Rezension über:

Bianca Maria Lindorfer: Kampf gegen Windmühlen. Der niedere Adel Kastiliens in der frühen Neuzeit (= Studien zur Geschichte und Kultur der Iberischen und Iberoamerikanischen Länder / Estudios sobre Historia y Cultura de los Países Ibéricos e Iberoamericanos; Bd. 9), München: Oldenbourg 2004, 155 S., ISBN 978-3-486-56767-0, EUR 24,80
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Rezension von:
Thomas Weller
SFB 496, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Weller: Rezension von: Bianca Maria Lindorfer: Kampf gegen Windmühlen. Der niedere Adel Kastiliens in der frühen Neuzeit, München: Oldenbourg 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/5533.html


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Bianca Maria Lindorfer: Kampf gegen Windmühlen

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Selbst bei Lesern mit nur rudimentärer literarischer Bildung löst der Titel von Bianca Maria Lindorfers Untersuchung über den kastilischen Niederadel wohl unweigerlich Assoziationen aus. Wer kennt ihn nicht, den Ritter von der traurigen Gestalt? Don Quijote und sein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen galten schon den Zeitgenossen als Sinnbild für die prekäre Situation einer vom sozialen Abstieg bedrohten Gruppe innerhalb des frühneuzeitlichen Spaniens, deren Wertehorizont und adeliges Selbstverständnis zur Entstehungszeit von Cervantes' Werk von vielen Zeitgenossen bereits als Anachronismus empfunden wurde. Selbst- und Fremdbild, Lebenswelt und Überlebenskampf der Hidalgos, jener Niederadeligen, die in einigen Regionen Kastiliens bis zu 85% der Bevölkerung ausmachten und sich hinsichtlich ihres ökonomischen Status vielfach kaum von einfachen Bauern unterschieden, stehen im Mittelpunkt von Lindorfers Studie, die sich damit, wie die Verfasserin zu Recht feststellt, "zumindest im Kontext der deutschsprachigen Historiographie auf Neuland" vorwagt (15).

Dass der Niederadel auch von der spanischen Forschung bisher "nur am Rande behandelt" (14) worden sei, erscheint indes ein wenig übertrieben. Immerhin geben die vorhandenen Untersuchungen zum spanischen Adel so viel her, dass Lindorfer (nahezu) allein auf dieser Grundlage ihre 150 Seiten bestreiten kann. Die Verfasserin verzichtet weitgehend auf die eigene Auswertung von Quellen. Auch die von ihr herangezogenen Adelstraktate unterzieht sie keiner systematischen Analyse, sondern stützt sich fast ausschließlich auf die hauptsächlich spanischsprachige Forschungsliteratur, die sie im Hinblick auf ihre Fragestellung auswertet und damit erstmals auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht.

Nach einer knappen Einleitung (11-15), in der sie ihre Fragstellung kurz umreißt, gibt Lindorfer zunächst einen allgemeinen Überblick über die historischen Rahmenbedingungen im frühneuzeitlichen Spanien (16-30). Dabei setzt sie sich vor allem mit der viel diskutierten Frage nach der Krisenhaftigkeit der Epoche auseinander, ohne dabei aber selbst eindeutig Position zu beziehen. In politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht, so das Fazit der Verfasserin, sei die Frühe Neuzeit eine "facettenreiche Epoche" gewesen, in der sich "Zeiten der Prosperität mit jenen der Krise abwechselten" (30). Einmal abgesehen davon, dass man sich bei Lindorfer gelegentlich mehr Mut zu klaren Thesen und zum eigenen Urteil wünscht, wäre zu fragen, welche Relevanz die Diskussion um die diversen Krisen (des 15., 16. oder 17. Jahrhunderts) eigentlich für den Gegenstand der Untersuchung hat. Ganz gleich ob man nun von einer Krisenhaftigkeit des Zeitalters ausgeht oder nicht, entscheidend ist doch vor allem die Frage, welche Auswirkungen politische, soziale oder ökonomische Tendenzen auf die Lebenssituation derjenigen hatten, um die es im Rahmen der Studie geht.

Dass das 16. und 17. Jahrhundert für die große Mehrheit der Hidalgos ganz fraglos eine Zeit der Krise und des Niedergangs bedeutete und warum das so war, legt Lindorfer an anderer Stelle überzeugend dar. Der einleitende Überblick hätte daher ruhig etwas knapper ausfallen können, zumal die Verfasserin sich hier öfter als nötig auf Nebenpfade begibt. Auch ein mit den spanischen Verhältnissen wenig vertrauter Leser muss wohl nicht unbedingt wissen, dass die "transhumante Schafzucht" ein Phänomen war, das ausschließlich in Kastilien auftrat (25), oder welcher neuer Verfahren zur Silbergewinnung man sich bediente.

Der eigentliche Hauptteil der Untersuchung gliedert sich in vier thematische Blöcke, die sich mit der Stellung der Hidalgos innerhalb der spanischen Ständegesellschaft (Kapitel 3), mit den Möglichkeiten der sozialen Mobilität (Kapitel 4), mit sozialen Konflikten um die Standeszugehörigkeit (Kapitel 5) und schließlich mit dem Eigen- und Fremdbild des niederen Adels (Kapitel 6) befassen.

Dabei geht Lindorfer zunächst ausführlich auf den Wandel der Lebenswelt der Hidalgos ein (63-74). Hier zeigt sich besonders deutlich, dass bestimmte Prozesse, die man mit Blick auf die spanische Gesellschaft insgesamt eben keineswegs als Ausdruck einer Krise ansehen würde, sich auf die Situation des Niederadels durchaus krisenhaft auswirkten. Das Ende der Reconquista bedeutete für die Hidalgos den Wegfall eines zentralen Betätigungsfeldes und beraubte sie zugleich einer wesentlichen Legitimationsgrundlage für ihre sozialen Geltungsansprüche. Der wirtschaftliche Aufstieg neuer sozialer Gruppen, vor allem des Stadtbürgertums, aber auch nichtadeliger Grundbesitzer und Bauern, sowie Neuerungen im Militärwesen (wachsende Bedeutung der Fußtruppen) trugen zusätzlich zur Verschlechterung der Lebensumstände des Niederadels bei.

Gleichwohl gelang es vielen Hidalgos, ihren sozialen Status trotz der für sie negativen Entwicklungstendenzen zu wahren oder in Ausnahmefällen sogar zu verbessern, wie Lindorfer im vierten Kapitel darlegt. Neben dem Militärdienst, der - wenn auch unter veränderten Vorzeichen - in diesem Zusammenhang weiterhin eine große Rolle spielte, eröffnete die Beteiligung an der Eroberung und Ausbeutung der Neuen Welt sowie die Übernahme eines Amtes innerhalb der wachsenden staatlichen Verwaltung auch den Hidalgos zum Teil neue Mobilitätschancen. Voraussetzung für eine Tätigkeit im Staatsdienst war zunehmend akademische Bildung, an deren Erwerb nun auch der Niederadel vermehrt Interesse zeigte. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstammte mehr als die Hälfte (!) der jährlich 20 000 Studenten in Spanien dem niederen Adel. Dieser, jedenfalls gemessen an den Verhältnissen im Heiligen Römischen Reich, exzeptionell hohe Anteil von Adeligen - leider zieht Lindorfer hier keinen Vergleich - wirft ein bezeichnendes Licht auf die besondere Situation des kastilischen Niederadels.

Trotz aller Bemühungen war ein sozialer Aufstieg jedoch die große Ausnahme. Für die meisten Hidalgos ging es, wie Lindorfer im weiteren Verlauf der Untersuchung zeigen kann, in erster Linie darum, einen Abstieg zu vermeiden. Dabei sahen sich die Niederadeligen einer zunehmenden Prestigekonkurrenz vor allem durch reiche Stadtbürger und Bauern ausgesetzt. Die sozialen Konflikte, die aus dieser Konkurrenz erwuchsen, stellen ein bemerkenswertes und in dieser Häufung wohl nahezu einzigartiges Phänomen dar, das eine ausführlichere Würdigung verdient hätte, als sie Lindorfer allein auf der Grundlage der bisher vorhandenen Literatur bieten kann. Die Verfasserin ordnet die Konflikte in einen Zusammenhang mit antifeudalen Bewegungen und sozialen Unruhen ein. Der von ihr gewählte Terminus "soziale Mobilisierungen" (92 f.) ist dem Rezensenten nicht geläufig; möglicherweise handelt es sich hier um eine etwas unglückliche Rückübersetzung aus dem Spanischen (movimiento social - soziale Bewegung).

Unabhängig von solchen terminologischen Fragen ließe sich darüber diskutieren, ob sich alle von Lindorfer angesprochenen Konflikte tatsächlich in ein solches Modell "antiherrschaftlicher Bewegungen" (93) einfügen. Häufig übten die verarmten Hidalgos ja gar keine Herrschaftsrechte aus. Ihre Widersacher befanden sich auch in keiner von ihnen unmittelbar abhängigen, sondern ganz im Gegenteil in einer ökonomisch häufig überlegenen Position. Konflikte zwischen Hidalgos und der nichtadeligen Bevölkerung konnten sich etwa an der Besetzung von Ämtern in der Gemeindeverwaltung entzünden und wurden oft gewaltsam ausgetragen. Auch wechselseitige Schmähungen und andere Formen der Ehrverletzungen über die Standesgrenzen hinweg scheinen dabei keine Seltenheit gewesen zu sein.

Leider geht Lindorfer an dieser Stelle auf die Ehrthematik nicht näher ein, wenngleich sie im Verlauf der Untersuchung verschiedentlich auf das Standardwerk von Maravall verweist. Mit bemerkenswerter Häufigkeit wurden Konflikte um die Standeszugehörigkeit auch vor Gericht ausgetragen. Die Verfasserin kann dafür leider nur ein (bereits bekanntes) Fallbeispiel anführen, weist aber darauf hin, dass sich in den spanischen Archiven "zahlreiche noch unbearbeitete Akten" ähnlichen Inhalts befinden (106). Es wäre sicherlich ein lohnendes Unterfangen gewesen, weitere Konfliktfälle in die Untersuchung mit einzubeziehen. Insbesondere für die zentrale Frage nach der Fremd- und Selbstwahrnehmung der Hidalgos wäre die Analyse solcher Prozessakten vermutlich ergiebiger gewesen als die der literarischen Texte, mit denen sich Lindorfer in ihrem letzten Kapitel befasst. Ihr Fazit, dass es sich bei den unterschiedlichen literarischen Ausgestaltungen des Topos vom verarmten Hidalgo "keinesfalls um rein literarische Figuren handelte, sondern [...] um solche, die der Realität der frühen Neuzeit entsprangen" (120), vermittelt nach der Lektüre der vorangegangenen Kapitel kaum neue Einsichten.

Lindorfers Studie gewährt, trotz der genannten Kritikpunkte, insbesondere dem mit den spanischen Verhältnissen wenig vertrauten Leser einen guten Einblick in ein Thema von übergeordnetem Interesse. Mit ihrer Untersuchung zum kastilischen Niederadel leistet die Verfasserin zugleich auch einen allgemeinen Beitrag zur Frage nach den Bedingungen sozialer Mobilität und nach der Konstituierung ständischer Grenzen in der Gesellschaft des Ancien Régime. Eine stärkere Einbeziehung theoretischer Konzepte wäre dabei sicherlich von Nutzen gewesen. Auch hätte man sich eine konsequentere Einordnung des Fallbeispiels in den europäischen Kontext gewünscht. Dies schmälert aber in keiner Weise das Verdienst der Verfasserin, ein bisher jedenfalls aus deutscher Perspektive scheinbar abgelegenes Thema in den Mittelpunkt des Interesses gerückt zu haben.

Thomas Weller