Rezension über:

Lucyna Darowska: Widerstand und Biografie. Die widerständige Praxis der Prager Journalistin Milena Jesenská gegen den Nationalsozialismus (= Edition Politik; Bd. 4), Bielefeld: transcript 2012, 528 S., ISBN 978-3-8376-1783-2, EUR 39,80
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Rezension von:
Natali Stegmann
Universität Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Natali Stegmann: Rezension von: Lucyna Darowska: Widerstand und Biografie. Die widerständige Praxis der Prager Journalistin Milena Jesenská gegen den Nationalsozialismus , Bielefeld: transcript 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/24257.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Lucyna Darowska: Widerstand und Biografie

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"Widerständige Praxis" - mit diesem Begriff grenzt Lucyna Darowska ihre Protagonistin vom Widerstandskämpfer als einer heroischen Figur ab. Anhand des Lebenswegs von Milena Jesenská (1896-1944) geht sie der Frage nach, durch welche biografischen Faktoren widerständiges Handeln ermöglicht wird. Jesenská ist vor allem als die Adressatin von Franz Kafkas Liebesbriefen bekannt. In Darowskas politikwissenschaftlicher Dissertation geht es jedoch um einen völlig anderen Zusammenhang: Jesenská widersetzte sich lange nach Kafkas Tod der nationalsozialistischen Herrschaft im Protektorat Böhmen und Mähren. Dies tat sie als Journalistin und indem sie bedrohten Menschen zur Flucht verhalf. Warum passte sie sich nicht an? Wie blieb sie trotz drohender Gefahr handlungsfähig? Diesen Fragen geht die Studie nach; dabei werden die unterschiedlichen Lebensabschnitte der Protagonisten jeweils auf ihre Dispositionen für die spätere Renitenz untersucht. Biografieforschung ist in der Politikwissenschaft eher selten. Darowska geht jedoch davon aus, dass sich politisches Handeln aus biografischen Motiven speist, die empirisch nachweisbar sind. Insofern versteht sie ihre Studie auch als Anregung insbesondere für die Widerstandsforschung.

Mehr als ein Drittel der Studie widmet sich dem theoretisch-methodischen Konzept, nämlich das erste Kapitel dem Biografischen ("New Historism als methodischer Rahmen biographischer Analysen in der Politikwissenschaft und Forschungsdesign der Arbeit") und das zweite dem Widerständischen ("Strukturen widerständiger Praxis"). "New Historism" beschreibt dabei einen sich vom Historismus und von der "Geschichte großer Männer" abgrenzenden Zugang, der zunächst auf die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen gerichtet ist. Damit einher geht auch eine Akzentverschiebung in der Definition des Politischen: Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die politischen Handlungen der Einzelnen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Unter dieser Prämisse wird zugleich die Fixierung auf spektakuläre widerständische Aktionen und auf vermeintliche Helden zugunsten komplexerer Zugänge aufgegeben.

Diese Vorannahmen prägen die weitere Darstellung. In vier Kapiteln werden so die biografischen Stationen der Protagonistin analysierend dargestellt. Erzählt wird die in vielen Details und Wendungen erstaunliche Geschichte einer jungen Frau aus dem Prager Bürgertum, die der ersten Generation Gymnasiastinnen angehörte und als Jungendliche ihre schwer kranke Mutter bis zu deren Tod pflegen musste. Das Verhältnis zur Mutter wird als liebevoll, das zum Vater als problematisch geschildert. Noch minderjährig übte sich Jesenská in zahlreichen Grenzüberschreitungen. Unter anderem verkehrte sie im Kreis der Literaten im Café Arco, wo sie auch Ernst Pollak kennenlernte. Die sich anbahnende Beziehung versuchte der Vater mit allen Mitteln zu unterbinden, wohl auch weil Pollak Jude war. Dieser Absicht folgte zumindest zum Teil auch die zwangsweise Einlieferung der 18-jährigen Milena in die Psychiatrie, wo sie einige Monate verbrachte und danach mit Pollak in das Wien der Nachkriegszeit zog, wo in jeder Hinsicht eine eher düstere Stimmung herrschte. Das Leben der jungen Frau war nun von zahlreichen Brüchen und Tragiken gekennzeichnet: schwere Krankheit, Morphiumsucht, eine von Eifersucht und Missverständnissen geprägte Ehe, schwierige Liebesbeziehungen und schwere Geldnöte sowie die ersten Arbeiten als Journalistin. 1925 zog Jesenská nach Prag zurück, wo sie sich der Gruppe Devětsil anschloss und den Architekten Jaromίr Krejcar kennenlernte, der ihr zweiter Ehemann und Vater ihrer Tochter Jana wurde. Auch diese Ehe scheiterte. In dieser Zeit gab es viele destruktive Elemente im Leben Jesenskás, unter anderem mit Sicherheit einen, vermutlich mehrere Selbstmordversuche. Trotz beruflicher Erfolge blieben Geldnöte prägend. In den späten 1920er-Jahren näherte sich Jesenská kommunistischen Kreisen an, distanzierte sich jedoch (unter Inkaufnahme erheblicher beruflicher Probleme) aufgrund ihres klaren Urteils über die stalinistischen Säuberungen schnell wieder davon. Darowska konstatiert während all dieser schwierigen Jahre eine zunehmende Tendenz Jesenskás, durch eigenes Handeln ihre Situation zu verbessern. Sie bescheinigt ihr zugleich große Empathiefähigkeit, die sich auch in Jesenskás Reportagen nachvollziehen lässt, und eine bemerkenswerte Furchtlosigkeit bei der Umsetzung dessen, was sie gefühlsmäßig für richtig hielt.

Nach dem Münchner Abkommen und bis zu ihrer Einstellung Ende 1939 arbeitete Jesenská bei der Zeitschrift Přítomnost, die dem Umfeld um den Gründungspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, der so genannten "Burg", nahestand, und später bei der Untergrundzeitung V boj. In dieser Zeit sind ihre Beiträge vor allem von Patriotismus und der Aufforderung zu widerständischem Handeln geprägt. Dabei war zugleich das Einfühlungsvermögen für die zahlreichen Flüchtlinge (besonders aus dem Deutschen Reich) und später für die Verfolgten groß. Nachdem Jesenská zahlreichen Menschen zur Flucht verholfen hatte, versäumte sie es, selbst rechtzeitig das Land zu verlassen. Sie wurde im November 1939 verhaftet und 1940 in Ravensbrück interniert, wo sie 1944 infolge einer Nierenkrankheit starb. Im Konzentrationslager arbeitete sie in der Krankenabteilung. Dies ermöglichte es ihr, zahlreiche Menschen vor der Exekution und vor Menschenversuchen zu retten. Der Schilderung nach konnte sie selbst unter den dortigen Bedingungen ihre Würde bewahren. Darowska schlussfolgert, dass Jesenská deswegen widerständige Praxis geübt habe, weil sie aufgrund eines tief empfundenen Mitgefühls nicht anders konnte. Dies erscheint in der dargestellten Perspektive als eine Folge der überwundenen Krisen und der Liebe zum Leben. Der Antrieb zum eigenständigen Handeln und die Fähigkeit zur autonomen Urteilsbildung sind demnach zusammen mit einer aus zahlreichen Grenzerfahrungen und der frühen Renitenz genährten Furchtlosigkeit die Dispositionen, die Jensenká dazu brachten, vor der Besatzungsmacht aufrecht zu bleiben. Diese These wird am Beispiel anderer Biografien verallgemeinert. So werden erfahrene Liebe, die Liebe zum Leben und überwundene Krisen als biografische Dispositionen für widerständisches Handeln ausgemacht. Von entscheidender Bedeutung sei dabei die Fähigkeit zu einer komplexen und empathischen Wahrnehmung der Welt und zum eigenständigen Handeln (im Gegensatz zur Rigidität) gewesen.

Um diesen Befund zum Thema Widerstand und Biografie auf die theoretisch-methodischen Überlegungen zurückzuführen, wird schließlich der "Mythos Milena" im Kontrast des Heydrich-Attentats ausgeleuchtet. Wo man zunächst annimmt, die Figur würde in Beziehung zu den Attentätern und damit zum heroischen Widerstandskämpfer gesetzt, vollzieht die Autorin plötzlich einen Schwenk hin zu einem Vergleich von Täter- und Widerstandsbiografien; sie vergleicht also Heydrichs Dispositionen mit denen von Jesenská. Auch wenn dieser Vergleich zum Teil durchaus erhellend ist, ist der Bruch in der Argumentation dennoch kritisch anzumerken. Insgesamt ist die Studie überaus detailreich und in vielen Punkten anregend. In dem Bemühen um eine dichte Beschreibung werden aber gerade die historischen Kontexte teilweise etwas weitschweifig behandelt. Dabei hat sich die Verfasserin teils etwas übernommen, was auch in einem unsicheren Umgang mit den Ergebnissen der historischen Forschung und in der allzu großen Bereitschaft, den Betrachtungen Jesenskás zu folgen, zum Ausdruck kommt (etwa, wenn es um die Rolle von Edvard Beneš oder die Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit geht). Nichtsdestotrotz ist die Arbeit ein wichtiger Beitrag zur Frage der Handlungsbefähigung von Subjekten im politischen Kontext und empfiehlt sich daher einem breiten Fach- sowie auch dem interessierten Publikum zur eingehenden Lektüre.

Natali Stegmann