Rezension über:

Dierk Hoffmann: Von Ulbricht zu Honecker. Die Geschichte der DDR 1949-1989 (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert; Bd. 15), Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2013, 192 S., ISBN 978-3-89809-415-3, EUR 19,90
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Rezension von:
Arnd Bauerkämper
Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Arnd Bauerkämper: Rezension von: Dierk Hoffmann: Von Ulbricht zu Honecker. Die Geschichte der DDR 1949-1989, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 4 [15.04.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/04/24399.html


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Dierk Hoffmann: Von Ulbricht zu Honecker

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Die Geschichte der DDR kompakt auf nur 191 Seiten zu vermitteln, ist eine beträchtliche Herausforderung. Dierk Hoffmann, der bereits mit Gesamtdarstellungen zur Geschichte der beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989 hervorgetreten ist, hat diese Aufgabe gut bewältigt. [1] Sein Überblick bietet zwar kaum grundlegend neue Einsichten, ist aber ein verlässlicher, ausgewogener und differenzierender Überblick über die Grundzüge und Knotenpunkte in der Entwicklung des ostdeutschen Teilstaates. Die Darstellung ist nicht einfach teleologisch auf den Zusammenbruch der SED-Diktatur und die Wiedervereinigung 1989/90 ausgerichtet, sondern sie zeigt auch Erneuerungspotentiale auf, die einen anderen Verlauf ermöglicht hätten.

Zu Recht wendet sich der Autor gegen die Vernachlässigung der DDR, auch in neueren Gesamtdarstellungen zur Geschichte Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch zeigt Hoffmann, dass die SED-Führung keineswegs allmächtig war, sondern die Stimmung und Reaktionen in der ostdeutschen Bevölkerung durchaus in Rechnung stellte. Nicht zuletzt bettet er die Geschichte der DDR in die deutsch-deutschen Beziehungen und das (wiederholt problematische) Verhältnis zur Sowjetunion ein. Letztlich aber wird das internationale Kraftfeld nur sporadisch angedeutet, da sich der Band - der Aufteilung in der Reihe entsprechend - eindeutig auf die DDR konzentriert. Dabei gelingt es Hoffmann, die Auswirkungen von Entscheidungen der politischen Elite auf einzelne Bevölkerungsgruppen konkret nachzuzeichnen, auch anhand anschaulicher Beispiele und Episoden.

Mit der Annahme der Verfassung durch den Deutschen Volksrat am 7. Oktober 1949 war die DDR offiziell gegründet worden. Die SED-Diktatur basierte aber besonders auf einem Beschluss, den das Sekretariat des Politbüros zehn Tage später erließ. Fortan mussten die Volkskammer und die Regierung Gesetze und Verordnungen, die erlassen werden sollten, vorab dem Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED zur Zustimmung übermitteln. Die Bildung des Ministeriums für Staatssicherheit am 24. Januar 1950 zeigte überdies die Entschlossenheit der Machthaber, ihr Herrschaftsmonopol unnachgiebig zu verteidigen. Angesichts der Repressionen, der Militarisierung, der Vernachlässigung der Konsumgüterindustrie, der Enteignungen und der beginnenden Kollektivierung in der Landwirtschaft wuchs in der DDR-Bevölkerung in den frühen fünfziger Jahren aber die Unzufriedenheit. Der Protest eskalierte schließlich im Juni 1953, als die SED-Herrschaft vor dem Zusammenbruch stand. Dazu bleiben in Hoffmanns Darstellung die Machtkämpfe in Moskau nach Stalins Tod (5. März 1953) insgesamt unterbelichtet. Demgegenüber wird die massive Unterstützung deutlich, mit der die Sowjetunion im Sommer 1953 dem Generalsekretär des ZK, Walter Ulbricht, das politische Überleben sicherte. Auch die ökonomische Zwangslage, in der sich der junge Staat von 1949 bis 1953 befand, tritt in diesem Kapitel klar hervor.

Anschließend stabilisierte sich die DDR in politischer und ökonomischer Hinsicht allmählich. Der Aufbau der Planwirtschaft ermöglichte ein extensives Wachstum und trug in den fünfziger Jahren zur Überwindung der Kriegsfolgen bei. Allerdings führte die Zentralisierung der Entscheidungskompetenzen über die ökonomischen Strukturen und Prozesse auch Fehlleitungen von Warenlieferungen und Arbeitskräften herbei. Dennoch konnte sich Ulbricht in der Entstalinisierung behaupten, die der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita S. Chruschtschow mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 auslöste. Die sowjetische Führung hielt an den SED-Machthabern auch fest, weil sie sich 1955/56 zur DDR als separaten deutschen Staat bekannte, der zudem in den "Ostblock" aufgenommen wurde (Beitritt zum Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe [RGW] 1950 und zum Warschauer Pakt 1956). Allerdings ist trotz der unstrittigen sowjetischen Hegemonie fraglich, ob die Vertragsgemeinschaft des RGW allein mit dem Begriff "Zwangsfreundschaft" (den Hoffmann von Hermann Wentker übernimmt, 53) hinreichend gekennzeichnet ist.

Das Berlin-Ultimatum, mit dem Chruschtschow im November 1958 den Abzug der Westmächte aus Berlin erzwingen wollte, und Versorgungsengpässe infolge der forcierten Kollektivierung in der Landwirtschaft lösten nach der vorübergehenden Euphorie über den gelungenen Flug des "Sputnik"-Satelliten (Oktober 1957) eine erneute Krise aus. Sie mündete 1961 in eine Fluchtwelle und schließlich in den Bau der Berliner Mauer, der im August 1961 die erneut akut gefährdete SED-Diktatur wieder stabilisierte. Allerdings wurde die Bundesrepublik nun für die DDR-Bevölkerung vollends zur "entscheidende[n] Referenzgröße" (78 f.). Diese Orientierung verschärfte nach dem Scheitern des "Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung" (NÖSPL) das Legitimationsdefizit der Ost-Berliner Machthaber. Wie Hoffmann zutreffend betont, hatte die SED-Führung zwar mit dem NÖSPL den Entscheidungsspielraum der "Volkseigenen Betriebe" erhöht; sie hielt aber an der zentralen Verwaltungswirtschaft fest, vor allem bei der Preisbildung und Lohnentwicklung. Besonders anschaulich werden die Reformansätze in der Jugendpolitik 1963/64 dargelegt, die allerdings schon 1965 - ebenso wie die kulturpolitische Öffnung - zurückgenommen wurden. Allerdings vermisst man hier einen Hinweis auf das 1965 erlassene Familiengesetzbuch.

Nach dem Ende der Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Modernisierung und dem Machtwechsel von Ulbricht zu Erich Honecker (3. Mai 1971) bemühte sich der neue Erste Sekretär (ab 1976 Generalsekretär) der SED, die Sozialpolitik zur zentralen Legitimationsbasis des staatssozialistischen Regimes auszubauen, wie Sigrid Meuschel schon 1992 hervorgehoben hat. [2] Allerdings wurden damit Erwartungen geweckt, deren Erfüllung seit Mitte der siebziger Jahre die wirtschaftlichen Kräfte der DDR überstieg. Die wachsende Staatsverschuldung trug schließlich zu dem zunächst subkutanen, 1988/89 aber zusehends offenen Zerfall der SED-Diktatur bei. Auch die Entspannungspolitik, die Honecker grundsätzlich befürwortete und vorantrieb, war durch Aporien gekennzeichnet. Einerseits führte sie zur diplomatischen Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik und ihre Bündnispartner. Andererseits gefährdete die Öffnung gegenüber den westlichen Staaten aber das Herrschaftsmonopol der Staatspartei. Die Verschärfung der Kulturpolitik, die sich im November 1976 in der Ausbürgerung Wolf Biermanns niederschlug, spiegelte letztlich die Verunsicherung der Ost-Berliner Machthaber wider.

Obwohl er die Ursachen des Zerfalls der SED-Diktatur nicht gewichtet, hebt Hoffmann zu Recht hervor, dass die führenden Partei- und Staatsfunktionäre nach der Ernennung Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU (11. März 1985) auch außenpolitisch in die Defensive gerieten. Allerdings zeichnet er den "Desillusionierungsprozess" (147) von der Mitte der siebziger Jahre bis zum Mauerfall (9. November 1989) in diesem Abschnitt zu linear. So ist daran zu erinnern, dass keineswegs ausschließlich die SPD, die im August 1987 zusammen mit der SED ein Papier über den "Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" veröffentlichte, die Stabilität der DDR überschätzte. Vielmehr forderten auch einzelne Politiker der CDU wie Generalsekretär Heiner Geißler, das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes aufzugeben. Die "deutsche Frage" erschien in den späten achtziger Jahren keineswegs so "offen", wie Hoffmann in der Einleitung suggeriert. Die meisten Zeitgenossen gingen nicht von einer finalen Legitimitätskrise des SED-Regimes aus.

Insgesamt aber hat Dierk Hoffmann einen soliden, klar strukturierten und gut lesbaren Überblick vorgelegt, der sich auch für noch nicht umfassend mit der DDR-Geschichte vertraute Leserinnen und Leser eignet. Die Darstellung bezieht politik-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Perspektiven eng aufeinander. Demgegenüber treten neuere kulturgeschichtliche Fragestellungen allerdings zurück. Deutlich werden dagegen die oft abrupten Kurswechsel des SED-Regimes herausgearbeitet, während die variierenden Zukunftshorizonte der Akteure weniger klar hervortreten. Eine Geschichte der DDR im Lichte der Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen ihrer politischen Führung, der Bevölkerung und externer Beobachter ist im Anschluss an Hoffmanns gelungenen Überblick ein aussichtsreiches, weiterführendes Projekt der Zeitgeschichtsschreibung. [3]


Anmerkungen:

[1] Dierk Hoffmann: Die DDR unter Ulbricht. Gewaltsame Neuordnung und gescheiterte Modernisierung, Zürich 2003; Ders.: Nachkriegszeit. Deutschland 1945-1949, Darmstadt 2011.

[2] Sigrid Meuschel: Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR, 1945-1989, Frankfurt/Main 1992.

[3] Dazu für die Zwischenkriegszeit: Rüdiger Graf: Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918-1933, München 2008.

Arnd Bauerkämper