Rezension über:

Natascha Sojc / Aloys Winterling / Ulrike Wulf-Rheidt (Hgg.): Palast und Stadt im severischen Rom, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2013, 324 S., 16 Farbtafeln, ISBN 978-3-515-10300-8, EUR 58,00
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Rezension von:
Florian Leitmeir
Julius-Maximilians-Universität, Würzburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Florian Leitmeir: Rezension von: Natascha Sojc / Aloys Winterling / Ulrike Wulf-Rheidt (Hgg.): Palast und Stadt im severischen Rom, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 11 [15.11.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/11/23225.html


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Natascha Sojc / Aloys Winterling / Ulrike Wulf-Rheidt (Hgg.): Palast und Stadt im severischen Rom

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Untrennbar verbunden mit dem Palatin ist für den Besucher Roms bis heute die in ihren Dimensionen und ihrer Pracht gewaltige Palastanlage, die sich während der Kaiserzeit sukzessive über den gesamten Hügel erstreckte. Neben der archäologischen und bauhistorischen Erschließung des Areals zielen aktuelle Forschungen auf das Verständnis der Funktion des Palastes und seiner historischen Entwicklung. Der hier zu besprechende Sammelband ist das Ergebnis einer im Rahmen des von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Forschungsvorhabens "Palast und Stadt im severischen Rom". Dessen Ziel ist zu untersuchen, wie sich soziale und organisatorische Strukturen in severischer Zeit veränderten und inwiefern sich die neuen Repräsentationsformen an der Gestaltung der Palasträume beobachten lassen.

Diese Leitfragen werden in der methodischen Hinführung von A. Winterling nach dem Aufzeigen allgemeiner Charakteristika von Hof, Stadt und deren Verbindung eingehend erläutert (9-21). Für das Rom der Kaiserzeit stellt er heraus, dass neben die traditionellen politischen Institutionen (Senat und Magistratur) der kaiserliche Hof als eigene Organisationsstruktur tritt, in der die Nähe zum Kaiser eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Diese politische Mischform manifestiert sich auch in der städtischen Struktur Roms, in der der kaiserliche Hof auf dem Palatin seinen Ort fand. Für die sich hieraus ergebenden Fragen nach der konkreten Gestaltung der Bauten auf dem Palatin für den Hof und nach den Wechselbeziehungen mit der traditionellen Organisationsform fokussieren die folgenden Beiträge nicht nur die archäologischen Befunde auf dem Palatin, sondern weiten den Blick auf die gesamte Stadt. Der Fokus auf die severische Zeit [1] ist dabei umso verständlicher, da in dieser Schwellenepoche Rom zunehmend seine Bedeutung als kaiserliches Herrschaftszentrum einbüßte. Die interdisziplinäre Ausrichtung des Projekts wird in der inhaltlichen Vielfalt der Beiträge bestätigt, deren Verfasser in der Regel darauf bedacht sind, ihre Einzeluntersuchungen auf die übergreifende Fragestellung auszurichten. Zu vermissen ist dabei aber eine klare Definition und konsequente Anwendung des Palastbegriffs, der vor allem hinsichtlich der Bewertung der Bauten auf dem Palatin relevant ist.

Um die Bedeutung des Wandels in severischer Zeit erfassen zu können, thematisieren zwei Beiträge die vorseverische Zeit. M.A. Tomei skizziert dabei die Entwicklungsphasen des Palatin von senatorischem Wohnareal zu kaiserlicher Residenz in julisch-claudischer Zeit (61-83). Erst seit den Neubauten der Flavier ließen sich auch Räume für den Hof bestimmen, die eine Charakterisierung der Anlage als Palast zulassen. Die urbanistische Entwicklung Roms in vorseverischer Zeit untersucht hingegen D. Palombi (23-60). Für die ersten beiden Jahrhunderte entwirft er ein faszinierendes Bild von der engen, untrennbaren Verbindung von Rom und Kaiser. Ihm gelingt es dabei, nicht nur den Einfluss des Kaisers auf die unterschiedlichen Lebensbereiche zu benennen, sondern seine Omnipräsenz (und die des Hofes) im Stadtbild zu verorten.

Dass die Gestaltung des severischen Hofes zu einer zunehmenden Lösung der realpolitischen Herrschaftsverbindung Rom - Imperium Romanum führte, thematisieren zwei althistorische Beiträge. Für die administrativen Veränderungen arbeitet Peter Eich heraus, wie der kaiserliche Stab mit der Stärkung des Prätorianerpräfekten, dem Einsatz prominenter Juristen und der Struktur der Finanzen großen Machtgewinn verbuchen konnte (85-104). Zudem betont er die Verbundenheit der Severer in ihren Reskripten mit der provinzialen Bevölkerung. Björn Schöpe zeigt in seiner Analyse der salutatio, des convivium und der kaiserlichen amici, dass trotz einer Kontinuität im Umgangs mit Aristokraten gerade über die Verleihung der ornamenta die städtischen hierarchischen Strukturen zugunsten des kaiserlichen Hofes untergraben wurden (123-156).

In engem Zusammenhang mit diesen Veränderungen steht auch die zunehmende politische Bedeutung des Militärs. A. Busch verweist dabei nicht nur auf die bekannte Zuwendung des Kaisers zu den Soldaten (Gesetzgebung, Aushebung neuer Legionen und Bau neuer Lager), sondern betont das veränderte Repräsentationsverhalten von Soldaten in der Sepulkralkunst (105-121).

Die Baumaßnahmen der Severer auf dem Palatin aus archäologischer und bauhistorischer Perspektive bilden - wie nicht anders zu erwarten - einen inhaltlichen Schwerpunkt des Sammelbandes. Die Aufsätze bieten dabei eine übersichtliche Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes. Nachdrücklich wird darauf hingewiesen, dass die architektonische Struktur gerade nicht - wie in der früher Forschung behauptet - als einheitlicher Wurf zu verstehen ist, sondern "die Suche nach der richtigen Form für den Kaiserpalast zwei Jahrhunderte" (206) dauerte. Die severischen Baumaßnahmen zeugen zunächst - wie J. Pflug zeigt (181-211) - von einer Kontinuität beim Wiederaufbau nach dem Brand 192 und einer Erweiterung des Palastes. Dies belegt auch die auf Vorgängerbauten beruhende große Anlage der Vigna Barberini mit dem Heiligtum für Jupiter/Elagabal (Beitrag F. Villedieu, 157-180). Die severischen Neuerungen werden deutlich an der veränderten Einbindung des Palastes in die urbane Struktur, die N. Sojc thematisiert (213-230). Zum einem werden assoziative, optische Bezüge an der Nordseite - auch in Verbindung mit dem Bogen auf dem Forum - hergestellt, zum anderen entsteht durch die Neuausrichtung der Palastanlage nach Südosten ein neuer Eingangsbereich, markiert vom Septizodium.

Das Phänomen baulicher Kontinuität vermag auch A. Grüner in seiner umfassenden Analyse severischer Kaiservillen erkennen (231-286). Aus dem kritischen Überblick über den archäologischen Befund suburbaner, am Meer und im Osten Roms gelegener Villen geht hervor, dass in severischer Zeit bestehende, vor allem antoninische Kaiservillen entweder in kleinem Maße umgebaut oder nicht mehr genutzt wurden.

Die besondere Rolle der severischen Paläste für die Entwicklung späterer Kaiserresidenzen stellt abschließend U. Wulf-Rheidt heraus (287-306). Wesentliche Elemente sind dabei die Verbindung mit einem Circus, einer Thermenanlage und einem großen Empfangsbereich.

Insgesamt reichen die Beiträge des hier angezeigten Sammelbands weit über das eigentliche Kernthema hinaus und eröffnen neue Perspektiven für die Erforschung von Stadt und Hof. Gerade für die severische Epoche kristallisieren sich die Phänomene der Kontinuität gegenüber den Vorgängern, Lösung der Bindung an Rom und Zuwendung an das Imperium Romanum und der damit verbundenen weiteren Aufwertung des kaiserlichen Hofes heraus. Auf die weiteren Ergebnisse des Forschungsprojekts "Palast und Stadt in severischer Zeit" darf man auf jeden Fall gespannt sein.


Anmerkung:

[1] Die kulturhistorische Bedeutung der severischen Epoche weckt seit einigen Jahren ein besonderes Interesse der Forschung. Vgl. S. Swain / S. Harrison / J. Elsner (eds.): Severan Culture (Cambridge 2007); S. Faust / F. Leitmeir (Hgg.): Repräsentationsformen in severischer Zeit (Berlin 2009); E. de Sena (ed.): The Roman Empire During the Severan Dynasty: Case Studies in History, Art, Architecture, Economy and Literature, AJAH N.S. 6-8, 2007-2009.

Florian Leitmeir