Rezension über:

Christian Nille: Mittelalterliche Sakralarchitektur interpretieren. Eine Einführung (= Einführung. Kunst und Architektur), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, 157 S., 33 s/w-Abb., ISBN 978-3-534-24945-9, EUR 14,90
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Rezension von:
Christofer Herrmann
Universität Olsztyn
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Kommentare zu dieser Rezension:

Kommentar von Christian Nille mit einer Replik von Christofer Herrmann

Empfohlene Zitierweise:
Christofer Herrmann: Rezension von: Christian Nille: Mittelalterliche Sakralarchitektur interpretieren. Eine Einführung, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 1 [15.01.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/01/23987.html


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Christian Nille: Mittelalterliche Sakralarchitektur interpretieren

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Die Reihe "Einführungen" wendet sich an eine studentische Zielgruppe, die zu wesentlichen Fragestellungen ihres Faches einen kompakten Überblick erhalten will. Auf dem Rückumschlag prangt ein stempelartiges Icon mit der Aufschrift "Bachelor - Master - geprüft", was dem Leser suggeriert, dass er sich unter Zuhilfenahme des Buches gezielt Prüfungswissen aneignen kann. Die gesamte Aufmachung des Büchleins ist dementsprechend: knapper Umfang, kurze Kapitel, zahlreiche Zwischenüberschriften, breiter Seitenrand für eigene Notizen und ein günstiger Preis. Der Konsument erwartet aufgrund der Aufmachung, nach zwei Lesestunden alles Wesentliche zum Thema zu wissen und damit auch eine Prüfung bestehen zu können.

Der Autor eines solches Werkes hat eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Er muss das anspruchsvolle und diffizile Thema der Interpretation mittelalterlicher Sakralarchitektur in konsumierbare Happen proportionieren. Sperrige und voluminöse Grundlagenwerke, etwa die großen Klassiker von Sedlmayr, Simson, Panofsky oder Bandmann, sind in intellektuelles 'Fastfood' umzuwandeln und müssen dem Leser dennoch eine Ahnung von der geistigen Grundsubstanz vermitteln. Von zentraler Bedeutung ist natürlich die richtige und ausgewogene Auswahl der Interpretationsansätze und Autoren, denn der studentische Leser soll schließlich einen Überblick zu allen wesentlichen Interpretationsansätzen erhalten, die die deutsche Architekturgeschichte seit dem 19. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Mit Christian Nille wurde diese schwere Bürde einem jungen Kunsthistoriker aufgeladen. Zweifel, ob der Autor einer solchen Aufgabe, die eigentlich langjährige Forschungs- und Lehrerfahrungen voraussetzen würde, gewachsen ist, verfliegen zunächst schnell. Nach zwei kurzen Kapiteln zur voruniversitären Interpretation der Sakralarchitektur (Vasari, Piccolomini, Goethe) und zur Stilgeschichte des 19. Jahrhunderts bewältigt Nille im umfangreichsten dritten Kapitel (mittelalterliche Sakralarchitektur als Bedeutungsträger) die schon erwähnten großen Klassiker zur gotischen Kathedrale mit bewundernswerter Souveränität. Er bringt die Grundthesen der Werke auf den Punkt, vermittelt dem Leser durch einige Originalzitate einen Eindruck von der Sprachdiktion und Argumentationsweise der Autoren und scheut sich auch nicht vor einer Wertung der Leistungen und Fehler der großen Meister.

So könnte es weitergehen, und den Studenten der Kunstgeschichte müsste nicht bange sein vor der Prüfung zu diesem anspruchsvollen Thema. Doch nach der Hälfte des Büchleins scheint dem Autor allmählich die Puste auszugehen. Die nachfolgenden Kapitel (soziale, politische Funktion, Memoria) fallen wesentlich knapper aus und die Gewichtungen erscheinen teilweise unausgewogen. Während Nille sich Warnke ("Bau und Überbau") recht ausführlich widmet, wird das bahnbrechende Werk von Kimpel / Suckale zur gotischen Architektur in Frankreich merkwürdig knapp abgehandelt.

Bei den letzten Kapiteln zerfasert das Büchlein inhaltlich immer mehr. Wesentliche Arbeiten zur Sakralarchitektur werden gar nicht erwähnt, stattdessen kommen einige Unterkapitel vor, die mit dem Thema überhaupt nichts zu tun haben. Im Kapitel über Sakralarchitektur und Ritual wäre der Platz gewesen, um sich eingehend mit dem Verhältnis von Bau und Liturgie auseinanderzusetzen - ein für die Interpretation von Kirchengebäuden doch ganz grundlegender Aspekt. Nille streift das Thema jedoch nur kurz und erwähnt die wichtigsten aktuellen Veröffentlichungen überhaupt nicht. Clemens Kosch hat in der vergangenen Dekade in zahlreichen Bänden die liturgische Gestalt romanischer und gotischer Kirchen in Deutschland rekonstruiert. Seine Herangehensweise passt inhaltlich perfekt zum Thema des Einführungsbandes und ist darüber hinaus gerade für eine studentische Leserschaft ausgezeichnet geeignet. Es bleibt vollkommen rätselhaft, warum Nille diese Publikationen ignoriert. Stattdessen fügt er in dem Kapitel zu Architektur und Ritual einen Abschnitt über soziologische Interpretationsmodelle ein, die nichts mit dem Thema zu tun haben, wie er im Einführungssatz auch selbst zugibt: "Sie beschäftigen sich weder mit dem Mittelalter noch mit der Sakralarchitektur" (106). Dennoch muss der Leser anschließend vier Seiten mit unerträglichen Soziologenphrasen über sich ergehen lassen, wobei sich vollkommen unverständliche Sätze mit erbärmlich banalen Aussagen abwechseln ("Um etwas platzieren zu können, muss es einen Ort geben, an dem es platziert wird."). Man fragt sich irritiert: Was soll das?

Nicht viel besser ist das nächste Kapitel über die formalanalytische Interpretation. Nachdem Nille im Vorwort ganz richtig auf den ständigen Konflikt zwischen Empirikern und Theoretikern in der Architekturforschung hingewiesen hat, wäre dies nun der Platz gewesen, die empirische Herangehensweise ausführlich zu erläutern, nachdem fast alle vorhergehenden Kapitel sich ausschließlich mit Theoriemodellen beschäftigt hatten. Doch nach einigen einführenden Bemerkungen und der Nennung der Namen Ulrich Großmann und Dethard von Winterfeld ist das Kapitel inhaltlich plötzlich schon beendet. Anstatt ein Hauptwerk von Winterfeld (etwa die Habilitationsschrift zum Bamberger Dom) als Beispiel dieses Interpretationsansatzes zu analysieren, beschränkt sich Nille auf zwei Zitate aus einer Festschrift. Es beschleicht einen der Gedanke, dass der Autor keine Zeit oder keine Lust zum Lesen weiterer dicker Bücher hatte und das Thema kurzentschlossen abwürgt. Um den vorhandenen Platz zu füllen folgt nun ein Text zur Ikonik, der mit Architekturinterpretation nicht das Geringste zu tun hat. Wiederum stellt sich beim Leser Verwunderung ein - irgendwie scheint das Büchlein nun ziemlich zusammenhangs- und konzeptlos zu sein. Ist dem Verfasser der Lektürestoff ausgegangen? Hat die Architekturgeschichte nicht mehr Interpretationsansätze zu bieten, sodass auf Arbeiten ausgewichen werden muss, die sich nicht mehr direkt mit der mittelalterlichen Architektur beschäftigen?

Dem ist aber keineswegs so. Beim Aspekt der formalanalytischen Interpretation hätten neben von Winterfeld auch die Namen Walter Haas und vor allem Hans Erich Kubach genannt werden müssen. Epochenmachende Werke wie die über den Speyerer Dom (Kubach / Haas / von Winterfeld), die Romanik im Rhein-Maas-Gebiet (Kubach / Verbeek) oder das gewaltige Opus zum Dom von Siena (Haas / von Winterfeld) dürfen in einem Einführungsband zum Thema der Sakralarchitektur schlichtweg nicht fehlen. Wissenschaftsgeschichtlich sind dies die großen Gegenentwürfe zu den ausführlich vorgestellten Werken von Sedlmayr oder von Simson - bei Nille kommen sie aber nicht einmal im Literaturverzeichnis vor. Unverständlich ist weiterhin das völlige Weglassen von Interpretationsansätzen, die die deutsche Kunstgeschichte zum Teil über Jahrzehnte dominiert haben. Kann man über die Geschichte der mittelalterlichen Architekturinterpretation in der deutschen Kunstgeschichte sprechen ohne den Namen Wilhelm Pinder auch nur zu erwähnen? Auch die marxistische Architekturgeschichtsschreibung ist vor allem (aber nicht nur) in der DDR jahrzehntelang eine wesentliche Forschungsrichtung gewesen. Selbst wenn völkische oder marxistische Interpretationen heute nicht mehr aktuell sind, so sind sie doch epochenprägend gewesen und können nicht einfach kommentarlos unter den Tisch fallen.

Das Fazit der Lektüre lautet: Der Leser sollte das Buch nur bis zur ersten Hälfte lesen und der Verlag sollte sich überlegen, ob für derartige Themen nicht doch erfahrenere Wissenschaftler engagiert werden sollten, denen nicht nach der Hälfte des Manuskripts die Recherchekondition ausgeht.

Christofer Herrmann