Rezension über:

Martin W. Rühlemann: Variétes und Singspielhallen - Urbane Räume des Vergnügens. Aspekte der kommerziellen populären Kultur in München Ende des 19. Jahrhunderts (= Forum Kulturwissenschaften; 13), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2012, 547 S., ISBN 978-3-89975-748-4, EUR 49,90
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Rezension von:
Tobias Becker
Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Becker: Rezension von: Martin W. Rühlemann: Variétes und Singspielhallen - Urbane Räume des Vergnügens. Aspekte der kommerziellen populären Kultur in München Ende des 19. Jahrhunderts, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/23540.html


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Martin W. Rühlemann: Variétes und Singspielhallen - Urbane Räume des Vergnügens

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Das Varieté, jene heute fast verschwundene Mischung aus musikalischen, tänzerischen, schauspielerischen und artistischen Nummern, war eine der populärsten und internationalsten Unterhaltungssparten des 19. Jahrhunderts. Während die britische Music Hall bereits seit langem in all ihren Details mit Hochdruck erforscht wird, lässt sich dies für das deutsche Varieté allerdings nicht sagen. Von der künstlerisch und literarisch anspruchsvolleren Sonderform des Kabaretts einmal abgesehen hat es kaum Beachtung gefunden. Die deutsche Geschichtswissenschaft zumal, die sich mit der Populärkultur noch immer schwer tut, hat diesen Gegenstand nahezu völlig ignoriert. Allenfalls auf die ein oder andere populärwissenschaftliche Darstellung wäre zu verweisen.

Nun hat Martin W. Rühlemann an der Universität Köln eine Dissertation über das Varieté in München im 19. Jahrhundert vorgelegt. Ihr erster Teil geht der Topografie des Vergnügens nach; der zweite gibt einen Überblick über die verschiedenen Vergnügungsorte und -arten; von denen zwei der bedeutendsten im dritten Teil genauer betrachtet werden; und der vierte Teil spürt den Akteuren und Praktiken der Varieté-Unterhaltung im München des 19. Jahrhunderts nach. Diese Gliederung ist sinnfällig und führt sukzessive tiefer in die Münchner Vergnügungslandschaft und deren historische Entwicklung ein.

Die Studie greift auf eine breite Quellenlage zurück, bewegt sich auf der Höhe des internationalen Forschungsstandes und lässt kaum einen Aspekt unberücksichtigt. Die räumliche Lage und ökonomische Situation der Varietés betrachtet sie ebenso wie die Zusammensetzung des Publikums, die Prostitution im Zuschauerraum und natürlich die auf der Bühne gebotene Unterhaltung. Immer wieder zieht sie Parallelen zu anderen Städten und zum Ausland. So besaß München zwar im Vergleich zu Metropolen wie London, Paris und Berlin eine wesentlich geringere Zahl von Varietés, doch lassen diese durchaus allgemeinere Entwicklungen erkennen. Vor allem aber zeigten sie neben stärker lokalen Attraktionen wie den Volkssängern auch überregionale und internationale Nummern.

Insgesamt betrachtet krankt die Arbeit jedoch leider an einem Missverhältnis zwischen empirischer Detailfülle und historischer Analyse. In der Anhäufung von Informationen verliert sie des Öfteren den Blick für das große Ganze. Gerade dort aber, wo man sich mehr Anschaulichkeit wünschen würde, bei der Darstellung der Bühnenunterhaltung, fehlt diese überraschend. Anstatt etwa ein idealtypisches Varieté-Programm vorzustellen und so einen Eindruck von dessen Anziehungskraft zu vermitteln, wird das Gedicht "Varieté" von Jakob van Hoddis in voller Länge zitiert, ohne daraus interpretatorische Funken zu schlagen. Ein sechzigseitiger Forschungs- und Literaturüberblick am Beginn, eingestreute Exkurse, viele lange Zitate und überfrachtete Fußnoten, die auf manchen Seiten mehr Raum einnehmen als der Text, wirken sich zudem störend auf den Lesefluss aus. Hier hätte ein zupackendes Lektorat Abhilfe schaffen können.

Fazit: Eine sorgfältig recherchierte, äußerst detailreiche Studie, die München auf der Landkarte des internationalen Varietés verortet und wichtige Grundlagen für zukünftige Forschungen bietet, die aber aufgrund darstellerischer Mängel wohl kaum eine Leserschaft abseits des Fachpublikums erreichen wird.

Tobias Becker