kärnten, Burgenland und Niederösterreich vorwiegend im 19. und 20. Jahrhundert zu verfolgen.

Der Sammelband ist in zwei größere Themenblöcke eingeteilt und erweitert den geographischen und zeitlichen Untersuchungszeitraum des Projekts. 14 Beiträge aus der Geschichtswissenschaft, Kultur- und Sozialanthropologie, Kunstgeschichte, Philosophie, Theaterwissenschaft, Kultur- und Translationswissenschaft behandeln an regionalen Fallstudien das Türkengedächtnis in Österreich und einigen benachbarten Ländern zwischen dem 15. und 21. Jahrhundert.

Nach einer zusammenfassenden Einleitung befassen sich die ersten fünf Beiträge mit den Akteuren des Türkengedächtnisses und ihren Medien. Besonders Kirche, Hof und Bürgertum hätten die Feindbilder zu jeweils eigenen politischen Zwecken kultiviert und instrumentalisiert. Für die Kirche seien die Türken in Fortsetzung der mittelalterlichen Deutung eine Geißel Gottes gewesen; der Hof habe sich wiederum über geglückte Abwehrmaßnahmen gegen den "Erbfeind" wie den Entsatz Wiens als (gottgewollter) Sieger inszenieren können; beides habe dabei weniger die tatsächliche, militärische Abwehr verstärkt, als vielmehr zum inneren Zusammenhalt und zur Stabilisierung von Macht und Herrschaft beigetragen. Das Bürgertum habe gegenüber dieser adeligen und kirchlichen "Hoheit der Erinnerung" (11) die eigenen Verdienste herauszustellen versucht. Allen Akteuren stand dafür eine Vielfalt an Medien zur Verfügung. So macht Johannes Feichtinger einen ausgeprägten Kult um Maria als Sieghelferin beim Entsatz Wiens aus, der sich in zahlreichen Mariensäulen und -bildnissen, Festpredigten, Prozessionen und Festen zu Ehren der Jungfrau manifestierte. In Form dieses Marienkults war "[d]as 'Türkengedächtnis' [...] Mahnung zu gottgefälligem und kirchentreuem Verhalten, das letztlich dem Machterhalt von Altar und Krone diente." (51).

Johann Heiss, Andrea Sommer-Mathis und Herbert Karner fächern ein breites Spektrum an höfischen und bürgerlichen Fest- und Gedenkaktivitäten zu bedeutenden Ereignissen der osmanischen Expansion und ihren Jubiläen auf. An den Prozessionen, Feuerwerken, Dramen, Opern, Theateraufführungen, Druckwerken und Kupferstichen beobachten sie häufig eigene politische Strategien und Zielsetzungen der Akteure im Umgang mit dem immer wieder aktualisierten Türkengedächtnis und den dadurch unablässig kultivierten Feindbildern. Eigens auf die bislang wenig erforschten Medaillenprägungen geht Werner Telesko ein, der sie als populäres Medium, um zugespitzte Deutungen historischer Ereignisse und Feindbilder zu propagieren, bewertet. Erstaunlicherweise sei dieses Medium aber nur wenig vom Hof selbst genutzt worden, die Produktion sei vielmehr vom Geschmack und der Nachfrage des Publikums abhängig gewesen.

Der zweite Themenblock geht auf lokale Formen des Türkengedenkens ein. Im Fokus der Beiträge von Silvia Dallinger, Zsuzsa Barbarics-Hermanik, Marion Gollner und Ingrid Schlegl stehen mündliche und schriftliche Traditionen wie der "Hernalser Eselsritt", lokale Türkensagen oder die legendarische Ausschmückung von Geschichtswerken, die die Verhöhnung und Perhorreszierung des Gegners zum Ziel hatten. Hier geht es um die Besetzung des öffentlichen Raums jenseits der adeligen und höfischen Festkultur. Simon Hadler, Tünde Lengyelová und Dragan Pole erweitern schließlich den geographischen Untersuchungsraum um Ungarn und Serbien. Im Unterschied zu den anderen österreichischen Regionen stellen sie bei den türkischen Anrainern ein ambivalentes Verhältnis fest, das sich, eben bedingt durch die geographische Nähe, zwischen Konflikt und Kooperation bewegte.

Das Nachwort von Michael Rössner greift den theoretischen Ansatz des gesamten Sammelbandes noch einmal auf: Aus dezidiert translationswissenschaftlicher Perspektive thematisiert Rössner den Aspekt des kollektiven Gedächtnisses und seine Bedeutung für die Konstruktion und Dekonstruktion von Feindbildern.

Den beiden Herausgebern ist es gelungen, das viel beackerte Feld der Türkenproblematik aus einem neuen, transdisziplinären Blickwinkel zu beleuchten. Sie bringen Mechanismen der kulturellen Translation mit Vorgängen der Formierung kollektiver Erinnerung zusammen. "Jede Erinnerung wird letztlich in ein Narrativ gefasst, sobald sie bewusst gemacht wird. Wenn diese Erinnerung aber nichts Eigenes, Unmittelbares, Erlebtes ist, sondern erinnert werden muss, dann bedarf sie darüber hinaus eines Mediums oder eines Impulses: des Erinnernden, der uns erinnert; des Textes, des Bildes, das sie uns vermittelt; des Rituals, in dem sie wieder gegenwärtig gemacht, re-präsentiert wird: damit in jedem Fall einer Art von Inszenierung und von (kultureller) Übersetzung" (339f.). Der Sammelband macht nicht nur die Prozesse der Konstruktion von Feindbildern in über lange Zeit von der osmanischen Expansion stark betroffenen Kernregionen sichtbar, sondern ist ein schönes Plädoyer für ihre zukünftige Dekonstruktion, denn "[e]ine solche Übersetzung ist freilich kein einmaliger, abgeschlossener Akt, der die dauerhafte - und unabänderliche - Präsenz des Erinnerungsinhalts verbürgen würde, sie ist vielmehr ein unabgeschlossener Prozess, der stets neuer translatorischer Vorgänge bedarf, um diesen Inhalt - der davon nicht unberührt bleibt - von einem Diskurs in einen anderen, von einer Gruppe zu einer anderen, von einer Generation zu einer anderen zu transferieren" (340) - und damit schließlich auch die Möglichkeit bietet, ihn zu dekonstruieren.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Maurice Halbwachs: La mémoire collective, Paris 1939; dt. Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt am Main 1985; Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999; Christian Meier: Das Gebot zu Vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, München 2010.

[2] Johannes Feichtinger / Johann Heiss (Hgg.): Der erinnerte Feind (Kritische Studien zur Türkenbelagerung; 2), Wien 2013.

Karoline Döring