Rezension über:

Uwe Lübken: Die Natur der Gefahr. Überschwemmungen am Ohio River im 19. und 20. Jahrhundert (= Umwelt und Gesellschaft; Bd. 8), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, 334 S., 25 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-31706-8, EUR 49,99
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Rezension von:
Nils Freytag
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nils Freytag: Rezension von: Uwe Lübken: Die Natur der Gefahr. Überschwemmungen am Ohio River im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 5 [15.05.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/05/24712.html


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Uwe Lübken: Die Natur der Gefahr

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Natürliche Extremereignisse gehören seit einigen Jahren zu den ertragreichsten Forschungsfeldern der Umweltgeschichte. Sie sind allgegenwärtig und zugleich außergewöhnlich, und sie eignen sich in besonderer Weise für sozial- und kulturgeschichtlich inspirierte Fragestellungen, denn erst der Mensch macht aus ihnen eine "Katastrophe". Die in aller Regel vorzügliche Quellenlage und die von den Debatten um den Klimawandel verstärkten Unsicherheiten tragen ebenfalls zum gestiegenen Forschungsinteresse bei.

Der Amerika- und Umwelthistoriker Uwe Lübken widmet sich in seiner Habilitationsschrift den Überschwemmungen am Ohio River zwischen dem ausgehenden 18. und dem 20. Jahrhundert. In dieser langen Perspektive nimmt er die Spannung zwischen dauerhafter, multifunktionaler Nutzung eines Flusses und kurzzeitiger Flutgefahr in dem Blick, die auch Gefahrbewältigung und Risikomanagement in den flood-plains prägte. Mit diesem Untersuchungszeitraum geraten gleichzeitig der fundamentale Wandel von der agrarischen zur industriellen Gesellschaft und seine Auswirkungen auf den Umgang mit natürlichen Extremereignissen in den Fokus. Das Ohio Valley ist für eine derartige Studie geradezu geschaffen, da hier die natürliche Dynamik eines Flusssystems und die wirtschaftliche wie industrielle Dynamik einer Wachstumsregion aufeinanderprallten. Die Quellenbasis für die Untersuchung sind kommunale Archivalien, kleiner und großer am Ohio gelegener Städte - von Marietta bis Cincinnati. Dazu treten einzel- und bundesstaatliche Überlieferungen ebenso wie Reiseberichte und sogenannte Fluttagebücher, in denen Zeitgenossen ihre Katastropheneindrücke versammelten.

Zunächst skizziert Lübken die naturräumlichen Grundlagen sowie die Entstehung des Ohio Valley von den Eiszeiten bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Ohio hat keine eigene Quelle, vielmehr speist er sich aus dem Monongahela und dem Allegheny, die in Pittsburgh zusammenfließen. Von dort windet er sich rund 1600 km in den Westen bis in die Nähe von Cairo, wo er in den Mississippi fließt. Spätestens im 18. Jahrhundert wurde der Raum Schauplatz teils erbitterter Auseinandersetzungen zwischen neu eintreffenden euroamerikanischen Siedlern und Native Americans sowie zwischen den Kolonialmächten England und Frankreich. Die natürlichen Schwankungen und Hochwasser im Ohio Valley stuften Nutzer und Flussanrainer dabei zunächst nicht selten positiv ein, da diese nicht nur zu ertragreichen Böden beitrugen, sondern auch ein rasches Fortkommen auf der wichtigen Verkehrsader ermöglichten. Vor- und Nachteile hielten sich die Waage, Stadt- und Siedlungsgründungen im oder unmittelbar am Überschwemmungsraum offenbarten trotz der Standortvorteile Probleme. Welche Siedlung langfristig vom rasanten Bevölkerungswachstum profitierte, entschied nicht zuletzt, ob Überschwemmungen seltener und mit weniger Schäden auftraten.

Lübkens insgesamt zehn Kapitel lassen markante Unterschiede der Risikoeinschätzung und -bewältigung sowie der Flutfolgen zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert erkennen. Die Flussanrainer hatten sich eingangs des 19. Jahrhunderts mit den "normalen" Fluten ebenso arrangiert wie mit dem für den Schiffsverkehr hinderlichen Niedrigwasser. Allerdings zeigte sich in der ersten großen Flut von 1832, dass die Erfahrungen mit der natürlichen Dynamik der nordamerikanischen Flüsse noch nicht lange zurückreichten und die Gefahr der Natur vielfach unterschätzt wurde. Die bis dahin bewährten Strategien des Nach-Oben-Ausweichens und Hochräumens gerieten jedenfalls 1832 erkennbar an ihre Grenzen. Der Standortvorteil am Fluss erwies sich als überaus prekär, weshalb erste, freilich lokal organisierte und noch kurzlebige Regulierungsversuche auszumachen sind, um die natürlichen Schwankungen stärker zu kontrollieren und den Ohio dauerhaft schiffbar zu machen. Das gesamte 19. Jahrhundert über dominierten Eindeichung und Eindämmung der Überflutungsgebiete den Hochwasserschutz - eine auf Andrew A. Humphreys und Henry L. Abbott zurückgehende "levees only Doktrin" (165). Daran änderten auch die Folgen der großen Doppelflut von 1883 und 1884 mit ihren massiven Schäden nichts Wesentliches. Bereits hier aber zeigte sich: Umweltrisiken waren sozial ungleich verteilt und finanzielle Hilfen musste nun auch zentrale Institutionen in Columbus und Washington übernehmen. Allein konnten die lokalen Behörden und Hilfsvereine die Katastrophenlage nicht mehr bewältigen. Einige Zeitgenossen dachten zwar bereits über Rückhaltebecken und Dammbauten an den Oberläufen von Flüssen nach, aber bis 1913, als die berühmt-berüchtigte Dayton Flood etwa 100 Menschenleben forderte, blieben dies weitestgehend Planspiele. Neben der großen Opferzahl trugen auch die immer höheren materiellen Schäden an der industriellen Infrastruktur - Brücken und flussnahe Eisenbahnnetze waren besonders betroffen - zu einem Umdenken bei.

Mit einem verstärkten Bundesengagement begann 1917 am Miami River, der bei Dayton in den Ohio mündet, unter anderem der Bau von fünf Staudämmen, die ausschließlich dem Hochwasserschutz dienten. Endgültig von der Dammbaudoktrin verabschiedete man sich nach der großen Mississippi-Flut von 1927. Der Hochwasserschutz stieg nun zu einer - kostspieligen - nationalen Aufgabe auf. Ausdruck dieses Trends zu Krisenzentralisierung war der Flood Control Act von 1936. Er ließ die Flutkosten indes erneut in die Höhe schnellen. Denn der bauliche Hochwasserschutz verstärkte die Bereitschaft weiter, sich in den nun vermeintlich geschützten flood-plains anzusiedeln. Ob Brandgefahr, Schwierigkeiten bei der Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung oder Kommunikationsprobleme: Im 20. Jahrhundert stieg die Vulnerabilität bei Hochwasser massiv an, dies führt Lübken am Beispiel der Ohioflut vom Januar 1937 anschaulich vor Augen. Mitten in der Großen Depression unterstützten nicht nur verschiedene New Deal-Behörden und das Amerikanische Rote Kreuz die Rettungs- und Hilfsmaßnahmen. Noch viel offensichtlicher traten die sozial und rassisch ungleich verteilten Risiken hervor: African Americans waren weitaus häufiger Flutopfer.

Erst der Niedergang der Flüsse als Transportweg forcierte den allmählichen gesellschaftlichen Rückzug aus den flood-plains. In jüngerer Zeit differenzieren sich die Schutzmaßnahmen mit der Anlage von ufernahen Grünstreifen und Parks weiter aus, so erhält nicht nur der Ohio wieder mehr Überschwemmungsraum. Dies fügt sich in den heute mancherorts zu beobachtenden Trend zur "Renaturierung" als Teil eines sogenannten ökologischen Hochwasserschutzes. Dennoch wird man festhalten müssen: Auch wenn am Ohio ganze Kleinstädte umgesiedelt werden, der vollständige Abbau von Industrieanlagen und Häusern ist unmöglich. Die jüngeren Maßnahmen müssen sich freilich beim nächsten Extremhochwasser erst noch bewähren, wie Uwe Lübken in seiner lesenswerten und wichtigen Risiko- und Umweltgeschichte der Flussnutzung mit Recht abschließend festhält.

Nils Freytag