Rezension über:

Dieter Stiefel: Camillo Castiglioni. oder Die Metaphysik der Haifische, Wien: Böhlau 2012, 350 S., ISBN 978-3-205-78832-4, EUR 29,90
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Rezension von:
Kim Christian Priemel
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Kim Christian Priemel: Rezension von: Dieter Stiefel: Camillo Castiglioni. oder Die Metaphysik der Haifische, Wien: Böhlau 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 3 [15.03.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/03/23100.html


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Dieter Stiefel: Camillo Castiglioni

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Als "Könige der Inflation" titulierte der Weimarer Wirtschaftsjournalist Paul Ufermann jene Gestalten, die im und nach dem Ersten Weltkrieg rapide zu Reichtum gekommen waren und paradigmatisch für jene Epoche standen, die Gerald Feldman später als "Great Disorder" bezeichnen sollte: Kriegsgewinnler und Opportunisten, Schieber und Spekulanten, Emporkömmlinge allzumal - geradezu das Gegenteil jener vermeintlich soliden, seriösen Bankiers, Kaufleute und Industriellen, die ehedem die Unternehmerelite von Wilhelminischem und Habsburger Reich geprägt hatten. Die Helden der neuen, fiebrig-ungesunden Epoche hießen nicht Krupp, Siemens oder Schlumberger, sondern Siegmund Bosel, Hugo Herzfeld und eben Camillo Castiglioni. Ufermanns Rubrizierung hat sich zwar als wenig tragfähig erwiesen, denn die Karrieren der ebenfalls genannten Hugo Stinnes, Otto Wolff oder Rudolph Karstadt lassen sich schwerlich allein auf Finanzmarktmanöver zurückführen. Haften blieb jedoch das Odium des Spekulanten an Castiglioni und reduzierte den über drei Jahrzehnte hinweg einflussreichen Unternehmer zur bloßen rhetorischen Figur, über den lange nur bruchstückhafte Informationen verfügbar waren.

Diese Diskrepanz mag Dieter Stiefel gereizt haben, erstmals eine ausführliche, schön gestaltete Biografie des so umtriebigen wie umstrittenen Unternehmers vorzulegen und Castiglioni vor dem Schicksal als Karikatur seiner selbst zu bewahren; dies deutet nicht zuletzt die große Zahl abgedruckter zeitgenössischer Abbildungen an, in denen der österreichisch-italienische Industrielle und Finanzier selten positiv und immer wieder in unverkennbar antisemitischer Absicht dargestellt wurde. Stiefel, ein durch zahlreiche Publikationen bestens ausgewiesener Kenner der österreichischen Wirtschaftsgeschichte, nähert sich seinem Protagonisten zwar in grob chronologischer Folge - von den skizzenhaft umrissenen frühen Jahren im Triest der k.u.k. Ära bis zu seiner exilähnlichen Rückkehr nach Italien -, gliedert die Kapitel indes entlang von Tätigkeitsbereichen: Industrieller, Finanzier, Mäzen und Privatmann. Gleichwohl gehen die Kategorien immer wieder durcheinander, was die vielgestaltige Rastlosigkeit von Castiglionis Leben spiegelt, indes auch fehlender definitorischer Stringenz geschuldet ist. Wo exakt die Grenze zwischen industriellen und finanziellen Aktivitäten verlief bzw. ob eine solche angesichts der vielfachen In- und Devestitionsschübe überhaupt sinnvoll zu ziehen ist, bleibt ungeklärt. Und nur selten legt Stiefel so klar Ziele und Mittel dar wie in seiner - auf Christian Pierers Studie fußenden - Schilderung von Castiglionis Engagement bei BMW. Dort, so Stiefel, hätten die Pläne für eine Verbindung BMWs und Austro-Daimlers einmal mehr illustriert, dass Castiglionis Industriepolitik "immer auf Marktbeherrschung ausgerichtet" (279) gewesen sei. Erhellend sind auch die Darstellungen des Duells Bosels mit Castiglioni um die Kontrolle über die Unionbank 1922 oder der Spekulation gegen den französischen Franc, die 1924 das Ende nicht nur von Castiglionis großer Zeit, sondern auch der Inflationsära markierte.

Damit fügt sich die Biografie des tridentinischen Unternehmers in Feldmans Meistererzählung einer Achterbahndekade, deren Aufsteiger sich in der folgenden Stabilisierungsphase vielfach nicht zu behaupten wussten, als ihnen nicht nur das finanzielle Kapital abhanden kam, sondern sich auch schmerzlich bemerkbar machte, wie wenig sie in der Lage gewesen waren, soziales Kapital zu akkumulieren. Zwar faszinierten die Parvenüs in gleichem Maße wie sie viele Beobachter abstießen, doch mehr aus Lust am Skandal und dem (vermuteten) Verbrechen denn aus Bewunderung. Stiefels Buch illustriert eindrücklich, wie sehr das turbulente Wirtschaftsgeschehen der 1920er-Jahre ein sensationshungriges Publikum fesselte und Titelseiten füllte. Dies war das Klima, in dem Ufermann wie auch Frank Faßland ihre Kolumnen schrieben und in dem noch Erik Regers Union der starken Hand reüssierte.

Als Studie der zeitgenössischen Wahrnehmung Castiglionis im Besonderen und der Projektionsfläche des "Spekulanten" im Allgemeinen, ist Stiefels Arbeit daher von Interesse, insbesondere als Materialsammlung. Denn im Kern stützt sich der Verfasser auf eine große Zahl zeitgenössischer Presseberichte, Buchpublikationen und Memoirenliteratur, die er in weiten Teilen mehr montiert als paraphrasiert und dies mit bemerkenswerter Unbefangenheit. Seitenlang werden Zeitungsartikel wiedergegeben, und der Abschnitt "Nachruf zu Lebzeiten" besteht aus praktisch nichts anderem als Zitaten, zusammen gehalten von Textschnipseln wie "'Der Abend' schrieb" (244), "Und in 'Der Morgen' stand" (246), "Dann die 'Neue Wirtschaft'" (247) etc. Wäre dies für einen mediengeschichtlichen Ansatz schon problematisch, trägt die Methodik leider keine 350 Seiten starke Biografie. Archivquellen werden nur vereinzelt herangezogen und lassen eine systematische Recherche nicht erkennen - da eine Einleitung fehlt, ist auch unersichtlich, warum einschlägige Bestände offenbar unberücksichtigt blieben -, so dass im Ergebnis Anekdoten und Apokryphes den Band prägen. Sprachlich wird das durch eine Vielzahl von Formulierungen des Ungefähren und Vagen unterstrichen - hier ein "soll [...] gestanden sein" (156) und "soll [...] gewesen sein" (159), dort ein "dürften [...] rechtzeitig erkannt worden sein" (166) oder ein "soll [...] gekommen sein" (204) und "sollte [...] gelegen sein" (282). Mit anderen Worten: der Verfasser weiß es nicht.

Dazu passt, dass Stiefel fast durchgängig davon absieht, den Forschungsstand zu berücksichtigen geschweige denn, seine Fallstudie darin einzuordnen. Dies ist insofern konsequent, als der Studie ein analytischer Blick ohnehin abgeht. Warum das Buch geschrieben wurde, welches Erkenntnisinteresse ihm zugrunde liegt und welche Fragestellung es verfolgt, macht sein Verfasser an keiner Stelle kenntlich. Und was es eigentlich mit der Metaphysik der Haifische auf sich hat - beim zitierten Karl Kraus ist noch von "Anbetung" die Rede, in Peter Patzaks Fernsehfilm von 1988 von "Moral" -, ist auch nach 350 Seiten unklar. So bleibt der Rezensent am Ende ratlos, was mit dieser Collage anzufangen ist; über Paul Ufermanns Kenntnisstand geht sie leider nicht wesentlich hinaus.

Kim Christian Priemel