Rezension über:

Jorun Poettering: Handel, Nation und Religion. Kaufleute zwischen Hamburg und Portugal im 17. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2013, 405 S., ISBN 978-3-525-31022-9, EUR 69,99
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Rezension von:
Thomas Weller
Institut für Europäische Geschichte, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Weller: Rezension von: Jorun Poettering: Handel, Nation und Religion. Kaufleute zwischen Hamburg und Portugal im 17. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/22943.html


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Jorun Poettering: Handel, Nation und Religion

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Dem zu besprechenden Buch liegt eine an der Universität Hamburg eingereichte Dissertation zu Grunde, für die die Verfasserin 2012 mit dem Förderpreis der Gesellschaft für Historische Migrationsforschung ausgezeichnet worden ist. Gegenstand der Untersuchung sind drei Gruppen von Kaufleuten, die im 17. Jahrhundert zwischen Hamburg und Portugal Handel trieben: portugiesische Juden bzw. Neuchristen, emigrierte Niederländer sowie alt eingesessene Hamburger Kaufleute. Während sich die historische Forschung mit der ersten Gruppe bereits intensiv beschäftigt hat und auch zur Handelstätigkeit der Niederländer auf der Iberischen Halbinsel eine Reihe von neueren Untersuchungen vorliegt, leistet die Verfasserin für die dritte Gruppe von Kaufleuten zum Teil Pionierarbeit. Die bis dato einzige neuere Monografie zum Hamburger Portugalhandel datiert von 1954 und bedarf in vielerlei Hinsicht der Revision. [1] Doch auch mit Blick auf die Rolle der portugiesischen Juden gibt es eine Reihe von Fehleinschätzungen, die von der Forschung lange unhinterfragt tradiert worden sind. Es ist nicht das geringste Verdienst der Verfasserin, diese Einschätzungen auf der Grundlage neuer Quellen zu korrigieren und zu einem differenzierteren Blick auf die Rolle der untersuchten Akteursgruppen beizutragen.

Dabei mangelt es ihr nicht an Mut zum Widerspruch gegen etablierte Forschungsmeinungen und zur Formulierung eigener Hypothesen. Viele der bisher vorliegenden Studien, so Poettering (10f.), führten den vermeintlichen ökonomischen Erfolg von Kaufmannsdiasporen auf drei Faktoren zurück: erstens die besondere Loyalität und Solidarität zwischen den Gruppenmitgliedern, zweitens die gesellschaftliche und politischen Isolation in der Fremde, die die Binnenkohäsion noch verstärkt habe, sowie drittens einen besonderen Innovationsgeist bedingt durch vielfältige kulturelle Einflüsse im Zuge der Migrationsgeschichte. Demgegenüber geht Poettering dezidiert nicht davon aus, dass es "grundsätzlich von Vorteil für einen Kaufmann war, Mitglied einer Kaufmannsdiaspora zu sein" (11). Die Diasporabildung führt sie primär auf äußere Faktoren zurück. Überall dort, wo die Mehrheitsgesellschaft offen für Fremde gewesen sei, hätten sich die fremden Kaufleute relativ schnell integriert und assimiliert, wie die Hamburger und Niederländer in Lissabon. Wo Fremde aber politisch-rechtlich oder gesellschaftlich ausgegrenzt worden seien, wie etwa die portugiesischen Juden in Hamburg, hätten sie sich als Gruppe abgesondert. Gerade mit Blick auf die in Hamburg ansässigen portugiesischen Juden kann die Verfasserin zeigen, dass die Diaspora für diese Gruppe keineswegs von Vorteil war. Vielmehr resultierten aus ihrer prekären sozialen und politisch-rechtlichen Stellung sowohl am Herkunfts- wie auch am Zielort gravierende Wettbewerbsnachteile.

Der Hauptteil der Untersuchung gliedert sich in drei Kapitel, deren erstes (21-138) die politischen, rechtlichen und weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Handel zwischen Hamburg und Portugal skizziert. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Ausbildung von Handelskonsulaten und diplomatischen Gesandtschaften sowie auf die Rolle der portugiesischen Inquisition eingegangen. Das zweite Hauptkapitel (139-236) nimmt die Akteure des Handels selbst in den Blick, zeichnet ihre Wanderungsbewegungen nach, beleuchtet ihre soziale Herkunft und untersucht ihre geschäftliche Tätigkeit. Mit den Hamburger Admiralitätszollbüchern wertet die Verfasserin dabei eine wertvolle und bislang weitgehend unberücksichtigte Quelle aus, die sie mithilfe einer Datenbankanalyse für die Jahre 1632 und 1647 statistisch erschlossen hat. Aufschlussreich ist ihre Analyse insbesondere für den quantitativen Anteil der unterschiedlichen Gruppen am Iberienhandel. Anders als lange Zeit angenommen, hatten die portugiesischen Juden hier keine dominante Stellung inne. Ihr Anteil am Portugalhandel war mit 20 bis 30 Prozent nicht größer als der der Niederländer; am insgesamt wesentlich umfangreicheren Spanienhandel waren die in Hamburg ansässigen Portugiesen sogar nur mit 10, die Niederländer aber mit 40 bis 50 Prozent beteiligt.

Das dritte Kapitel des Hauptteils (237-337) beleuchtet Prozesse der Identitäts- und Gruppenbildung. Dabei geraten die Heirats- und Verwandtschaftsbeziehungen der Kaufleute ebenso ins Blickfeld wie temporäre oder dauerhafte Geschäftsbeziehungen, bis hin zu informellen Handelsnetzwerken und organisierten Interessenvertretungen. Eine wichtige Form des organisierten Zusammenschlusses bildeten religiöse Gemeinschaften wie die von Deutschen begründete Bartholomäus-Bruderschaft in Lissabon oder die niederländisch-reformierte bzw. portugiesisch-jüdische Kultusgemeinde in Hamburg. Die Verfasserin kommt dabei zu ebenso aufschlussreichen wie differenzierten Ergebnissen. Während die Handels- und Geschäftsbeziehungen der untersuchten Personen meist quer zu ethnischen und religiösen Grenzen verliefen, blieben die sozialen und verwandtschaftlichen Netzwerke insbesondere der in Hamburg ansässigen Juden und Niederländer relativ geschlossen. Ein gänzlich anderes Bild bot sich in Portugal bzw. Lissabon, wo die zugewanderten Hamburger oder Niederländer häufig Ehen mit Portugiesinnen eingingen, was vielfach mit einer Konversion zum Katholizismus verbunden war. Ob die meist im jugendlichen Alter zugewanderten Kaufleute indes "bereits nach wenigen Generationen im Ausland kaum noch [als Fremde] wahrzunehmen" waren (13), erscheint angesichts des Fortbestehens der angesprochenen religiösen Bruderschaften sowie konsularischer Interessenvertretungen fraglich.

An einigen Stellen hätte man sich eine bessere Einordnung der Ergebnisse in den Forschungskontext gewünscht. So berechtigt etwa die in der Einleitung geäußerte Kritik ist, trifft sie doch nicht auf alle Autoren zu, die sich in den letzten Jahren zu Handelsnetzwerken und Kaufmannsdiasporen geäußert haben. Auch die instruktiven Überlegungen der Verfasserin zum Zusammenhang von Mobilität, Migration und Identitätsbildung sowie zum vormodernen Nationsverständnis hätten vom Rekurs auf die umfangreiche neuere Forschungsliteratur zu diesen Themenfeldern profitieren können. Insgesamt sind Einleitung (9-20) und Zusammenfassung (339-344) ein wenig knapp geraten. So würde man beispielsweise gerne mehr darüber erfahren, weshalb der "Handelsraum zwischen Hamburg und Portugal" einen "Sonderfall" darstellt (14) bzw. wodurch er sich von anderen Räumen unterschied; hier wäre vor allem der Vergleich mit Spanien aufschlussreich gewesen. Ein wenig blass bleiben im Rahmen der Untersuchung auch die Rolle der spanischen Krone während der immerhin 80 Jahre währenden spanisch-portugiesischen Personalunion sowie die Einbindung Hamburgs in die Hanse, deren Bedeutung auf dem Feld der politischen Außen- und Wirtschaftsbeziehungen des 17. Jahrhunderts Poettering gelegentlich unterschätzt (99). Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, den Gegenstandsbereich auf Hamburg und Lissabon zu verengen. Von den anderen portugiesischen Häfen ist in der Untersuchung nur sporadisch die Rede. Außerdem hätten auf diese Weise perspektivische Verzerrungen vermieden werden können, die aus der oftmals ein wenig holzschnittartigen Gegenüberstellung des "absolutistisch" oder zumindest "tendenziell absolutistisch verfassten" (80, 163) Flächenstaats Portugal auf der einen und des "weitgehend unabhängigen Stadtstaats" (15) Hamburg auf der anderen Seite resultieren.

Die genannten Kritikpunkte schmälern jedoch in keiner Weise das Verdienst der Verfasserin, ausgehend von ihrem gut gewählten Fallbeispiel neues Licht auf zentrale Aspekte der europäischen Handels- und Wirtschaftsgeschichte zu werfen und ältere Forschungsmeinungen zu korrigieren. Wirtschaftshistoriker werden Poetterings Studie mit ebenso großem Gewinn lesen wie alle diejenigen, die an kulturellen Aspekten von Handel und Migration in der Frühen Neuzeit interessiert sind.


Anmerkung:

[1] Hermann Kellenbenz: Unternehmerkräfte im Hamburger Portugal- und Spanienhandel, 1590-1625, Hamburg 1954.

Thomas Weller